Es ist die letzte Bastion des ukrainischen Widerstands in der durch russische Angriffe weitgehend zerstörten Hafenstadt Mariupol: das Asow-Stahlwerk. In der Fabrikanlage harren seit Wochen über 1000 Zivilisten und Hunderte, teilweise verletzte, Soldaten aus. Immer wieder wurde über Fluchtkorridore debattiert, immer wieder scheiterte die Umsetzung. Am Wochenende ist es nun erstmals gelungen, einen kleinen Teil der Menschen zu retten. Sie erzählen "vom Terror" im Bunker.

"Ich kann es nicht glauben. Zwei Monate in Dunkelheit." Die Frau kann gar nicht aufhören, zu grinsen. Sie ist unter jenen ungefähr 100 Menschen, die am Wochenende aus dem Stahlwerk geholt werden konnten. Kurz nachdem sie aus einem der weitläufigen Tunnel herauskam, gab sie der britischen BBC ein Videointerview: "Als wir im Evakuierungsbus saßen, sagte ich zu meinem Mann: 'Vasya, müssen wir nicht mit einer Taschenlampe auf die Toilette gehen? Und nicht eine Tasche oder einen Mülleimer als Toilette benutzen?'" Sie vergräbt das Gesicht in ihren Händen, es ist eine Mischung aus Lachen und Weinen.

Asow-Stahlwerk
Rauch über dem Asow-Stahlwerk in Mariupol
© (c) APA/AFP/ANDREY BORODULIN (ANDREY BORODULIN)

Die ersten geretteten Zivilisten seien auf dem Weg ins ukrainisch kontrollierte Saporischschja, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gestern Abend mit. Sie würden heute dort erwartet. "Jetzt arbeiten wir zusammen mit den Vereinten Nationen an der Evakuierung von weiteren Zivilisten aus der Anlage", schrieb Selenskyj auf Twitter. Vom Mariupoler Stadtrat hieß es, die Evakuierungen sollen am Montag um 8 Uhr (7 Uhr MEZ) fortgesetzt werden.

Und das wäre bitternötig. "Hunderte Zivilisten, darunter Dutzende Kinder, warten noch auf die Evakuierung", betonte das ukrainische Außenministerium. Eine Gerettete hält ein sechs Monate altes Baby auf dem Arm. Zwei Monate – ist gleich ein Drittel des Lebens ihres Kindes – seien sie eingeschlossen gewesen. "Wir haben kein Sonnenlicht gesehen. Wir hatten Angst", erzählt die Frau den Medien und fügt hinzu: "Ich habe nicht geglaubt, dass wir überleben." Eine ältere Frau berichtet davon, dass ihnen zuletzt das Essen ausgegangen sei.

Selenskyj wolle jedenfalls weiterhin alles tun, "um unsere Leute aus Azovstal und aus Mariupol insgesamt zu evakuieren", sagte der Präsident in der Hoffnung, dass alle notwendigen Bedingungen erfüllt sind, um die Evakuierung heute wie geplant fortzusetzen.