EssayManfred Prisching: Land der üblen Laune - viel Wehleidigkeit und Rundum-Geraunze auf Verwöhnungsniveau

Um die Jahrhundertwende war die Stimmung gut. Die Welt würde gedeihen. Diese Zeit erscheint uns ziemlich fern. Heute ist die Stimmung schlechter, nicht nur wegen Corona.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
© Getty Images
 

In den Jahren um den Zweitausender schien alles in Ordnung. Ein paar Kleinigkeiten noch – sonst hatte man alles im Griff. Dachte man. Geschichte und Politik schienen in der westlichen Welt von Alternativlosigkeit geprägt. In einer globalisierten marktwirtschaftlich-technisierten Welt würde nach dem Zusammenbruch des Bolschewismus die große Konvergenz aller Länder stattfinden, die Welt würde friedlich und wohlhabend. Innenpolitisch würde man bei Staatsausgaben, Pensionsbeiträgen und Klimapolitik vorsichtig sein müssen, aber ohne Zweifel würde der Reichtum regelmäßig zunehmen.

Ergänzt wurde die wirtschaftliche Perspektive durch die nach dem „Ende der Geschichte“ eintretende Demokratisierung aller Staaten und Kontinente, einschließlich des kapitalistischen Chinas. Europa und Euro: ohnehin Erfolgsgeschichten. Barack Obamas Wahl: ein Signal des postrassistischen Zeitalters. Das Netz versprach unbegrenzte Information und Kommunikation: eine Plattform für Öffentlichkeit, Diskurs und Partizipation. Die Stimmung war gut.

Unschönheiten ausgeblendet

Das blieb nicht so. Man hatte ein paar Unschönheiten ausgeblendet und Erfolgsbilder überhöht. Seit den 1970er-Jahren war klar, dass die Logik des weltweiten Wirtschaftswachstums an Grenzen stoßen würde. Die Finanzwirtschaft löste sich immer mehr von der Realwirtschaft. Die Umweltpolitik kam nicht vom Fleck. China begann die Modernisierungstheorie zu ruinieren, in der die Kombination von erfolgreicher Marktwirtschaft und politischer Diktatur nicht vorgesehen war. Der Ex-Ostblock lief nicht so recht. Die demografische Ausdünnung der peripheren und ländlichen Zonen in Europa ignorierte man. Die Stimmung wurde schlechter und Proteste wurden häufiger.

Der Terror wurde auch in der westlichen Welt zum ständigen Begleiter. 2008 die große Weltwirtschaftskrise, die man für unmöglich gehalten hatte. 2015 die Migrationskrise, deren Tragweite man nicht begriff. Das Internet erwies sich als Quelle der Systemselbstbeschädigung. Autoritäre Nationalismen bekamen Aufwind. Die USA als Ikone von mehr als zweihundert Jahren nachahmenswerter Demokratie hatten immer ein geschöntes Bild dargeboten: nun aber die das westliche Vorbildbewusstsein zerstörende Figur des Donald Trump, bis hin zum Putsch seines wütenden Mobs. Der für die europäische Vision katastrophale Brexit. Da sank das Stimmungsbarometer ganz gewaltig.

Kulturelle Grundbedürfnisse

Die Phänomene knabbern an den kulturellen Grundbedürfnissen. (1) Orientierung: Viele Menschen sind von der Komplexität der Verhältnisse, vor allem ihrer Beschleunigung, überfordert. Man kennt sich nicht mehr aus: Kindererziehung, Digitales, Gender, Nahrung, Gesundheit, Job. (2) Wertewelten: In der fragilen Pluralität der Verhältnisse und Individualismen ist der Kosmos der Werte ins Durcheinander geraten. Was gilt eigentlich noch? (3) Gemeinschaftsgefühl: Zugehörigkeit, Einbettung, Heimat gehen in Globalität und Kosmopolitismus verloren. Man ist nicht mehr zu Hause, vermisst Resonanz. Die Welt antwortet nicht mehr. (4) Wohlstand: Er war als selbstverständlich wahrgenommen worden, er scheint es nicht mehr zu sein. (5) Sicherheit: Eine grundlegende Aufgabe des Staates, die nur noch partiell zu leisten ist.

Das alles bedeutet: Nichts ist mehr normal. Das Verhältnis zur Welt befindet sich im Kollaps. Es baut sich ein Potenzial von Ressentiment und Aggressivität auf. Nicht Wut auf das eine oder andere Ereignis – einfach eine undifferenzierte Wut auf alles. Wegen Machtlosigkeit, wegen Überforderung, wegen der eigenen Unwirksamkeits- und Defiziterfahrung. Die Wut heftet sich, quer durch Europa, an Themen, die gerade des Weges kommen.

Postmoderne Anti-Bewegung

Es ist die Epoche der postmodernen und popmodernen Anti-Bewegung. Man kann gegen dies und das sein, auch das Gegenteil zugleich fordern, heute dies und morgen jenes. Diese Emotion lässt sich mit den klassischen politischen Kategorien links und rechts nicht erfassen: Es ist die Meta-Ideologie des „Antismus“: gegen oben und unten, gegen Virus und Konzerne, gegen Elite und Wissenschaft, gegen Intellektuelle und Journalisten, gegen Wahrheit und schlechtes Wetter.

In den letzten zwanzig Jahren hätte uns klar werden können: Wir haben die Kontinuität und Stabilität der westlichen liberal-demokratischen Systeme überschätzt. Wir befinden uns in einem Umbruch, den wir nicht einmal definieren können. Im Kollaps des Weltverstehens (nicht: der Welt) können wir einzelne Phänomene aufzählen, aber sie fügen sich nicht mehr zu einem Konzept. Traditionelle Gesellschaften mögen vieles falsch verstanden oder nicht gewusst haben, aber sie hatten das Gefühl, zu verstehen. Man befand sich physisch, psychisch, geistig, spirituell „zu Hause“. Heute verstehen wir nicht einmal unser Nichtverstehen. Das ruiniert die Stimmung. Unbehagen steigt. Ressentiments bauen sich auf.

Attacke aus unerwarteter Richtung

Und dann noch die Epidemie: eine Attacke aus unerwarteter Richtung, aus der Körperlichkeit, der Biologie, der Evolution. Die Beherrscher der Erde sind auf ihren Status als eine Spezies unter vielen anderen zurechtgestutzt. Anfänglich ging ein Ruck durch die verwöhnte europäische Landschaft, aber das reichte nur für ein kurzes Aufblitzen solidarischer Stimmung. Der Begriff der nach vielen Monaten gewachsenen „Corona-Müdigkeit“ ist ein freiwilliges Bekenntnis der Vernünftigkeitssuspendierung: Viele geben sich ihren Gefühlen und kurzfristigen Wünschen hin, als wären sie kleine Kinder, und haben „es“ noch immer nicht verstanden – bis zum Extrem der tirolerischen Selbstvernichtungskabarettisten.

Aber jenseits solcher Skurrilitäten gilt: Wir haben keine Alternativgeschichten mehr zu erzählen, über das Arbeiten und Kaufen, über das Lieben und Leben. Es mangelt an Narrativen, Storys, Visionen. Viele Bücher sind auf dem Markt, die eine entschiedene Wende, ein anderes System, eine neue Entwicklungslogik fordern; aber jenseits der wohlfeilen Phrasen haben sie nicht viel zu bieten. Der Jenseitsglauben ist weg, der Diesseitsglauben ist weg – es bleiben eine Stimmung der (manchmal durch Entertainment kompensierten) Verlorenheit, Rundum-Geraunze und hilflose Wut bei denen, die sich schwerer tun.

Doch wir sind immer noch die Luxusecke der Welt. Vieles ist Wehleidigkeit auf Verwöhnungsniveau. Die verbliebene Kraft könnte man besser dazu nutzen, sich in der neuen Welt einzurichten, denn sie wird bleiben: In der Welt von explodierendem und zugleich unsicherem Wissen; von Wertevielfalt und -inkonsistenz; von fragiler Gemeinschaft, in der man gleichzeitig bewahren und öffnen muss; von modifizierten Lebensansprüchen, vielleicht gar mit ein bisschen Reflexion und Bescheidenheit; von reduzierter Sicherheit, die in angemessener Dimension erst wahrzunehmen wäre. Ein neues Leben erfinden: Ohne den Einsatz verbliebener Lernfähigkeitsreste wächst kein neuer, tragfähiger Weltbezug. Sicher ist bloß, dass er nicht aus der Wut geboren wird. Wut ist Resignation.

Zum Autor

Manfred Prisching, geboren 1950 in Bruck an
der Mur, Jurist, Volkswirt und Soziologe. Lehrt an
der Universität Graz.

Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt erschien „Bluff-Menschen: Selbstinszenierungen in der Spätmoderne“, 2019.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

ee243b6222590d8eb3bfb1bdfc4e3525
7
14
Lesenswert?

Heiliger Vater im Himmel, ich danke Dir im Namen Jesus Christus,......

....dass Du unser Land beschützt.
....dass Du unser Land seit mehr als 70 Jahren vor einem wirklichen Krieg verschont hast.
Wir danke Dir, für dies es unglaubliche Privileg unter den Völkern, für das uns so viele Länder beneiden. Dir Heiliger Vater Im Himmel gebührt Lob, Preis und Ehre dafür!

angela67
1
41
Lesenswert?

Ich hab heute Geburtstag...

... und will viel gute Laune haben!
Trotz Pandemie 😷 und wegen des traumhaft schönen Wintertages 🌞!
Aber Manfred Prisching ist, wie so oft, einfach zuzustimmen. Immer lesenswert!

henslgretl
0
12
Lesenswert?

Alles Gute 🎂

Und trotzdem einen schönen Tag 🎊

Sam125
0
15
Lesenswert?

Angela67,alles Gute zum Geburtstag!

🥳

Light
2
37
Lesenswert?

Vielen Dank!

Auf den Punkt.

Deloni
2
49
Lesenswert?

Ein

Artikel, der lesenswert ist, vieles sehr genau auf den Punkt bringt - danke.

DavidgegenGoliath
59
18
Lesenswert?

Ich glaube, dass die Menschen langsam realisieren,

dass die oberen 1% des Geldadels den restl. 99% ihren Willen und ihren Glauben, mit Hilfe der Politik, aufzwingen wollen! Das wird schief gehen, denn jetzt können wir sehr gut sehen, die Bevölkerung weltweit, erhebt sich gegen diese 1%!

Patriot
69
24
Lesenswert?

@Der größte Mentor des Geldadels

ist BK Kurz! Viele seiner Freunde kommen aus dem Geldadel.
Ist es da verwunderlich, dass er für sie Politik macht?

hortig
1
13
Lesenswert?

Antwort

Und wieso ist das bei der SPÖ??

Hardy1
3
48
Lesenswert?

Na ja

....die Idee des Kommunismus hat auch auf allen Linien versagt.

SoundofThunder
4
21
Lesenswert?

🤔

China . Wirtschaft Top! Nur Wirtschaftlich. Wohlgemerkt.

Sam125
3
67
Lesenswert?

Herr Prischnig,mit ihrem heutigen Artikel schreiben Sie mir persönlich voll und

ganz,auch aus meinem seelischen Empfinden heraus!Es ist auch für mich persönlich momentan sehr schwierig das ganze Geschehen weltweit in Worte zu fassen!Alles um uns herum,aber auch wirklich alles was hat sich in dem letzten Jahrzehnt verändert,doch was durch dieses kleine Virus in nur einem Jahr geschehen Weltweit geschehen ist,kann man fast nicht mehr in Worte fassen!Es nimmt uns sprichwörtlich die Luft zum Atmen und wird unsere "Weltordnung"auf Jahre verändern,wenn nicht leider auch noch für immer!Auch ich hoffe,dass wir das Virus bald besiegen oder zumindest soweit in den Griff bekommen,dass wir bald wieder ohne große Einschränkungen und fast so wie vor Corona werden leben können!Nur wir ALLE gemeinsam, können das schaffen! Nachmals danke Herr Prischnig!

wkarne2
14
48
Lesenswert?

Schlechte Stimmung

Weil sich seit einem Jahr alles nur um Corona handelt.
Ein Jahr mit massiven Einschränkungen!
Ein Jahr großteils ohne soziale Kontakte!

Und jetzt kann man immer noch nicht sagen, wann es wieder einen halbwegs normalen Alltag geben wird.

DergeerderteSteirer
3
71
Lesenswert?

Hr. Prisching, diesen Beschreibungen und Darstellungen haben meinen vollsten Zuspruch, .............

es werden Gegebenheiten und Dinge sehr gut aufgezählt und angesprochen, da kann ich dem Verfasser meine Hochachtung aussprechen und gratulieren !!

Dies sind Denkweisen und Analysen die meine Person schon nahezu 20 Jahre manch Leuten in Unterhaltungen und Diskussionen zu erklären versucht, jedoch durch sture Blockaden und Ignoranz vieler leider mit mässigem Erfolg !

Top Bericht, nochmalige Gratulation
" @DergeerderteSteirer "