Parks sind voll, Wohnungen mit Garten heiß begehrt – die Sehnsucht nach dem Grün im Grau ist groß. Warum gibt es dann nicht schon viel mehr Gründächer oder -fassaden?
Conrad Amber: Hier spielen alte Denkmuster mit, aber auch Ängste von Planern, Architekten und Besitzern, weil die Natur nicht so beherrschbar ist wie ein Kiesdach. Manche Baukünstler sehen die Natur auch als Fremdkörper an. Es gibt noch sehr viele starre Haltungen, die nicht mehr zeitgemäß und zum Teil sogar unverantwortlich sind, denn wir alle müssen uns auf die neuen klimatischen Zeiten einstellen.

Grün im Grau der Stadt
Die Grünfassade der MA 48 in Wien Margareten feierte im Vorjahr ihren zehnten Geburtstag. Auf 850 Quadratmetern Fassade wurden bei der Sanierung rund 17.000 Pflanzen eingesetzt. Berechnungen zufolge spart die Begrünung 45 Klimageräte im Jahr ein
© Conrad Amber

Inwiefern kann mehr Grün in der Stadt bei Hitze helfen?
Überall, wo es Grünfassaden oder -dächer gibt, wird im Sommer das Mikroklima heruntergekühlt. Die Blattoberflächen der Bäume und Pflanzen können nicht wärmer als 33 Grad werden. Das gelingt durch Selbstbeschattung, pflanzliche Eigenschaften und das Verdunsten von Wasser. Wenn wir diese Flächen vervielfältigen, können wir das Klima eines Viertels oder einer ganzen Stadt nachhaltig beeinflussen. Im Sommer ist eine Abkühlung von bis zu drei Grad möglich.


Gründach statt Klimaanlage?
Überspitzt gesagt: ja. Obwohl wir hier unterscheiden. Es gibt die extensive Begrünung, sie braucht nur wenig Substrataufbau und lässt auch nur wenige Pflanzen zu. Und es gibt die intensive Begrünung, wo mehr Substrate aufgetragen werden und somit auch größere Pflanzen leben können. Je höher der Substrataufbau ist, also die Beschichtung durch Humus und die Pflanzen, umso größer ist auch die Kühlwirkung im Sommer. Wir haben viele Vergleichsflächen, in denen die Klimaanlage tatsächlich nicht mehr gebraucht wird. Eine ähnliche Wirkung gibt es auch bei begrünten Fassaden.

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Welche Dächer sind für eine Begrünung geeignet?
Alle Flachdächer halten aus statischer Sicht eine extensive Begrünung aus. Wenn höhere Substrate oder Hügelaufschüttungen möglich sind, dann entsteht ein Garten mit Blumen, Sträuchern und Stauden. Eine intensive Begrünung kann zu einer zweiten Gartenfläche werden – für Mensch und Nützlinge.


Kann das Dach dabei beschädigt werden?
Dachbegrünungen sollte man prinzipiell mit Profis machen. Wichtig ist es, eine wurzeldichte Abdichtung zu haben. Die Erfahrungen zeigen aber, dass begrünte Dächer im Schnitt sogar eine doppelt so lange Lebensdauer haben wie ein herkömmliches Kiesflachdach. Es entstehen viel weniger Schäden durch UV-Strahlen, Hitze, Frost oder Temperaturschwankungen. Man spart sich Geld, was Investoren und auch Hausbesitzer interessieren sollte.

Der Dachgarten liegt auf 13 Metern Höhe
Die „Sargfabrik“ in Wien bietet den Bewohnern einen Alpen-Steingarten und einen Bereich für den Anbau von Gemüse oder Naschobst
© Wolfgang Zeiner


Und die Kosten?
Grundsätzlich kostet die Anlage eines Gründaches am Anfang mehr als ein Kiesdach. Man spart sich aber Energiekosten für Kühlung und Heizung, man hat eine längere Lebensdauer und wesentlich längere Investitionsintervalle. Außerdem schafft man zusätzlichen Erholungsraum, wo man auch eigene Lebensmittel anbauen kann.