Leitring: Richard Lipp tauschte Zahlen gegen Hopfen und Malz
34 Jahre arbeitete Richard Lipp im Einkauf, dann machte er seine Leidenschaft zum Beruf. In seinem Bieratelier setzt er auf Handwerk und kreative Rezepturen.

Um sechs Uhr früh hat Richard Lipp an diesem Tag den Kessel angeworfen. Hausbier steht auf dem Programm, ein klassisches Märzen und sein meistverkauftes Bier. Fünf bis sechs Wochen wird es gären und reifen, ehe es in die Flasche kommt. „Unter vier Wochen bleibt bei mir kein Bier im Tank.“
Wer das Bieratelier am Ahornweg in Leitring betritt, merkt schnell, dass hier mehr als nur produziert wird. Alte Wirtshaustische und Stühle stehen dort, Bierdeckel tragen die Aufschrift „Handgebraut & ungefiltert“, an der Wand fordern auf einem Schwarz-Weiß-Foto Demonstranten auf Transparenten: „We want beer“.

Dabei deutete in Lipps Lebenslauf lange wenig auf eine Brauerei hin. Der gelernte Industriekaufmann arbeitete fast 34 Jahre bei Humanic, zuletzt als Bereichsleiter im kaufmännischen Einkauf. Kreativität suchte er beim Kochen, Fotografieren und Fermentieren – und schließlich beim Bier.
2016/17 wagte er den ersten Sud. „Das erste Brauergebnis hat tatsächlich nach Bier geschmeckt“, schmunzelt er. Bald verbrachte er fast jedes Wochenende am Braukessel. Ende 2017 wurde daraus ein Gewerbe.
Den entscheidenden Schub gab Ehefrau Christine Lipp-Sunko. Als Richard noch überlegte, im sicheren Job zu bleiben, stellte sie ihm eine andere Rechnung: Er solle ausrechnen, „wie viel Geld du potenziell im Leben noch verdienen kannst – und wie viel Zeit du im Leben noch zurückkriegst“. 2022 kündigte Lipp. „Ich war frei.“

Christine plante später federführend den Umbau der ehemaligen Garage zum Brauhaus. Im März 2023, rund um Lipps 50. Geburtstag, war Baubeginn, am 23. Oktober wurde eröffnet. Heute produziert der 53-Jährige rund 100 bis 120 Hektoliter pro Jahr.
Isabella trifft auf Reisbier
Neben dem Hausbier experimentiert Lipp mit japanischem Reisbier, belgischem Tripel oder dem einmal jährlich gebrauten Isabella-Bier aus Trauben einer 40 Jahre alten Isabella-Hecke. Das Reisbier wurde aus dem Stand seine zweitstärkste Sorte.
Auch die „Hawi“-Biere tragen Lipps Handschrift. Aus einem Scherz unter Freunden wurde eine Serie internationaler Bierstile mit steirischem Augenzwinkern – vom „God Save the Hawi“ bis zum Reisbier „Kanpai Hawi-Sama“.
Auf starkes Wachstum ist Lipps Geschäftsmodell nicht ausgelegt. Er will Einzelunternehmer bleiben und selbst über Rezepturen, Qualität und Tempo entscheiden. „Wenn man nur daran interessiert ist, möglichst viel Geld zu verdienen, dann ist man auf dem falschen Weg.“
