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„Ich hab gesehen, wie der Typ ein Schloss aufschießen wollte“

Religionslehrer Paul Nitsche sah den Täter im Borg Dreierschützengasse und flüchtete. Jetzt bereitet sich der Seelsorger darauf vor, die Trauerarbeit an der Schule zu begleiten.

Religionslehrer Paul Nitsche
© Pajman
Religionslehrer Paul Nitsche
Bernd Hecke
Chefreporter

Er wolle die Schüler schützen, rede als der Seelsorger, als Betroffener, aber nicht als Lehrer für die Schule, ist Paul Nitsche bemüht, seine Rolle gegenüber Journalisten klarzustellen. Als die ersten Schüsse an der Schule zu hören waren, saß der evangelische Religionslehrer alleine in einer Klasse des Borg Dreierschützengasse, weil die Maturajahrgänge ja keinen Unterricht mehr haben. Ruhig und konzentriert erzählt der Pädagoge das Erlebte vor der Helmut-List-Halle, in der an diesem Mittwoch die organisierte Trauerarbeit beginnt. Bildungsdirektion, Schulpsychologen und das Kriseninterventionsteam des Landes haben Schülerinnen und Schüler und das Lehrpersonal eingeladen, hier zusammenzukommen. Die Trauerarbeit beginnt vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Vor der Listhalle trafen die Schüler ab acht Uhr ein
© Hecke
Vor der Listhalle trafen die Schüler ab acht Uhr ein

„Ich habe das Geschehen zuerst ausgeblendet“

„Ich habe gehört, es haben zuerst Nachbarn die Polizei gerufen, nicht die Schule“, erzählt der Lehrer weiter – und dann auch warum: „Ich habe die Schüsse, das Geschehen zuerst sicher fünf Minuten ausgeblendet.“ Die Realität, das Grauen blieb ausgesperrt. Als es dann doch bis zu ihm durchdrang und er aus der Klasse auf den Gang trat, hat Nitsche „den Typen gesehen, wie er versucht hat, ein Türschloss aufzuschießen. Dann bin ich davon gelaufen.“

Innehalten: Die Schule bleibt noch gesperrt, die Homepage ist offline
© Klz / Stefan Pajman
Innehalten: Die Schule bleibt noch gesperrt, die Homepage ist offline

Seine Gedanken sind bei den Familien, die „wirklich betroffen sind, die in der Früh ein Kind verabschiedet haben“, das nicht mehr von der Schule heimkommen sollte. Wie ist das zu verkraften, zu verarbeiten? „Ich weiß es nicht. Ich, wir erleben das alle zum ersten Mal. Wir müssen jetzt Schritt für Schritt gehen.“

Das Wichtigste jetzt: Dasein und Zuhören

Was es jetzt braucht, erklärt Edwin Benko, Einsatzleiter des Kriseninterventionsteams in der List-Halle: „Die Menschen müssen spüren, dass jemand für sie da ist, jemand der zuhört.“ Vielleicht auch jemand, mit dem man schweigen kann. Was können Eltern tun? „Da sein und bedenken, dass jetzt jedes Verhalten der Jugendlichen normal ist.“ Weil diese Situation alles andere als normal sei, braucht es den Raum. Sollte der Ausnahmezustand der Jugendlichen länger andauern, „dann muss man sich auch professionelle Hilfe holen“, sagt Benko.

Schulsprecher Ennio Resnik bittet um Respekt: „Es ist noch viel zu früh, um zu reden.“
© Hecke
Schulsprecher Ennio Resnik bittet um Respekt: „Es ist noch viel zu früh, um zu reden.“

Die Schüler stehen in Gruppen vor der Halle, reden, schweigen, halten sich bei den Händen, umarmen einander. Reden, nein reden will hier heute keiner mit der Presse, die die Szenen mit unzähligen Kamerateams, aber auch mit Respektabstand beobachtet. Schulsprecher Ennio Resnik tritt vor die Kameras mit einer Bitte an die Medien: „Bewahren Sie Ihre Integrität, den Respekt vor der Schule, vor uns. Es ist viel zu früh, um mit der Presse zu reden. Wir bitten Sie, nehmen Sie Rücksicht.“

Wie kann Gott das zulassen?

Als Seelsorger bereitet sich Seelsorger Nitsche gedanklich schon auf die Frage vor, „wie kann Gott das zulassen?“ Seine Antwort wäre vielleicht: „Möglicherweise schaut er ja jetzt ganz besonders auf uns.“ Das Wir ist in diesen Tagen wieder besonders großgeschrieben, mit einem Blick zurück zur furchtbaren Amokfahrt in Graz vor zehn Jahren. Es braucht die Gemeinschaft, das Zusammenrücken. Das betonen alle Betroffenen, Befragten irgendwann in ihren Statements.

Und wie geht es an der Schule weiter, mit dem Dienst, den Jahreszeugnissen. „Bis Freitag ist die Schule geschlossen, sichert die Polizei noch einmal alles“, sagt Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner: „Dann werden wir wieder in den Unterricht gehen.“ Alle Experten sagen, die Rückkehr an den Ort, zur Routine – und soweit das geht – zur Normalität sei jetzt wichtig. Die Matura könne man bis 4. Juli strecken, für alle, die sich der mündlichen Prüfung jetzt nicht stellen können. Und bei der Bewertung, der Benotung wird wohl die Menschlichkeit heuer oberstes Prinzip sein.

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