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600.000 Fans vor OrtNFL-Draft: In zehn Minuten wird sehr viel entschieden

In knapp zwei Wochen findet der NFL-Draft statt. College-Spieler kommen in die NFL, Teams schenken ihre Zukunft her und Las Vegas ist der perfekte Ort.

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In der Nacht von Donnerstag, dem 23. April, auf Freitag beginnt der NFL-Draft 2020. Um Punkt 2 Uhr nachts unserer Zeit wird der NFL-Commissioner Roger Goodell den Start verkünden. Dann dürfen die NFL-Teams sich nacheinander Spieler aus den (amerikanischen) Colleges auswählen, die in den kommenden Jahren ihre Franchise vertreten sollen. Ein solches Format kennt man in Europa nur, wenn man gut mit dem US-Sport vertraut ist.

Im Vergleich zu Europa gibt es keine Liga-Struktur im Profi-Sport der NFL und die Teams haben auch keine Nachwuchs-Teams. In Amerika hat stattdessen jede Schule und jedes College bzw. Universität mehrere Sport-Teams, die den Nachwuchs ausbilden. Da die Colleges unabhängig von den Profi-Teams agieren, muss irgendwie der Schritt in die NFL verwirklicht werden können. Hier kommt der Draft ins Spiel.

Das Event

Seit 1936 findet der Draft jedes Jahr statt, zunächst in Philadelphia, und dann von 1965 bis 2014 in New York. Seit 2017 trägt jedes Jahr eine andere Stadt den Draft aus. Was für einen Außenstehenden langweilig wirken mag, zieht rigoroses Interesse in der NFL-Community an. Als Nicht-Football-Interessierter liest eine Person über mehrere Stunden Name nach Name auf einer großen Bühne vor, begleitet von unerklärlichem Beifall. Für einen Kenner ist jeder der Namen ein verheißungsvoller Kandidat auf den nächsten großen Star und der mögliche Kehrschwung einer ganzen Franchise.

600.000 Fans live dabei

Seit 2010 erstreckt sich der Draft über drei Tage.

  • Am Donnerstag zur Prime Time um 20 Uhr Ortszeit startet die erste von sieben Runden.
  • Am Freitag folgen Runde zwei und drei und
  • am Samstag die restlichen Runden.

Während am Samstag nur noch eingefleischte NFL-Fans den Draft verfolgen, sind am Freitag und vor allem am Donnerstag Massen live vor Ort und an den TV-Geräten. Vergangenes Jahr kamen laut nfl.com (über die drei Tage) ungefähr 600.000 Menschen zum Draft nach Nashville während zirka 47.5 Millionen das Event über TV oder Internet verfolgten.

Virtuell statt Vegas

Dieses Jahr hätte der Draft in Las Vegas stattgefunden. In „Sin City“ spielen ab kommender Saison die Raiders und so wäre es das perfekte Marketing für die Stadt gewesen, auch gleich den Draft zu veranstalten. Zudem ähnelt die Spielerauswahl manchmal einem Glücksspiel, sodass Vegas und Draft wie für einander geschaffen scheinen. Heuer wird aufgrund des Covid-19 der Draft aber ausschließlich virtuell, also über das Internet und Telefon, ablaufen.

Der Ablauf

Um eine möglichst spannende und ausgeglichene Saison zu gewährleisten, darf das schlechteste Team der vergangenen Saison zu allererst ihren Wunschspieler ziehen.

Das Hauptkriterium der Reihenfolge ist dabei der Record (das Sieg-Niederlage-Verhältnis) der Teams. Haben zwei Teams den gleichen Record, darf das Team mit dem leichteren Gegnern in der Vorsaison zuerst picken. Das geht reihum zunächst für alle Teams, die es nicht ins Playoff geschafft haben, danach diejenigen, die früher ausgeschieden sind und am Ende jeder Runde ist der amtierende Super-Bowl-Sieger an der Reihe.

In der ersten Runde hat jedes Team 10 Minuten Zeit, ihren Pick der NFL zu übermitteln, in der zweiten Runde sieben und in allen anderen fünf Minuten. Tritt der seltene Fall ein, dass die Zeit ausläuft, darf das nächste Team wählen.

Draft aus Sicht der Teams

Da die Wahl der Spieler, besonders die in den ersten zwei, drei Runden, die Zukunft des Franchises beträchtlich beeinflusst, sind die Teams nicht nur besonders sorgsam in der Analyse der Spieler, sondern wollen auch ihren Lieblingsspieler bekommen.

Daher ist es möglich, dass ein Team Draftpicks tradet. Über das Jahr kommt es öfters vor, dass ein Team einen Spieler abgibt und dafür von dem anderen Team Picks erhält.

Genauso ist es möglich Draftpicks für Draftpicks zu tauschen. Je höher ein Draftpick ist, desto wertvoller ist er. Das heißt, möchte ein Team beispielsweise von der 8. Position auf die 4. Stelle vorrücken, muss es mit dem Team dort einen Handel machen und diesem Draftpicks für spätere Runden und eventuell sogar für das nächste Jahr geben.

Entwickelt sich dann der gewählte Spieler auch wie erwartet (erhofft), ist alles gut. Wird aber der Spieler den Ansprüchen nicht gerecht, hat das Team wichtige Teile ihrer Zukunft verspielt.

Wie wird gesucht?

Alle Teams haben während der gesamten College-Saison ihre Scouts auf der Suche nach dem nächsten "Hall of Famer" und in der Zeit zwischen Super Bowl und Draft wird eifrig jeder einzelne Spieler studiert, der „draft-bar“ ist.

Dabei erstreckt sich die Analyse über die Leistung im College-Football, als auch medizinische Tests, sowie persönliche Interviews und das Verhalten des Spielers abseits vom Platz. Es wird ein „Draftboard“ festgelegt, in dem die Athleten nach Empfinden jedes Teams geordnet werden, um einen allgemeinen Überblick zu haben und abschätzen zu können, wann welcher Spieler gedraftet wird.

Die anfangs erwähnten zehn Minuten Zeit für die Spielerwahl im Draft mögen lange klingen, können aber jede Menge Stress bei den Team-Managers auslösen. Bis zum Draft selbst, weiß niemand genau, wann welcher Spieler gedraftet wird. Vielleicht rutscht ein Spieler während des Draftes nach hinten durch und nun müssen die Manager überlegen, ob man hochtraden will, um sich den Spieler zu holen. Dadurch, dass der Spieler nun weiter unten zu haben ist, muss man weniger Picks aufgeben. Die Teams rufen sich gegenseitig an, um den Preis für eine gewisse Draftposition zu verhandeln.

Aus Sicht der College-Athleten

Die Colleges vergeben Stipendien an verheißungsvolle Kandidaten aus der High-School, um die Spieler an ihre Hochschule zu locken. Denn in vielen Schulen wie Alabama, Oklahoma, LSU, Ohio oder Clemson (und viele mehr) ist Football fast schon eine Religion.

Jeder NFL-Profi hat eine Hochschule, zu der er sich immer verbunden fühlen wird. Die College-Athleten verdienen kein Gehalt, dürfen aber vor bis zu 100.000 Zuschauern in jedem Spiel ihre Universität am Platz vertreten. Dennoch gibt es gerade für die Spieler in „großen“ Schulen nur ein Ziel, einen Traum: die NFL.

Interessanterweise haben die Spieler aber kaum Entscheidungsfreiheit, für welches Team sie später in der NFL auflaufen. Beim Draft werden sie gepickt, ohne vorher explizit gefragt zu werden. Das ist den meisten aber egal, solange sie sich ihren Traum erfüllen und in der NFL am Platz stehen. Für die Spieler ist es nicht nur aus Sicht des Ruhmes interessant, früher genommen zu werden, sondern auch aus finanzieller Aspekten. Je höher man gezogen wird, desto mehr verdient man. Jeder Spieler hat einen gewissen Verhandlungsspielraum, aber im Großen und Ganzen sind die Gehälter nach Draftposition festgelegt.

Um „draft-bar“ zu sein, muss ein Spieler mindestens drei Jahre auf dem College gewesen sein. Dann kann er sich entscheiden, ob er sich zum Draft anmeldet oder noch ein, zwei Jahre für die Universität spielt. Meldet sich ein Spieler zum Draft an, verliert er automatisch sein Stipendium für das kommende Studienjahr. Das heißt, wird dann ein Spieler von keinem Team gedraftet, kann er nicht einfach wieder zurück auf sein College gehen.

Aus Sicht der Fans, der Teams und der Spieler ist der Draft also ein enorm wichtiges Ereignis, sowohl für die nahe als auch die langfristige Zukunft eines jeden Beteiligten.  

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