Die Paralympischen Spiele sind eröffnet. Auf gesellschaftspolitischer Ebene darf das Internationale Paralympische Komitee (IPC) zufrieden sein: Der Behindertensport breitet sich weltweit weiter aus. Rund 4.400 Athletinnen und Athleten nehmen an den Spielen teil. Trotz der widrigen Umstände sind das in etwa 200 mehr als 2016 in Rio de Janeiro. 158 Mitgliedsländer schicken Sportler, 168 Länder, so viel wie nie, hatten sich qualifiziert.

Alles in allem kann „Tokyo 2020“, wie sich auch die Paralympics trotz der einjährigen pandemiebedingten Verschiebung weiter nennen, als weitere Rekordausgabe der größten Behindertensportveranstaltung der Welt gelten. Allerdings zeigen schon die coronabedingten Absagen, dass die Paralympics trotzdem nicht wirklich weltumspannend sind. „Es sind vor allem kleinere Länder aus Ozeanien, die abgesagt haben“, erklärt Craig Spence, Sprecher des IPC, auf Anfrage. „Für die Reise nach Japan hätten sie über Australien fliegen müssen, wo sie auf dem Hin- und Rückweg jeweils eine zweiwöchige Quarantäne erwartet hätte. Das konnten sich Länder mit kleinen Delegationen, wie Vanuatu oder Fidschi, leider nicht leisten.“

Verzicht trifft arme Länder

Sieben Nationen wurden von den Spielen ausgeschlossen, weil sie ihre Mitgliedsbeiträge nicht bezahlt haben. Beim IPC begründet man dies vor allem damit, dass diese Länder in letzter Zeit ohnehin keine Sportler zu Turnieren entsendet haben. Durch diverse Umstände sind laut IPC insgesamt 25 Länder, die eigentlich Nationale Paralympische Komitees haben, nicht vertreten. „Es stimmt, dass dies vor allem ärmere Länder betrifft“, sagt Spence.

Aber nicht nur die bloße Teilnahme offenbart ein Gefälle zwischen Arm und Reich, das noch viel stärker ist als jenes bei Olympischen Spielen. Auch die Erfolge in den Wettbewerben dokumentieren dies. Bis auf China sind die zehn stärksten Nationen im historischen Medaillenranking ausschließlich postindustrielle Wohlstandsgesellschaften. Sie sind es auch, die die größten Delegationen schicken. Gemessen an ihren Lebensstandards schneiden zudem postsozialistische Staaten wie Polen, die Ukraine oder Usbekistan gut ab.

Der wichtigste Grund dafür ist offensichtlich: Je ärmer ein Land, desto größer ist der Luxus, als Person mit Behinderung Sport zu treiben. Ein Sportrollstuhl kostet mehrere Tausend Euro, Sportprothesen sind in vielen Ländern unbezahlbar. Ian Brittain, Professor an der Coventry Business School und Experte für paralympischen Sport, sieht den Erfolg von Ländern bei den Paralympics als klaren Indikator, wie stark eine Gesellschaft Menschen mit Behinderungen ins Alltagsleben integriert. Guter Wille reicht da nicht – oft fehlt es schlicht an Geld.

Beim IPC hat man das verstanden. Eine knappe Woche vor den Spielen wurde die Kampagne „WeThe15“ ausgerufen, mit der armen Ländern geholfen werden soll, Strukturen für Behindertenbreitensport zu etablieren. Neben dem IPC beteiligen sich die Vereinten Nationen, die NGO „International Disability Alliance“ und viele andere an diesem Vorhaben. Der Name deutet auf jene 15 Prozent der Weltbevölkerung hin, die mit einer Behinderung leben, rund 1,2 Milliarden Menschen. Ziel ist es, Sportausrüstung günstiger verfügbar zu machen.

Rekord-Einschaltquoten werden erwartet

Wie wirksam die Kampagne sein wird, hängt aber nicht nur vom Geld ab. In vielen Ländern, wo neben dem Wohlstand auch das Bildungsniveau geringer ist, werden Menschen mit Behinderung sozial stärker ausgegrenzt. Dies soll sich auch durch die Paralympics selbst ändern, die sich als riesige PR-Aktion für alle Menschen mit Behinderung sehen und global neue Rekord-Einschaltquoten erhoffen: 4,25 Milliarden TV-Zuschauer weltweit.

„Die Spiele werden in 150 bis 160 Ländern gesendet. Zum ersten Mal wird auch in 40 Ländern in Subsahara-Afrika übertragen“, sagt Spence. Damit werde eine neue Generation inspiriert – und das sei das wichtigste Vermächtnis: „Viele Zuschauer mit Behinderung sehen im Fernseher zum ersten Mal Personen, die so sind wie sie. Nur, dass sie eben Sport treiben. Das höre ich immer wieder.“

Zum Erfolg der Paralympics könnte paradoxerweise auch die Pandemie verhelfen: Weil vielerorts das Alltagsleben stark eingeschränkt ist, sitzen mehr Menschen vor dem Fernseher. Selbst, wenn sie da auch in Tokio meist Medaillensieger aus reichen Ländern sehen.