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Wie sich Bürgermeisterin Elke Kahr Medien stellt, aber deren Logik entzieht

Von ABC bis ZiB2 – die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr stellte sich Dutzenden Interviewern, verweigerte aber Antworten auf klassische Journalistenfragen.

Gezeichnet und um Fassung ringend stellte sich Elke Kahr unzähligen TV-Teams
© Bernd Hecke
Gezeichnet und um Fassung ringend stellte sich Elke Kahr unzähligen TV-Teams
Bernd Hecke
Chefreporter

Es ist ein heikler Abend. Für Elke Kahr, die plötzlich Bürgermeisterin der Stadt des schlimmsten Amoklaufes an einer Schule in der österreichischen Geschichte ist. Auch für uns Journalisten, die binnen Sekunden den Ton treffen, die richtigen Fragen stellen wollen. Nicht immer gelingt dies. Und Elke Kahr lässt Medien das auch spüren. Ohne Groll, ohne Nachsicht.

„Frau Bürgermeisterin, wie geht es Ihnen in der Stadt, in der der schwerste Amoklauf der Geschichte . . . “, setzt ein Reporter nach dem Gottesdienst im Dom an. Kahr, um Fassung ringend: „Wissen Sie, ich habe nicht in die Geschichte zurückgeblickt.“ Darum gehe es hier überhaupt nicht. Nicht um traurige Superlative, um die Einordnung des Unfassbaren in eine Skala des Grausamen. „Es ist wichtig, dass wir hier sind für die Menschen, die Familien.“

Wissen Sie das Härteste ..., Nein, das ist doch nicht wichtig, wie es mir geht.“

— Elke Kahr (KPÖ), Grazer Bürgermeisterin

Ein anderer Reporter versucht es noch emotionaler: „Frau Kahr, wie geht es Ihnen persönlich nach diesem schweren Tag.“ Kahr zögert, beginnt fast auf die Frage einzugehen – und zieht zurück: „Wissen Sie das Härteste . . ., Nein, das ist doch nicht wichtig, wie es mir geht. Für mich war es ein langer Arbeitstag, ja. Aber es geht nur darum, wie es den betroffenen Familien geht, dass wir den Hinterbliebenen, Schülern, Lehrern zur Seite zu stehen.“

ABC-Network aus den USA, ZDF, Die Welt, der ORF, RAI, natürlich auch die Kleine Zeitung und viele weitere nationale und internationale TV- und Radiostationen mehr haben die Schule vor ihren Linsen, den Dom beim Gedenkgottesdienst, die Helmut List-Halle, wo am Tag nach dem furchtbaren Amoklauf die Trauerarbeit der Schule mit Psychologen beginnt.

Keine Politik, aber vielleicht ein Waffenverbot?

Die Grazer Bürgermeisterin verweigerte es schon am Tag der Bluttat, klassischen Journalistenfragen nach den Lehren aus dem Wahnsinn, nach politischen Antworten zu befriedigen: „Heute ist kein Tag für Politik. Wir wissen zu wenig, um hier Lehren daraus ziehen zu können.“ Ihre einzige Lehre ist die, die sie schon davor in ihrem Leben gezogen hat: „Meine ganz persönliche Meinung ist, dass man viel zu leicht einen Waffenschein bekommt. Waffen sollten nicht in privater Hand sein dürfen, die sollte nur die Exekutive tragen.“ Diesen Satz wird sie auch im ORF um 22.10 Uhr wiederholen.

Wie halten Sie es mit der Religion?

Das Letzte kommt zum Schluss: Im ZiB-2-Interview fragt Armin Wolf nicht nur, wie es ihr geht. Er fragt, wie sie denn den Trauergottesdienst empfunden habe, wo sie doch nicht religiös sei. Kahr, die Minuten vor dem Interview Bischof Wilhelm Krautwaschl noch mit Küsschen auf die Wange begrüßt hat, atmet durch und beantwortet Wolfs Frage eher nicht. Es ist nicht die Stunde, um Glaubensfragen der kommunistischen Bürgermeisterin zu diskutieren. Ihre Antwort also: „Das Wichtigste ist, dass man nicht alleine ist, zusammensteht, zusammenkommt. . . “ Wolf, der stets Nachfragende, hakt heute nicht nach, verkneift sich den Satz: „Das war nicht meine Frage.“ Ein Segen. Elke Kahr, gezeichnet und in unzähligen Interviews um Worte ringend, die heute schwer zu finden sind, hätte im letzten Interview vielleicht doch noch die Fassung verloren.

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