Hartberger Kinderärztin: „Mehr Vertrauen ins Bauchgefühl wäre wichtig“
Seit Sommerbeginn ist Stefanie Preiß als neue Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in Hartberg tätig. Im Interview erzählt sie von ihrer Begeisterung für die Pädiatrie, dem Umgang mit schweren Schicksalen und ihrem Team als Glücksgriff.

Frau Preiß, zu Beginn des Sommers haben Sie die Ordination von Kinderarzt Ernst Paar in Hartberg übernommen. Wie beurteilen Sie die derzeitige kinderärztliche Versorgung im Bezirk?
Wir sind mit drei Kinderärzten – mit Dr. Rodler und mir in Hartberg sowie Dr. Tappauf in Fürstenfeld – gut aufgestellt. In anderen Regionen wie der Obersteiermark ist es zum Vergleich wirklich schwierig.
Warum haben Sie sich für die Pädiatrie entschieden?
Der Alltag mit Kindern ist so schön, spannend und lustig, weil man nie weiß, was kommt. Jedes Kind ist anders. Es gibt natürlich schlimme Fälle und wenn ein Kind schwer krank ist oder stirbt, trifft einen das sehr. Trotzdem muss man sagen, dass man sehr viele gesund macht. Das ist das Schöne. 90 Prozent unserer Patienten, die in die Ordination kommen, sind krank. Sobald sie aber behandelt werden, sind sie eine Woche später bei der Kontrolle wieder quietschvergnügt.
Wie schaffen Sie es, sich von schlimmen Schicksalen abzugrenzen?
Ich merke schon, dass es schwieriger ist, seit ich Mama bin, gerade, wenn die Kinder gleich alt sind. Aber im Prinzip ist es so, dass man letztendlich immer nur sein Bestes geben kann. Mir hilft es auch sehr, mit Kollegen darüber zu reden.
Würden Sie sagen, dass Sie auch privat einen anderen Blick auf Kinder haben?
Ja, natürlich schaut man durch den Beruf auf manche Dinge anders. Aber mir ist wichtig, den Fokus auf das Kind als Ganzes zu legen und nicht nur auf mögliche Krankheiten oder Auffälligkeiten.
Zur Person
Nach der Matura am Gymnasium Hartberg hat Stefanie Preiß von 2007 bis 2014 Humanmedizin an der Medizinischen Universität Graz studiert. Während ihrer Studienzeit war sie beim Roten Kreuz tätig, unter anderem als Sanitäterin, Lehrbeauftragte und Betreuerin beim Jugendrotkreuz.
Von 2014 bis 2018 absolvierte Preiß ihre Ausbildung zum Allgemeinmediziner (Turnus) in Vorarlberg. Ihre Facharztausbildung im LKH Graz sowie im Krankenhaus Oberwart schloss sie im Jahr 2022 erfolgreich ab. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Ausbildung lag in der pädiatrischen Pulmonologie und Allergologie sowie in der pädiatrischen Palliativmedizin.
Preiß, geboren am 30. Mai 1989 in Hartberg, lebt mit ihrem Partner und den zwei gemeinsamen Kindern (4 und 2 Jahre) in Habersdorf bei Hartberg.
Was ist für Sie kindgerechte gute Medizin?
Für mich bedeutet das, nicht nur die Medizin, sondern das Kind, seine Bedürfnisse und sein Umfeld zu sehen. Es bringt nichts, wenn ich zu einer Mama, die noch zwei Kinder zu Hause hat, sage, sie muss jetzt spezielle Therapien einhalten, die unmöglich für sie sind. Man muss immer die Gesamtsituation sehen, nicht nur die Krankheit. Gute Medizin heißt deshalb auch, sich möglichst viel Zeit zu nehmen, zuzuhören. Das ist auch das Schöne an der niedergelassenen Medizin für mich: Ich lerne meine Patienten und die Familien kennen.
Haben Sie sich deshalb für eine eigene Ordination entschieden?
Mir hat das Krankenhaus auch sehr viel Spaß gemacht, aber langfristig wollte ich immer in die Ordination, weil man viel näher an den Familien ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Praxis von Dr. Paar übernehmen konnte, er hat mir sehr viel beigebracht. Und mit dem Team habe ich einen Glücksgriff gemacht, besser hätte es mir nicht passieren können. Gerade am Anfang ist man sehr abhängig vom Team. Es gibt einfach so viele Dinge neben der Medizin, mit denen man noch nicht in Berührung gekommen ist, wenn man zuvor im Krankenhaus gearbeitet hat.
Liegen darin die Herausforderungen einer Praxis?
Man ist nicht nur Ärztin, sondern auch Unternehmerin und muss sich um alles nebenbei kümmern, um die Mitarbeiter, Bestellungen, Miete und so weiter.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass sich nicht nur Kinder, sondern auch Eltern bei Ihnen wohlfühlen?
Die Kinder und Eltern sind eine Einheit. Man braucht mit allen eine gute Basis, aber die Kinder sind meine Patienten. Ich versuche, mit ihnen auf Augenhöhe zu reden. Sie haben das Recht, dass man ihnen die Dinge erklärt, die mit ihnen passieren, und ihnen auch ehrlich sagt, dass etwa eine Blutabnahme kurz wehtut.
Kennen Sie schon einen Trick, damit bei solchen Pieksern keine Tränen fließen?
Leider noch nicht. Es ist auch jedes Kind anders. Es gibt welche, denen macht das gar nichts aus, und andere kommen rein und man weiß, es wird für alle Beteiligten ein bisschen stressig, aber die Kinder verzeihen einem sehr viel. Bei der Blutabnahme oder beim Impfen schreien sie und zwei Sekunden später, wenn ich ihnen ein Pickerl gebe, lachen sie mich an. Das ist total schön.
Welchen Rat würden Sie Eltern gern geben?
Angesichts der zunehmenden Impfskepsis wäre mehr Vertrauen in die Schulmedizin wichtig, aber auch in sich und das eigene Bauchgefühl. Dass man sich nicht von Dingen, die man im Internet gelesen hat, verunsichern lässt.
Zur Ordination
Seit Jänner 2023 war Stefanie Preiß als Stellvertreterin in der Ordination von Ernst Paar tätig. Mit 1. Juli hat sie die Praxis in der Baumschulgasse 5 in Hartberg übernommen. Ihr Team umfasst fünf Mitarbeiterinnen. Die Öffnungszeiten sind unverändert geblieben.


