Die nächste Frage"Akzeptieren wir hunderte Intensivpatienten wegen einer impfbaren Krankheit?"

Die Infektionszahlen steigen - aber die Spitäler dürften Dank der Impfung nicht mehr überlastet werden. Experte Popper: Politik muss jetzt die gesellschaftliche Frage beantworten, ob sie die Folgen kleinerer Epidemien in Kauf nimmt - oder mehr Menschen zur Impfung bringt.

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++ HANDOUT/THEMENBILD ++ INTENSIVSTATIONEN
© APA/OÖG
 

Auf den ersten Blick ist es eine beunruhigende Zahl: 902 Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 sind am Mittwoch in Österreich gemeldet worden; deutlich mehr als der Schnitt der vergangenen sieben Tage mit 597 Fällen – und der höchste Wert seit dem 13. Mai.

Auch die Zahl der Covid-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, ist gestiegen: 197 Personen sind aktuell hospitalisiert, 48 davon benötigten intensivmedizinische Betreuung – mehr als doppelt so viele als noch vor einer Woche. Alle diese Werte liegen deutlich über jenen des Sommers im vergangenen Jahr – auf den bekanntlich die zweite Covid-Welle folgte, die das Gesundheitssystem an seine Kapazitätsgrenzen gebracht hatte.

"Kein Grund zur Panik"

Ein Grund zur Panik ist das aber nicht, sagt der Wiener Simulationsexperte Nikolas Popper, Teil des Expertenstabs der Regierung, im Gespräch mit der Kleinen Zeitung: „Aus jetziger Sicht ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Zusammenbruch der Kapazitäten droht“, sagt Popper. Zwar sehen die Experten eine weitere Ausbreitung des Virus – aber derzeit steige die Zahl der Neuinfektionen nicht exponentiell an.

„Momentan sind es bestimmte abgegrenzte Sektoren, in denen sich das Virus ausbreitet“, so Popper: Regionen mit einer niedrigen Durchimpfungsrate etwa, oder Altersgruppen, in denen noch nicht viele geimpft seien. Wenn die Ausbreitung – vereinfacht gesagt – dann auf eine stärker geimpfte Gruppe stößt, würde diese als Wellenbrecher fungieren. „Wir werden in den kommenden Wochen viele ,kleine Epidemien’ erleben, prognostiziert Popper.

Eine pauschale Entwarnung sei das aber nicht: Auch wenn keine Überforderung des Gesundheitssystems bevorstehe, müsse die Politik die Frage beantworten, „ob wir hunderte Patienten einer impfbaren Krankheit auf den Intensivstationen akzeptieren wollen oder nicht“. Die Daten würden den Effekt der Impfung zeigen: Auch wenn diese nicht zu hundert Prozent vor Krankheit und vor der Weitergabe des Virus schützt, sei eindeutig belegt, dass das Risiko für Geimpfte weit geringer sei – und dass diese die Ausbreitung bremsen.

Impfungen nur noch langsam

Die Ausbreitung der Impfung selbst hat sich in den vergangenen Tagen allerdings deutlich verlangsamt. Zwar vermeldet die Bundesregierung am Mittwoch die zehnmillionste Impfung, Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sprachen von einem „erfreulichen Meilenstein“. Gleichzeitig verzeichnen sie eine weitere Verlangsamung: Mit nur 12.928 Erst- und Zweitstichen wurden am Montag so wenige Impfungen verabreicht wie seit 5. April nicht mehr. Am Dienstag kamen dann 34.865 Immunisierungen hinzu, davon aber nur noch 3238 Erststiche.

Am höchsten ist die Erst-Durchimpfungsrate weiterhin im Burgenland mit 67,4 Prozent. In Niederösterreich sind 62,9 Prozent der Bevölkerung zumindest einmal geimpft, in der Steiermark 60,6 Prozent. Nach Tirol (59,4), Wien (58,2), Vorarlberg (58,1), Kärnten (56,5) und Salzburg (56,4) bildet Oberösterreich das Schlusslicht mit einer Rate von 55,7 Prozent.

Eine Trendwende sollen noch einfacher zugängliche Impfangebote bringen – so eröffnet im Wiener Stephansdom heute eine Impfstation.

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