Joe Biden schreitet nicht ans Podium. Er joggt. Gerade hat Kamala Harris, designierte Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, auf der Bühne vor dem Chase Center in Wilmington, Delaware, ihre erste Rede seit dem Wahlsieg gehalten. Die Tochter von Einwanderern aus Indien und Jamaika wird die erste Frau in diesem Amt sein, allein das ist historisch. Immer wieder werden ihre Worte vom Hupen der Autos auf dem Parkplatz unterbrochen, von Jubel, der trotz coronabedingter Abstandsregeln und stark reduzierter Publikumszahl bis zum Rednerpult schallt. Und doch ist sie heute, an diesem Samstagabend, fünf Tage nach dieser Präsidentschaftswahl, nur Vorband. Der Höhepunkt des Abends ist Joe.

Für Biden sind die letzten Schritte zum Rednerpult die Erfüllung eines Lebenstraums. 1988 kandidierte er das erste Mal für das Weiße Haus. Jetzt, im dritten Anlauf, hat er es erobert. Seine lange Karriere in der Politik – 36 Jahre im Senat, acht als Vizepräsident – galten zunächst als Ballast. In Zeiten des Trumpismus, in denen die Desillusionierung mit Washington im ganzen Land zu spüren ist, könnte die Nominierung eines Karrierepolitikers abschreckend wirken, so die Befürchtung zahlreicher Demokraten.

Schon einmal, am 20. Jänner 2009, war Biden Teil einer Amtseinführung, damals wurde er als Vizepräsident von Barack Obama eingeschworen
Schon einmal, am 20. Jänner 2009, war Biden Teil einer Amtseinführung, damals wurde er als Vizepräsident von Barack Obama eingeschworen © (c) AP (Elise Amendola)



Doch es kam anders. Bidens Erfahrung, seine Verwurzelung in einer Zeit, in der noch über Parteigrenzen hinweg gesprochen wurde, könnte nun seine größte Stärke sein. „Ich habe als stolzer Demokrat kandidiert. Aber ich werde ein amerikanischer Präsident sein“, so der 77-Jährige in seiner Siegesrede. Dann rief er das Land zur Versöhnung auf. „Lasst uns einander eine Chance geben“, so der designierte Präsident.

Doch ist eine Versöhnung der tief gespaltenen USA überhaupt möglich? Die Hürden scheinen hoch. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew kam vor der Wahl zu dem Ergebnis, dass rund vier von fünf Biden-Anhängern Unterstützer von Präsident Trump nicht nur als Mitbürger sehen, die andere Vorstellungen von der Zukunft des Landes haben, sondern als Menschen, die mit Amerika grundsätzlich andere Werte verbinden als sie selbst. Unter Trump-Anhängern war der Blick auf Biden-Unterstützer praktisch der gleiche. Beide Lager können sich häufig nicht einmal mehr einigen, welche Themen überhaupt von Bedeutung sind. Die Bekämpfung der Covid-Pandemie etwa sehen rund 82 Prozent der Demokraten als sehr wichtig an. Unter den Republikanern sind es gerade einmal 24 Prozent.

Unterschiedlichste Reaktionen im Land

Entsprechend unterschiedlich fallen die Reaktionen über den Sieg Bidens in den unterschiedlichen Teilen der Staaten aus. In der Hauptstadt Washington, D.C., einer Hochburg der Demokraten, will das Feiern am Samstag gar kein Ende nehmen. Bis tief in die Nacht hupen die Autofahrer auf ihrem Weg in die Innenstadt, wo Tausende friedlich und fröhlich vor dem Weißen Haus feiern. „Hit the Road, Jack“ dröhnt aus Lautsprechern an der Black Lives Matter Plaza, einem Abschnitt der 16. Straße, die aufs Weiße Haus zuführt.

Die Polizei hat den Bereich weiträumig abgesperrt. Vor der Wahl hat es Warnungen vor Ausschreitungen gegeben, doch von Aggression ist nichts zu spüren in dieser ungewöhnlich lauen Novembernacht. Eltern schieben ihre Babys in Kinderwagen durch die feiernden Massen. Hier und da zirkuliert ein Joint, das Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen kontrollieren die Sicherheitskräfte nicht. Dafür brandet immer wieder Jubel auf, Lachen, Tanzen, Feiern. Einige vergleichen die Stimmung mit dem Gefühl, als hätte eine Besatzungsmacht die Stadt verlassen. D.C. feiert das Ende der Ära Trump enthemmt, befreit. Aus anderen Städten überall im Land kommen ähnliche Bilder. Wieder und wieder wiederholten Beobachter die Worte, mit denen Ex-Präsident Gerald Ford die Watergate-Affäre zu beenden versucht hatte: „Unser langer nationaler Albtraum ist vorbei.“



Auch einzelne Trump-Anhänger demonstrieren in Washington. Je später der Abend wird, desto seltener sind sie jedoch sichtbar. In anderen Landesteilen sieht das anders aus. In Harrisburg, der Hauptstadt von Pennsylvania, das Biden die Präsidentschaft sicherte, protestieren Hunderte gegen das vermeintlich gestohlene Wahlergebnis. Die Hoffnung, die Hochrechnungen der Medien könnten falsch sein, treibt sie auf die Straße – angefeuert von Trump, der per Twitter weitere Zweifel an der Legitimität des Wahlausgangs zu säen versucht. Viele Demonstranten tragen die roten Kappen der Trump-Bewegung. Andere kommen bewaffnet. Doch auch hier bleibt alles friedlich. Ähnliche Szenen spielten sich auch in anderen Swing States ab. So erleben die USA den Tag, an dem die Abwahl von Donald Trump verkündet wird, wie sie auch die vergangenen vier Jahre erlebt hatten: getrennt voneinander.

Diesen Riss zu überwinden ist die Aufgabe von Joe Biden. Dass Trump am Wahlausgang noch etwas ändern kann, glauben Experten nicht. Damit ist es die Aufgabe des Demokraten, das entzweite Land wieder zusammenzuführen. Allein wird er das nicht schaffen. Wahrscheinlich wird Biden es im Weißen Haus mit einem von den Republikanern dominierten Senat zu tun bekommen. Die große progressive Agenda seines Wahlprogramms dürfte sich damit erledigt haben. Regieren kann er nur durch die Mitte. Sollte die Trump-Partei ihm jedoch die Kooperation vollständig verweigern, könnte das Land noch weiter auseinanderdriften. Dies zu verhindern liegt nun am President-elect.