Vor allem unter Frauen Furcht vor neuer Schreckensherrschaft der Taliban

Die Taliban regierten Afghanistan bereits fünf Jahre mit brutaler Repression. Die Furcht vor einer neuen Schreckensherrschaft ist groß - vor allem unter den Frauen.

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Für die Bewohner Kabuls beginnt unter Taliban-Herrschaft ein neuer Alltag © AFP
 

Durch eine US-geführte Militärinvasion wurden die Taliban vor 20 Jahren in Afghanistan gestürzt - nun stehen sie kurz vor der Rückeroberung der Macht. Im Zuge ihres rasanten Eroberungsfeldzugs drangen die Radikalislamisten am Sonntag bis an den Stadtrand von Kabul vor, Präsident Ashraf Ghani floh nach den Worten seines früheren Stellvertreters ins Ausland.

Zwar versicherte ein Taliban-Sprecher, die Machtübernahme solle "friedlich" ablaufen und die Miliz strebe eine Regierung der "nationalen Einheit" an. Doch die Erinnerung an die einstige Schreckensherrschaft der Taliban lässt viele Afghanen für die Zukunft das Schlimmste befürchten.  Für die Bewohner Kabuls beginnt unter Taliban-Herrschaft ein neuer Alltag

Verschwunden die westliche Mode auf den Straßen, so gut wie verschwunden auch die Frauen. Stattdessen dominieren Männer in den traditionellen langen Hemden und unförmigen Hosen das Straßenbild von Kabul, im staatlichen TV laufen islamische Sendungen oder Verlautbarungen des Leiters des Taliban-Medienkanals "Stimme der Scharia". Die vergangenen zwei Jahrzehnte sind wie ausgelöscht: Die Menschen in der afghanischen Hauptstadt versuchen sich nun an einer neuen Normalität.

An diesem Dienstag gibt es keine Anzeichen dafür, dass diese mittelalterlichen Methoden wieder eingeführt werden könnten. Die Taliban rufen die Beamten auf, "voller Vertrauen" an ihre Arbeit zurückzukehren. Einige scheinen sich den Rat zu Herzen zu nehmen: Zum ersten Mal seit Tagen sind wieder Verkehrspolizisten auf den Straßen zu sehen - auch wenn sie nicht viel zu tun haben.

Vor dem Eingang zur Grünen Zone, in der die meisten Botschaften und internationalen Organisationen untergebracht sind, demonstrieren ein paar Frauen für ihr Recht, dort wieder als Köchinnen oder Reinigungskräfte arbeiten zu dürfen. Ein Lastwagen mit Taliban-Kämpfern fährt vor, vergeblich versuchen diese, die Frauen zu verscheuchen - sie weichen erst auf Bitten von Zivilisten.

Taliban-Sprecher Suhail Shahin hat am Montagabend versichert, dass Frauen in Zukunft nichts zu fürchten hätten. "Ihr Recht auf Bildung ist ebenfalls geschützt", beteuert er. Berichte aus den Provinzen, in denen die radikalislamischen Kämpfer schon länger die Kontrolle übernommen hatten, zeichnen allerdings ein anderes Bild.

Auch in Kabul laufen einige erste Zusammentreffen zwischen Taliban-Kämpfern und Einwohnern offenbar rauer ab als von deren Führung erwünscht. "Einige sind freundlich und machen überhaupt keinen Ärger", sagt ein Mann, während er versucht, an einem Kontrollpunkt der Taliban vorbei zu seinem Büro zu gelangen. "Aber andere sind brutal. Sie schubsen dich herum und schreien dich grundlos an."

Die Schreckensherrschaft der Taliban im Überblick

DIE RELIGIÖSEN STUDENTEN

Der Name der Miliz ist vom arabischen Wort "talib" (Student) abgeleitet. Ihren Ausgang nahm die Bewegung an sunnitisch-islamischen Koranschulen in Pakistan, wo viele vor der sowjetischen Besatzung Afghanistans (1979-89) geflüchtete junge Männer studierten. Als nach dem sowjetischen Abzug in Afghanistan ein Bürgerkrieg ausbrach, wurden in der südafghanischen Provinz Kandahar die Taliban als Verbund von Kämpfern mit radikalislamischer Gesinnung gegründet.

Kandahar ist eine Bastion der ethnischen Gruppe der Paschtunen, der die meisten Taliban angehören. Mitbegründer der Taliban war der einäugige Kriegsfürst und Kleriker Mullah Omar, der die Miliz bis zu seinem Tod im Jahr 2013 anführte.

DIE ERSTE EROBERUNG DER MACHT

Während des Bürgerkriegs der neunziger Jahre hatten die Taliban anfänglich die heimliche Unterstützung der USA. Vor allem profitierten sie aber von massiver Hilfe aus Pakistan. Die Taliban waren nicht nur mit Panzern und schweren Waffen ausgerüstet, sondern hatten auch das Geld, um sich die Unterstützung örtlicher Warlords zu erkaufen. Am 27. September 1996 übernahmen die Taliban mit dem Einmarsch in Kabul die Macht im Land.

DIE SCHRECKENSHERRSCHAFT

Die Taliban-Herrschaft basierte auf einer extrem rigiden Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts. Musik, Tanz, Fernsehen und andere beliebte Freizeitaktivitäten wie das Steigenlassen von Drachen waren verboten. Mädchenschulen wurden geschlossen, Frauen durften keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie mussten zudem die Ganzkörperbedeckung Burka tragen.

Die Einhaltung der Vorschriften wurde von einer Religionspolizei überwacht. Die Strafen bei Gesetzesverstößen waren oft grausam. Dieben wurde die Hand abgehackt, es gab öffentliche Auspeitschungen. Frauen, die des Ehebruchs bezichtigt wurden, wurden zu Tode gesteinigt.

Für weltweite Empörung sorgten die Islamisten, als sie 2001 die jahrhundertealten Kolossalstatuen des Buddha im Bamijan-Tal sprengen ließen. Ihre internationale Pariah-Rolle stärkten die Taliban auch dadurch, dass sie dem Terrornetzwerk Al-Kaida und dessen Anführer Osama bin Laden Unterschlupf gewährten.

DER STURZ

Nach den von Al-Kaida verübten Terroranschlägen vom 11. September 2001 in USA machte der damalige US-Präsident George W. Bush die Taliban mitverantwortlich. Afghanistan war das erste Ziel seines "Krieges gegen den Terror". Im Oktober 2001 rückten die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan ein, schon im Dezember waren die Taliban gestürzt.

DER AUFSTAND

Im bewaffneten Widerstand gegen die vom Westen unterstützte Regierung in Kabul stellten die Taliban dann ihre Beharrungskräfte unter Beweis. Im Kampf gegen die zehntausenden internationalen Soldaten im Land setzten sie vor allem auf Sprengstoff- und Selbstmordanschläge.

Im Dezember 2014 endete der Kampfeinsatz der NATO am Hindukusch, die Mehrzahl der westlichen Soldaten wurde in der Folge abgezogen.

DIE OFFENSIVE

2018 begannen in Doha in Katar die ersten direkten Gespräche zwischen der Regierung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump und den Taliban. Die Gespräche mündeten am 29. Februar 2020 in eine Vereinbarung, in der ein Zeitplan für den Abzug der US-Truppen abgesteckt wurde.

Der Abzug verzögerte sich zwar zwischenzeitlich, begann dann aber unter Trumps Nachfolger Joe Biden im Mai. Parallel zu den USA zogen auch die anderen NATO-Truppen aus Afghanistan ab, darunter die Bundeswehr. Inzwischen ist der Abzug fast vollendet, während die Taliban einen Großteil des Landesterritoriums und fast alle Großstädte unter ihre Kontrolle gebracht haben.

 

Kommentare (37)
wi1950
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Bitte wo,

Wo sind jetzt alle linken und grünen Kampfemanzen? Sie zucken ob der Lage der Frauen in Afghanistan offensichtlich nur mit der Schulter und erwarten freudig die tausenden, nicht integrierbaren und den strengen Schariagesetzen anhängenden Männer aus dieser frauenfeindlichen Gesellschaft

stadtkater
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Vielen Migranten

verbietet der Glaube Dienstleistungen für Ungläubige. Wovon wollen die Leben?

smithers
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Sozialstaat?

carlottina22
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Was für ein Nonsens,

Meine Klienten arbeiten in der Gastronomie, panieren Hunderte Schhweineschnitzel pro Tag, im Handel, am Bau..... Bitte reden Sie nicht über Sachverhalte, von denen Sie keine Ahnung haben.

stadtkater
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Dann sagen Sie uns doch:

Wie viele islamische Migranten im erwerbsfähigen Alter leben in Österreich und wie viele davon erhalten sich selbst durch Arbeit?

Horstreinhard
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Fast 40 Mio. Menschen leben in Afghanistan

20 Jahre lang hatten sie die Chance, eine demokratische Ordnung aufzubauen und zu festigen. Und keiner hat sich gegen die Machtübernahme durch ca. 60.000 Taliban-Terroristen gewehrt.
Die wollen das so und sollen es auch so haben.

Mein Graz
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@Horstreinhard

Mit Mistgabeln, Pfeil und Bogen und Schwertern gegen eine mit schwerstem Gerät ausgerüstete Armee?

Und: na klar, die Frauen und Kinder wollten das so?

Was bist denn DU für einer?

Balrog206
6
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Die

Afghanische Armee hat ca 180000 Mann die Taliban ca 60000!!!! Schaut nicht nach einer Überzahl aus ! Was bist du für einer ????

carlottina22
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Sie vernachlässigen

den absolut menschlichen Faktor Angst, der jeglichen Unterdrückern im Laufe der Geschichte Macht verlieh. Wie wehrt sich die Zivilbevölkerung, die nichts als die Sicherheit Ihres und des Lebens ihrer Familien im Fokus hat, gegen den bewaffneten Vormarsch von verblendeten Wahnsinnigen, die nicht davor zurückschrecken, z. B. alle Schülerinnen einer Mädchenschule brutal zu ermorden. Denn lernende Frauen sind sündhaft.

Lodengrün
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Wie

war das bei der Machtübernahme bei den Nationalsozialisten? Ihrem Ansatz folgend waren alle Österreicher Nationalsozialisten. .

Lodengrün
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Der Hit ist

Die USA hat mit den Taliban den Abzug der Truppen verhandelt. Damit hintergingen sie den regierenden Präsidenten. Alles war also geplant

grundner10
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Flüchtlinge

Wenn jedes EU-Land 1 Million Afghanen und -innen aufnähme, wäre Afghanistan fast leer und die Taliban hätten beinahe niemanden mehr zum Drangsalieren.

owlet123
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Achtung Sarkasmus

Ach geh das bisserl Taliban-Regierung. Diese Frauen sollten Mitleid mit den armen Menschen in Österreich haben, die beim Spar a Maske tragen müssen, fürs Kaffee trinken Nasebohren müssen und nahezu freien Zugang zur Corona Schutzimpfung haben...

ralfg
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Geht das wieder los.
Die nächsten Wochen alles herzzerreißende Artikel um die Bevölkerung auf die nächste Fluchtwelle einzustimmen und Gegner davon mundtot zu machen. Wir können uns nicht um die ganze Welt kümmern wir haben in Europa genug zu tun. Haben selbst viele Kriege durchgemacht bis wir aufgeklärt waren.

Gotti1958
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Ralf

Wie viele Kriege hast du durchgemacht? Hast du Kinder, vielleicht Mädchen im Alter von 12? Stell dir vor, die werden zwangsverheiratet. Du hast noch immmer nichts kapiert.

ralfg
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Ich hab in meinem Leben so 1.5-2 Jahre in aktiven Kriegsgebieten verbracht und ich bin erst 30. Es ist nicht so das man erschossen wird sobald man das Haus verlässt man kann dort halbwegs normal leben. Trotzdem ist das leben eher karger und jeder würde gerne in so ein tollen Land wie wir es haben.

Mein Graz
6
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@ralfg

Sollte es stimmen, dass du in aktiven Kriegsgebieten verbracht hast dann vermutlich als Blauhelm, vielleicht auch als Reporter oder du hast dort gearbeitet.
In jedem Fall müsstest du Kontakt mit der Bevölkerung gehabt und gesehen haben, wie es den Frauen tatsächlich in diesen Ländern geht.

Wer da dann nicht zur Hilfe bereit ist sollte seine Einstellung zu Mitmenschen überprüfen.

ralfg
2
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Ich war einmal paar wochen bei einem Projekt in einer Schule Kabel legen und Infrastruktur installieren und die restliche Zeit hab ich normal mit Einheimischen gelebt .
Und wo schreibe ich , dass ich gegen Hilfe bin. Ich bin definitiv gegen Hilfe durch Aufnahme und für Hilfe vor Ort. Es ist keine Hilfe Leute über 1000 km weg in eine völlig andere Kultur zu bringen und sich dort um einen Bruchteil zu kümmern. Man muss vor Ort oder in angrenzenden Regionen sichere Zonen schaffen und die Leute dort hin bringen bis sich die Lage im Land beruhigt.
Wenn man das weiter zulässt packen sonst bei jeden Konflikt (und es gibt die inzwischen Jährlich) Leute die Koffer und ab nach Europa. Das ist doch keine Lösung.
Man sieht es in Syrien. Die jungen Männer sind in Europa, die jungen Mädchen nach Saudi Arabien verschleppt und die alten und schwachen bleiben vor Ort.

anda20
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Die vielen Afghanen,

die sich nun laut den Medien alle fürchten, haben die Machtübernahme durch die Taliban ohne nennenswerten Widerstand zur Kenntnis genommen.

38 Millionen haben es selbst in der Hand nach Jahrzehnten internationaler Unterstützung und Billionen an Ausgaben endlich das Schicksal selbst zu wählen-davonlaufen und ewig auf andere zu hoffen ist doch etwas dürftig.

Vielen Dank

stadtkater
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Warum

verschleiern sich afghanische Frauen auch in Österreich und warum ist die Erwerbsquote afghanischer Frauen in Österreich so gering?

carlottina22
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Ich habe unter meinen Klientininnen

immer wieder junge Frauen aus Afghanistan. Alle sind erwerbstätig. Manche tragen ein Kopftuch, andere nicht. Keine ist "verschleiert". Ich denke, Sie haben keinen direkten Einblick in die Community, sonst wüssten Sie, dass Sie nicht alle afghanischen Frauen, die hier leben, über einen Kamm scheren können.

stadtkater
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Eine Schwalbe

macht noch keinen Sommer;)!

carlottina22
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@Stadtkater,

Sie haben keine Ahnung davon, wie viele Frauen aus Afghanistan hier erwerbstätig sind und verstecken sich hinter einer Redensart.

stadtkater
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Dann sagen Sie uns das doch:

1) Wie viele Afghaninen im erwerbsfähigen Alter leben in Österreich?

2) Wovon leben diese?

3) Wie viele sind erwerbstätig?

Nur damit man die Repräsentanz Ihrer Aussagen einordnen kann.

Balrog206
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Bitte

Um zahlen ? Aber da wird immer ein Geheimnis gemacht! Vollzeit Teilzeit geringfügig und freiwilliger Helfer ! Den mir kommt vor das jeder der einen Tag bei der Caritas mithilft und ein paar € verdient schon als Erwerbstätiger gezählt wird in den Verschönerungs Statistiken ! Ich hab ein paar Kollegen bei dir Afghanische Lehrlinge ausbilden , die sind meist sehr zufrieden. Trotzdem wären ehrliche Statistiken interessant vielleicht dienen sie ja einen besseren Eindruck zu haben !

krautundrüben
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Für @stadtkarter und alle grünen Daumen: wenn das jetzt ernstgemeinte Fragen sind

Internet dürfte für sie ja zur Verfügung stehen. Da finden Sie bestimmt z. B. auf youtube kurze, gut verständliche Dokumentationen über Afghanistan und deren Bevölkerung. Dort erfahren sie dann auch, dass die afghanischen Frauen zum islamischen Kulturkreis gehören, wo das Tragen von Kopftüchern dazu gehört. Ich weiß von afghanischen Familien in der Obersteiermark, wo die afghanischen Männer Waldbesitzer bei der Waldarbeit unterstützen (für das man heutzutage kaum mehr Einheimische bekommt...) und auch die Frauen dort helfen. Die haben z. B. gleich einmal das Kopftuch abgelegt, andere tragen das Kopftuch halt weiter. Warum viele afghanischen Frauen nicht arbeiten, mag daran liegen, dass das von ihnen nicht gefordert wird, und dass sie wahrscheinlich auch keine 1A-Ausbildung in Afghanistan bekommen haben, sodass sie - wie durchaus auch in anderen Ländern üblich - für die Kinder und den Haushalt zuständig sind. Sogar das österreichische Bildungssystem hält offenbar nicht immer das, was es verspricht....

 
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