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"Überall Blut"Aufstand gegen "Europas letzten Diktator" wächst

Erstmals lässt Lukaschenko Demonstranten frei. Aber das Entsetzen über das, was die Verletzten berichten, ist groß.

Die Gewalt der Polizei gegen friedliche Bürger, die Beweise für Wahlbetrug haben die Stimmung im Land aufgeheizt
Die Gewalt der Polizei gegen friedliche Bürger, die Beweise für Wahlbetrug haben die Stimmung im Land aufgeheizt © AP
 

Die Gefängnisse im Land von "Europas letztem Diktator" gelten seit langem als Folteranstalten. Doch was die Menschen in Weißrussland (Belarus) nun zu sehen bekommen, übertrifft schlimmste Befürchtungen. Im Nachrichtenkanal Telegram zeigen Männer in Unterhosen ihre Beine, mit großflächigen Blutergüssen übersät. Blutende Striemen auf Rücken. Rot und blau geprügelte Hinterteile. Nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis an der Okrestin-Straße in der Hauptstadt Minsk gibt es aber auch Tränen der Erleichterung über das Wiedersehen mit Angehörigen.

Vieles muss noch geprüft werden. Das macht auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International deutlich. Aber Zeugenaussagen deuten darauf hin, dass es eine Kampagne weit verbreiteter Folter und Misshandlungen gibt. Die Organisation beklagt seit Jahren Missstände in den Haftanstalten der ehemaligen Sowjetrepublik, ebenso wie die Todesstrafe, die per Genickschuss vollstreckt wird. Aber so viel Gewalt wurde noch nie dokumentiert.

12 Liter Wasser für 124 Menschen

Ein junger Mann namens Jewgeni berichtet, wie er am Dienstag abtransportiert und dann in einer Zelle auf 25 Quadratmetern mit Dutzenden Leidensgenossen zusammengepfercht worden sei. Ein anderer erzählt, dass die Gefangenen um 9.00 Uhr morgens Wasser verlangt und erst gegen Mitternacht bekommen hätten. 12 Liter für 124 Menschen. "Niemand durfte aufs Klo, schlafen mussten wir im Stehen", sagt er in die Kameras.

Ein anderer berichtet, wie Richter ("Ich bezweifle, dass es welche waren") im Eilverfahren noch im Gefängnis Strafen verhängten. Freigelassene Demonstranten betonen auf Nachfragen auch, dass sie nicht – wie von Lukaschenko behauptet - vom Ausland bezahlt seien. Und weisen zurück, dass russische Einsatzkräfte als Schlägertrupps zur Unterstützung der weißrussischen Sonderpolizei OMON und des Geheimdienstes KGB im Einsatz seien.

Weißrussland: Frauen mit Blumen in der Hand: Menschenkette als Protest

In der Hauptstadt Minsk protestierten die weiß gekleideten Demonstranten am Donnerstag in langen Menschenketten gegen den angeblichen Sieg Lukaschenkos bei der Präsidentenwahl sowie das gewaltsame Vorgehen der Polizei.

(c) AFP (SERGEI GAPON)

Tausende Frauen bildeten auf Straßen Menschenketten, wie mehrere Medien berichteten. Viele waren in Weiß gekleidet - der Farbe der Opposition - und hatten Blumen dabei.

(c) AP (Sergei Grits)

Auf Plakaten war etwa "Blumen statt Gewehrkugeln" zu lesen.

(c) AP

Anders als bei den abendlichen Demonstrationen ging die Polizei zunächst nicht gegen die Demonstranten vor. Die Demonstranten forderten Lukaschenko zum Rücktritt auf.

(c) AP (Sergei Grits)

Seit der Wahl am vergangenen Sonntag gehen die Demonstranten in Minsk und vielen anderen Städten des Landes täglich auf die Straße.

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Nach Angaben des Innenministeriums wurden bisher mindestens 6700 Menschen festgenommen, zwei Demonstranten getötet und Dutzende verletzt.

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Die Polizei gab zu, in der Stadt Brest nahe der Grenze zu Polen am Dienstag mit scharfer Munition auf Demonstranten geschossen zu haben.

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Mindestens ein Mensch wurde dabei verletzt. Die Opposition spricht von massivem Wahlbetrug, die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja musste nach Litauen fliehen.

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Frauen schildern unter Tränen, dass sie geschlagen worden seien. In Zellen mit vier Betten seien 35 Frauen gewesen, erzählt eine Freigelassene dem Portal tut.by. "Sie haben mit schrecklicher Brutalität zugeschlagen. Überall war viel Blut." Es gibt viele solcher Schilderungen. Etwa 2.000 von insgesamt 7.000 Gefangenen kommen am Freitag nach offiziellen Angaben frei. Abgesehen davon zeigt Lukaschenkos Machtapparat kein Einlenken.

"Ich bin noch am Leben und nicht im Ausland", sagt der 65-jährige bei einer Sitzung seines Kabinetts. Unbeeindruckt von den Protesten lässt er das amtliche Endergebnis der Wahl vom Sonntag verkünden: 80,1 Prozent für sich selbst. Lediglich 10,1 Prozent für seine Gegnerin Swetlana Tichanowskaja, deren Unterstützer sie als Gewinnerin der Wahl sehen. Die 37-Jährige ruft nach ihrer erzwungenen Ausreise ins EU-Nachbarland Litauen auf, weiter friedlich um die Anerkennung ihres Sieges zu kämpfen.

Die Gewalt der Polizei gegen friedliche Bürger, die Beweise für Wahlbetrug haben die Stimmung im Land aufgeheizt. "Aber nichts beeindruckt Lukaschenko mehr als die Streiks in den Staatsbetrieben, die zu einer echten Gefahr für seinen Machterhalt werden", sagt die Politologin Maryna Rakhlei der Deutschen Presse-Agentur. Wie sie gehen inzwischen viele Experten davon aus, dass sich Lukaschenko angesichts der Wut der Bürger wegen des Wahlbetrugs und der vielen Verletzten und bisher zwei Toten nicht an der Macht halten kann.

"Möglich ist aber weiterhin, dass er versucht, eine Militärdiktatur zu errichten", sagt Rakhlei. Lukaschenko hatte im Wahlkampf immer wieder betont, dass er notfalls die Armee einsetzen werde, um sich die sechste Amtszeit zu sichern. In sozialen Netzwerken gibt es neue Bilder von Militärfahrzeugen an den Zufahrten nach Minsk. Rakhlei weist darauf hin, dass Lukaschenko in 26 Jahren an der Macht einen mächtigen Apparat zur Niederschlagung von Aufständen geschaffen habe.

Weißrussland: Ausschreitungen und Proteste nach Wahl Lukaschenkos

Seinem Ruf als "letzter Diktator Europas" wird Alexander Lukaschenko bei der Präsidentenwahl gerecht.

(c) AP

Er hetzt seine Truppen mit Gummigeschoßen, Tränengas, Wasserwerfern und Blendgranaten auf weitgehend friedliche Demonstranten in der Ex-Sowjetrepublik Weißrussland (Belarus).

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Noch nie haben die Menschen so aufbegehrt gegen den 65-Jährigen - wegen der fast schon traditionellen Wahlfälschung.

(c) AFP (SIARHEI LESKIEC)

"Lukaschenko, hau ab!", rufen sie bei den historischen Protesten gegen den seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit harter Hand regierenden Politiker.

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Zehntausende Menschen gingen in dem zwischen EU-Mitglied Polen und Russland hin und her gerissenen Land in mehr als 30 Städten auf die Straße.

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Und sie unterstützten vor allen eine Frau: die 37-jährige Swetlana Tichanowskaja, die sie als eigentliche Siegerin der Wahl vom Sonntag feierten. "Sweta, nasch president!" – Deutsch: Sweta ist unsere Präsidentin – skandierten die Menschen nicht nur in der Hauptstadt Minsk.

(c) AP (Sergei Grits)

"Das Land ist aufgewacht", hatte Tichanowskaja, eine Fremdsprachenlehrerin, zuletzt immer wieder gesagt. Und nach dem Jubel auf der Straße und unzähligen Hinweisen auf gefälschte Wahlergebnisse bezeichnet sie sich nun selbst als Siegerin der Abstimmung.

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"Wir erkennen die Ergebnisse nicht an", sagt sie. Tichanowskaja und ihr Team stellen sich auf einen langen Kampf gegen Lukaschenko ein, um ihn mit Protesten zum Aufgeben zu bewegen.

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"Viele Menschen in Belarus haben nach Jahren der Repressionen die Angst verloren", sagt die belarussische Analystin Maryna Rakhlei der Deutschen Presse-Agentur über die Proteste. "Wir erleben gerade die Geburt der Nation Belarus."

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Die Menschen hätten inzwischen eine stärkere nationale Identität entwickelt - und sie strebten nach Freiheit. Dazu gehöre auch das Abnabeln vom Nachbarn Russland, an dessen Tropf das Land wirtschaftlich hängt.

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Wichtig sei aber, sagt Rakhlei, dass die Menschen nun auch Unterstützung aus dem Westen bekämen. Sie müssten mit ihrer Wahl und dem Wunsch nach Veränderung ernst genommen werden.

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"Selbst wenn Lukaschenko diese Krise noch einmal überlebt, ist es so, dass die Probleme bleiben."

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Das Land habe sich verändert, die Menschen hätten die Lügen satt – zuletzt auch wegen der von Lukaschenko weitgehend ignorierten Corona-Pandemie.

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Tichanowskaja habe es als Erste überhaupt geschafft, die Massen zu mobilisieren. "Sie ist zu einem Symbol geworden."

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Vorbei ist die "schweigende Zustimmung", das Wegsehen der Menschen, wie es in Tichanowskajas Wahlkampfstab heißt.

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Zu Dutzenden veröffentlichen Aktivisten die Ergebnis-Protokolle aus den Wahlbüros.

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Viele weisen die Kandidatin als Siegerin und Lukaschenko als Verlierer aus. Das seien die "ehrlichen Wahlkommissionen", hieß es.

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"In einem Land, das die Erinnerung an die vielen Opfer des Zweiten Weltkrieges so hoch hält, wo der Faschismus ein großes Trauma hinterlassen hat, trifft diese Brutalität die Menschen besonders hart", sagt Rakhlei. "Das ist für sie unverzeihlich."

Die Hoffnung der Menschen ruhe nun auf der Opposition um Tichanowskaja, die eine klare Linie verfolge: Rücktritt Lukaschenkos, dann Freilassung der letzten politischen Gefangenen und Neuwahlen unter Beteiligung der nicht zugelassenen Kandidaten. Viktor Babariko, der als früherer Chef einer russischen Bank in Haft sitzt, und der gut vernetzte IT-Unternehmer Waleri Zepkalo, der nach Russland geflohen ist, stünden für diesen Neuanfang bereit.

Kommentare (3)

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Nora
1
2
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Lösung!

Kimme und Korn.Stets nach vorn!
Alles verstanden? Das gilt auch für Orban,Putin,dem Vollkoffer von China,...

Hildegard11
1
7
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Die Brutalos haben...

...jetzt kein Argument mehr als zu verschwinden. Sie haben jeden Kredit verspielt.

eleasar
2
10
Lesenswert?

Gib nicht auf, Volk Weißrusslands!

Das Volk wird siegen und der Diktator und seine Schergen ihre gerechte Strafe erhalten. Lüge, Unterdrückung und Gewalt haben sich in der Geschichte nie lange gehalten. Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit werden triumphieren. Unsere Gebete sind mit euch.