Wolfsberger Firma lässt 500 Jahre alte Tradition zum Leben erwachen
„Packt an!“ – nach Jahren wurde erstmals ein Lehrling bei der Tubex Tubenfabrik „gegautscht“. Wie die traditionelle Feier ablief und welche Geschichte dahinter steckt. Mit Video.

Ein sonniger Sommertag, eine mit kaltem Wasser gefüllte Wanne, ein nasser Schwamm, ein Stuhl und vier Eimer voller Druckfarbe – auf dem Werksgelände der Tubex Tubenfabrik in Wolfsberg war alles vorbereitet. Was sich an diesem Tag hier abspielte, hat eine Geschichte von mehr als einem halben Jahrtausend: Das Gautschen wurde bereits im 15. Jahrhundert zur Zeit Kaiser Friedrichs III. dokumentiert und zählt zu den ältesten Berufstraditionen des Druckgewerbes. Früher markierte das Ritual den Übergang vom Lehrling zum Gesellen.
Die symbolische „Taufe“ sollte den Buchstaub und die Fehler der Lehrzeit abwaschen. Am Ende erhielt der Geselle seinen Gautschbrief – bis heute ein Zeichen der Zugehörigkeit zur Druckerfamilie. Das Gautschen wird heute nur noch selten durchgeführt und gilt in Österreich als immaterielles Kulturerbe. (Quelle: Unesco)

Alle Beteiligten und traditionell besetzten Rollen – Ausbildner Bernhard Melcher und an diesem Tag Gautschmeister, Günter Monsberger als Schwammhalter, die nötigen „Packer“, Zeugen sowie Farbkübelschütter – machten sich auf den Weg in die Fabrik. Und zwar zu der Person, die an diesem Tag „gegautscht“ werden sollte und von alledem nichts wusste: Drucktechnikerlehrling Philipp Streit. Während seiner Schicht ertönte plötzlich der traditionelle Ruf von Gautschmeister Melcher: „Packt an!“. Zwei Kollegen schnappten sich den frischgebackenen Gesellen und trugen ihn mit viel Gelächter nach draußen. Dort warteten bereits zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf das Spektakel. Selbst aus den Fenstern des Bürogebäudes verfolgten viele neugierig das Geschehen.

Nach alter Tradition verlas Melcher den Gautschspruch. Anschließend wurde Philipp Streit mit einem Schwamm symbolisch von den „Sünden der Lehrzeit“ gereinigt, zweimal in die mit kaltem Wasser gefüllte Wanne getaucht und schließlich mit den Farbkübeln überschüttet. Der Jubel danach war ihm sicher. Zum Abschluss fielen sich Lehrling und Ausbildner lachend in die Arme – ehe Philipp versuchte, seinem Gautschmeister ebenfalls noch eine kleine Dusche zu verpassen, leider ohne Erfolg.

Für Melcher, Abteilungsleiter Druck bei der Tubex, war rasch klar, dass der erfolgreiche Lehrabschluss von Philipp Streit mehr verdient als einen Händedruck. „Die Idee, nach langer Zeit wieder eine echte Gautschfeier auszurichten, entstand gemeinschaftlich im Ausbildungsteam und der Betriebsleitung. Denn Philipps Leistung sollte gebührend honoriert werden.“ Mit viel Liebe zum Detail wurde die Zeremonie vorbereitet. „Der Lehrling wird damit offiziell in den Kreis der Schwarzkünstler aufgenommen“, erklärt Melcher. Für ihn ist die Wiederbelebung des Brauchs weit mehr als ein netter Spaß. „Früher wurde dieser Brauch in den Familiendruckereien des Lavanttals intensiv gepflegt. Mit der Industrialisierung ist er aber immer mehr in den Hintergrund gerückt.“
Als ich erfahren habe, dass es eine Gautschfeier geben wird, war ich schon aufgeregt. Es ist schließlich eine alte Tradition.
— Philipp Streit, „Gegautschter“ Geselle
Für Philipp Streit kam der große Moment überraschend. „Als ich erfahren habe, dass es eine Gautschfeier geben wird, war ich schon aufgeregt. Es ist schließlich eine alte Tradition.“ Dass es allerdings genau an diesem Tag und mitten während der Arbeit passieren würde, wusste er nicht. „Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Dann war es eben so weit – und ich habe mir gedacht: Jetzt ziehen wir es durch.“
Der 19-Jährige aus St. Paul entschied sich nach einem AMS-Berufskompass bewusst für die Ausbildung zum Drucktechniker. „Mich haben Farben und Drucktechniken einfach interessiert. Deshalb würde ich mich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden.“ Seine Lehrzeit beschreibt er als abwechslungsreich. „Sie war interessant, angenehm, aber auch fordernd und lustig.“ Nach dem Grundwehrdienst möchte er wieder zur Tubex zurückkehren.

Mit den traditionellen Druckereien vergangener Jahrhunderte hat der heutige Berufsalltag nur noch wenig gemeinsam. Aus dem klassischen Handwerk ist längst ein Hightech-Beruf geworden. „Früher standen Handarbeit, mechanische Einstellungen und das Mischen der Farben im Mittelpunkt. Heute überwachen Drucktechniker hochautomatisierte Anlagen, führen elektronische Qualitätskontrollen durch und arbeiten mit modernen Computersystemen. Ohne IT- und Softwareverständnis läuft im Druck heute praktisch nichts mehr“, sagt Melcher. Gerade deshalb sieht er beste Zukunftschancen für junge Menschen.

Bei Tubex Wolfsberg, mit der Geschäftsführung Cornelius Grupp und Michael Kogler, werden jährlich rund 400 Millionen Aluminiumtuben produziert. In der Tubenfabrik war die Gautschfeier die erste ihrer Art seit vielen Jahren. Der letzte erfolgreiche Lehrabschluss im Bereich Drucktechnik war im Jahr 2017. Für Melcher soll das Ritual nun wieder fixer Bestandteil jeder bestandenen Lehrabschlussprüfung werden: „Das Fest hat gezeigt, wie wichtig es ist, besondere Leistungen zu feiern und alte Werte mit modernem Teamgeist zu verbinden.“

Dass dieser Brauch im Lavanttal einst weit verbreitet war, wissen auch die Tubex-Mitarbeiter Elke Nachlinger und Alois Deutinger, die ebenfalls in den 1990er-Jahren „gegautscht wurden.“ Nachlinger musste nach ihrem Lehrabschluss 1991 damit rechnen, „gegautscht“ zu werden: „Reservekleidung und Handtücher hatte ich Tage zuvor schon sicherheitshalber mitgenommen.“ Bei der Druckerei Theiss, die jedoch Ende 2021 geschlossen wurde, lief das Gautschen besonders traditionell ab: Nach der symbolischen Reinwaschung mit Schwamm und dem Überschütten mit eiskaltem Wasser wurde der frischgebackene Geselle an Händen und Füßen gepackt, über die Straße getragen und in die Lavant geworfen. „Der Seitenarm des Flusses war damals etwa 1,3 Meter tief und wies nur eine geringe Strömung auf, sodass die Zeremonie zwar nass, aber relativ ungefährlich war“, erinnert sich Nachlinger zurück.

Der eigentliche Gautschbrief wurde jedoch nicht sofort überreicht. Dies geschah erst im Rahmen einer Feier, die der neue Geselle selbst finanzieren und ausrichten musste. Erst mit dieser Feier und der Übergabe des Gautschbriefes gehörte man offiziell zum Kreis der Gesellen und erst ab diesem Zeitpunkt durfte man die anderen Gesellen duzen.

Mehr als 30 Jahre später knüpft Tubex nun wieder an diese Tradition an. Zwischen digital gesteuerten Druckwerken, computergestützter Qualitätskontrolle und moderner Verpackungstechnologie erinnert das Gautschen daran, dass manche Werte jede technische Entwicklung überdauern.



