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Islamischer Staat

Drei Frauen und der Wahnsinn im IS

Drei Frauen, die aus dem IS-"Kalifat" geflüchtet sind, erzählen in der New York Times ihre Geschichte: Von ihrem Leben vor der Machtergreifung durch den IS, dem Versuch, mit den neuen Verhältnissen zu leben, dem Scheitern und der Flucht.

Mideast Saudi Women
Drei Frauen erzählen, wie der IS ihr Leben verändert hat © dapd
 

ZIB-2-Anchorman Armin Wolf hatte disen Bericht von drei jungen Frauen in der New York Times auf Facebook gepostet. Einer seiner User übersetzte ihn dankenswerterweise auf Deutsch. Er merkt dazu an: "Der Text zeigt sehr, sehr eindrucksvoll, wie der IS-Terror eine Gesellschaft zerstört. Aus Österreich sind 250 junge Menschen nach Syrien gegangen, darunter auch einige Mädchen. Wenn der Artikel nur einen verwirrten jungen Menschen, der sich bei uns von diesem Wahnsinn angezogen fühlt, zum Nachdenken bringt, was sie dort wirklich erwartet, war er jede Mühe wert, oder? Deshalb finde ich so wichtig, dass der Text an Schulen kommt - und zwar nicht nur in Maturaklassen, wo das Englisch schon gut genug ist, sondern zu den 14-, 15-, 16jährigen. Deshalb war mir die Übersetzung wichtig.

Hier Auszüge aus dem beklemmenden Dokument:

Dua war erst seit zwei Monaten bei der Khansaa Brigade, der rein weiblichen Sittenpolizei des IS, als ihre Freundinnen zum Stützpunkt gebracht wurden, um ausgepeitscht zu werden. Die Polizei zerrte zwei Frauen herein, die sie seit ihrer Kindheit kannte, eine Mutter und ihre Tochter im Teenageralter, beide verzweifelt. Ihre Abayas, fließende schwarze Roben, waren als zu eng beurteilt worden. Als die Mutter Dua sah, flehte sie sie an, einzuschreiten. Die Stimmung im Raum war bedrückend während Dua überlegte, was sie tun sollte.

 

"Ihre Abayas waren wirklich sehr eng. Ich sagte ihr, es sei ihre eigene Schuld." 

Dua

„Ihre Abayas waren wirklich sehr eng. Ich sagte ihr, es sei ihre eigene Schuld; sie waren mit der falschen Bekleidung in die Öffentlichkeit gegangen“, sagt sie: „Sie waren nicht erfreut darüber.“ Dua setzte sich wieder und sah zu, wie die anderen Offiziere die Frauen in ein Hinterzimmer führten, um sie auszupeitschen. Als sie ihre Niqabs (Schleier) lüfteten, sah man auch, dass ihre Freundinnen Makeup trugen. Es gab zwanzig Peitschenhiebe für die enge Kleidung, fünf für das Makeup und weitere fünf, weil sie bei ihrer Festnahme nicht unterwürfig genug waren. Ihre Schreie hallten, während Dua mit einem Kloß im Hals zur Decke starrte.

Die böse Erinnerung

In der kurzen Zeit, seit sie bei der Khansaa Brigade in ihrer Heimatstadt Raqqa in Nordsyrien war, waren die Methoden der Sittenpolizei immer brutaler geworden. Die Verpflichtung, eine Abaya und einen Niqab zu tragen, war in den Wochen nach der Übernahme Raqqas durch die IS-Djihadisten noch für viele Frauen neu.

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"Ab diesem Tag hassten sie mich auch." 

Dua

Mutter und Tochter kamen später in Duas Elternhaus, wütend über sie und voll Ärger über den IS: „Sie sagten, sie hassen den IS und wünschten, er wäre nie in nach Raqqa gekommen“, sagt Dua. Sie verteidigte sich damit, dass sie als junges und neues Mitglied der Khansaa-Brigade nichts hätte tun können. Aber eine lebenslange Freundschaft mit gemeinsamer Feiertagen und Geburtstagspartys war plötzlich zerstört. Ab diesem Tag hassten sie mich auch“. sagte sie: „Sie sind nie wieder zu uns nachhause gekommen“.

Duas Cousine Aws arbeitete ebenfalls für die Brigade. Nicht lange nachdem Duas Freundinnen ausgepeitscht wurden, sah Aws am Muhammad Platz wie Kämpfer einen Mann brutal schlugen. Der etwa 70jährige, gebrechliche, weißhaarige Mann war belauscht worden, als er über Gott geflucht hatte. Die Kämpfer schleiften ihn vor versammelter Menge auf den Platz und begannen ihn auszupeitschen, nachdem er auf die Knie gefallen war. „Er schrie die ganze Zeit“, sagt Aws: „Und er hatte noch Glück, dass er Allah beschimpft hatte, weil Allah gnädig ist. Hätte er auf den Propheten geschimpft, hätten sie ihn umgebracht.“

Aws, 25, und Dua, 20, leben heute in einer kleinen Stadt im Süden der Türkei. nachdem sie aus Raqqa und vor den djihadistischen Machthabern geflohen sind. Sie haben hier Asma, 22, eine weitere Deserteurin der Khansaa-Brigade getroffen und Unterschlupf in der großen Gemeinschaft syrischer Flüchtlinge gefunden.

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Die gute Vergangenheit

Alle drei beschreiben sich als typische junge Frauen aus Raqqa.
Aws mochte Hollywood, Dua hatte Bollywood lieber. Aws Familie gehörte zur Mittelschicht, sie studierte englische Literatur an der Euphrates University, drei Stunden mit dem Bus von Raqqa entfernt. Sie verschlang Romane: manche von Agatha Christie und besonders Dan Brown. „Diabolus“ ist ihr Lieblingsbuch.

Duas Vater ist Bauer und Geld war bei ihnen knapper, aber ihr Sozialleben war eng mit dem von Aws verflochten und die Cousinen liebten ihre bezaubernde Stadt. Man konnte zum Qualat Jabr spazieren, einem Fort aus dem 11 Jahrhundert am Assad See, im Al Rasheed-Park Kaffee trinken und von der Raqqa Brücke in der Nacht die Lichter der Stadt betrachten. In den Gärten und im Vergnügungspark im Stadtzentrum traf man sich auf ein Eis oder eine Shisha-Pfeife mit Freunden.

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Erinnerungen an die Freiheit

Alle drei zählten zu einer Generation syrischer Frauen, die unabhängiger war als alle vor ihr. Sie hatten freien Umgang mit jungen Männern, trafen sich mit ihnen oder lernten gemeinsam in einer religiös vielfältigen Stadt mit relativ lockeren Sitten. Viele junge Frauen kleideten sich auf eine Weise, die sie „Sport Style“ nannten, im Sommer mit unbedeckten Knien und Armen, und sie schminkten sich. Während die konservativeren Einwohnerinnen von Raqqa Abayas und Schleier trugen, besuchten immer mehr Frauen die Universität und heirateten später. Die meisten Frauen und Männer konnten sich ihre Ehepartner selbst wählen.

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Anfang 2014 änderte sich alles. Der IS übernahm die Kontrolle in Raqqa, machte die Stadt zu seiner Kommandozentrale und setzte seine Autorität brutal durch. Wer Widerstand leistete oder wessen Familie und Freunde die falschen Verbindungen hatten, wurde verhaftet, gefoltert oder ermordet.

International wurde der Islamische Staat unter den Abkürzungen ISIS und ISIL bekannt. Aber in Raqqa begannen Einwohner die Gruppe „Al Tanzeem“ zu nennen: Die Organisation. Es war schnell klar, dass jeder Platz in der sozialen Ordnung und jegliche Chance einer Familie zu überleben, völlig vom Wohlwollen dieser Gruppe abhing.

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Das Leben mit der "Organisation"

Dua, Aws und Asma waren unter den Glücklichen: Sie konnten sich entscheiden mitzumachen. Alle drei entschieden sich für einen Tauschhandel mit der „Organisation“: Ihr Leben gegen Arbeit und Heirat. Keine von ihnen identifizierte sich mit der extremen Ideologie und auch nach ihrer Flucht kämpfen sie in ihrem Versteck noch immer damit, zu erklären, wie sie von jungen, modernen Frauen zu Sittenwächter des IS werden konnten.

Damals wirkte jede Entscheidung wie die richtige, wie eine Möglichkeit, das Leben erträglich zu machen: Kämpfer zu heiraten, um die Organisation zu beschwichtigen und ihre Familien nicht zu gefährden; der Khansaa-Brigade beizutreten, um ein klein wenig Bewegungsfreiheit und Einkommen zu erlangen – in einer Stadt, in der Frauen jeglicher Selbstbestimmung beraubt waren.

Aber jedes Zugeständnis wurde schnell zum Horror und die Frauen hassten, wie sie gegen ihre Nachbarn aufgehetzt und Teil einer Macht wurden, die eine Gemeinschaft zerriss, die sie geliebt hatten. Nach nur wenigen Monaten – verwitwet, verlassen und wieder dazu gezwungen, Fremde zu heiraten – mussten sie erkennen, dass sie als zeitweilige Sklavinnen für ausländische Kämpfer benützt wurden, deren einziger Lebensinhalt Gewalt war – und ein Gott, der nicht wiederzuerkennen war.

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Die Hoffnung mit der Ehe

Nach ihrer Hochzeit war Aws überrascht, dass sich ihre Ehe echt anfühlte – sogar liebevoll. Abu Mohammed zeichnete gerne die zwei Muttermale auf ihrer linken Backe nach und neckte sie wegen ihres Akzents, wenn sie versuchte, türkische Wörter auszusprechen.

Aber oft kam er in der Nacht nicht nachhause, manchmal blieb er sogar drei oder vier Nächte weg, um für den IS zu kämpfen. Aws hasste es, alleine zu sein und schmollte, wenn er wieder zurückkam; er antwortete nur mit Witzen und schmeichelte ihr, bis sie ihm verzieh.

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Der Saudi, Abu Soheil Jizrawi, stammte aus einer wohlhabenden Bauunternehmer-Familie in Riad und versprach Duas Leben zu ändern. Sie dachte nach und entschloss sich letztlich, seinen Antrag anzunehmen. Zum ersten Mal sah sie ihn an ihrem Hochzeitstag, als er mit Gold für ihre Familie ankam. Ihr gefiel, was sie sah: Abu Soheil war hellhäutig mit einem weichen, schwarzen Bart, groß und schlaksig, mit Charisma und einer Art, die sie zum Lachen brachte.

Er brachte sie in einem großen Appartement mit neuen europäischen Küchengeräten und Klimaanlagen in allen Räumen unter – ein Luxus, den in Raqqa fast niemand kannte. Sie zeigte ihr neues Heim im Freundes- und Verwandtenkreis gerne herum. Ihre Küche wurde zum Ort, an dem die Frau des anderen Kämpfers im Haus – eine Syrerin, die wie Aws einen türkischen Rekruten geheiratet hatte – zum Kaffee einkehrte. Jeden Morgen ging Abu Soheils Diener für sie einkaufen und stellte Taschen voller Fleisch und anderer Lebensmittel vor die Türe.

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Während in das Leben von Aws und Dua ein wenig Licht gekommen war, blieb Asmas Wohnzimmer in Raqqa dunkel und stickig. Die Vorhänge waren zugezogen und die Fenster verschlossen, damit niemand sah, dass ihr Fernseher an war. TV, Musik, Radio – alles lief mit leisester Lautstärke. Doch selbst diese Flucht vor der Realität wurde für Asma immer seltener, weil es in Raqqa nur mehr zwei, manchmal vier Stunden täglich Strom gab. Und zum Friseur konnte sie auch nicht mehr gehen, um sich die Zeit zu vertreiben.

 

"Für mich war es ok, all diese Frauen zu kontaktieren, um sie nach Syrien zu holen." 

Asma

Die „Organisation“ verfügte, dass das Internet nur mehr für wichtige Arbeiten zu verwenden sei, wie das Rekrutieren ausländischer Kämpfer und Frauen. Asma, die zuvor mehrere Stunden am Tag vor ihrem Laptop verbracht hatte, fand sich von der Außenwelt abgeschnitten. „Aber für sie war es ok, all diese Frauen zu kontaktieren, um sie nach Syrien zu holen“, erinnert sich Aws später, als die drei Frauen hier in der Türkei zusammensitzen. Alle drei rollen ihre Augen: „Das war ja Arbeit.“

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Der Beitritt zur Brigade

Im Februar 2014, zwei Monate nach ihrer Hochzeit und ohne Chance, Abu Mohammed zu einem Kind zu überreden, entschied sich Aws, der Khansaa-Brigade beizutreten. Dua trat etwa zur gleichen Zeit bei und sie begannen gemeinsam die verpflichtende militärische und religiöse Ausbildung.

Die Cousinen hatten Bedenken beizutreten. Aber sie hatten bereits Kämpfer geheiratet und sich entschieden, die Besetzung von Raqqa zu überstehen, indem sie sich mit der „Organisation“ arrangierten. Der Brigade beizutreten, war eine Chance, mehr zu tun als einfach zur zu existieren und es hatte Ähnlichkeit mit der Arbeit ihrer Männer. Und das volle Ausmaß der Unterdrückung durch die Brigade wurde erst mit der Zeit offensichtlich.

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"Für mich ging es um Geld und Macht, hauptsächlich um Macht." 

Asma
 

„Für mich ging es um Geld und Macht, hauptsächlich um Macht“, sagt Asma, während sie ins Englische wechselt, um ihre Motivation zu beschreiben: „Da meine Verwandten schon alle dabei waren, änderte es wenig, auch beizutreten. Ich hatte nur mehr Autorität.“

Aber auch wenn die Frauen versuchten, ihre Entscheidung rational zu begründen, konnte man nicht umhin, die „Organisation“ als das zu sehen, was sie war: eine gezielte Tötungsmaschinerie. Aber in ganz Syrien schien es nur mehr um den Tod zu gehen.

Die ersten Zweifel

In der Nacht hörten sich Aws und Dua an, wie ihre Männer versuchten, sich zu rechtfertigen. Sie mussten grausam sein, wenn sie eine Stadt einnahmen, um spätere Opfer zu vermeiden, insistierten ihre Männer. Assads Truppen gingen auf Zivilisten los, stürmten Häuser mitten in der Nacht und misshandelten Männer vor ihren Frauen; die Kämpfer hatten keine Wahl, als mit gleicher Brutalität zu antworten, sagten sie.

Alle drei Frauen nahmen am vorgeschriebenen Training für die Khansaa-Brigade teil. Etwa fünfzig Frauen absolvierten den 15-tägigen Waffenkurs. In Achtstunden-Tagen lernten sie, Pistolen zu laden, zu reinigen und abzufeuern. Aber die ausländischen Frauen, die zum IS kamen, durften mit „Russis“ trainieren, wurde erzählt – so hießen im Slang die Kalaschnikow-Maschinengewehre.

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Mädchen aus Europa

Viele Frauen kamen aus Europa. In einer Frühlingsnacht in diesem Jahr übernahmen Asma und ihr Team drei britische Mädchen, westlich gekleidet aber mit verschleiertem Haar. „Sie waren so jung, zierlich und so glücklich, angekommen zu sein, sie lachten und strahlten“, erinnert sie sich. Sie brachte sie zu einer Herberge und half ihnen, sich einzurichten. Wie die meisten Ausländer, die sie eskortiert hatte, traf sie die Mädchen nie wieder. Erst später sah sie ihre Gesichter überall im Internet: Schulmädchen aus Bethnal Green in London, freiwillig ausgewandert, um sich dem IS anzuschließen. Asma war verblüfft über die Entscheidung, sich so unbedarft und fröhlich in ein Leben zu stürzen, dass ihr jeden Tag die Kräfte raubte.

Früher hatte Asma einen festen Freund vom College. Die Beziehung war kompliziert. Noch bevor der IS in Raqqa die Kontrolle übernahm, hatte er sie schon dazu gedrängt, einen Kopfschleier zu tragen und sich konservativer zu kleiden. Aber sie lehnte ab, sich danach beurteilen zu lassen, wieviel Haut sie zeigte. Nach dem Machtwechsel übersiedelte er nach Jordanien, um sein Studium zu beenden.

Jetzt trug sie den ganzen Tag ihren Hijab und zwang andere Frauen dazu, es auch zu tun. Aber in der Nacht hörte sie auf ihrem Handy die Rockgruppe Evanescence und weinte.

Brutalität und Angst

Eines Tages im Frühling 2014 gingen die Frauen aus Duas Polizeieinheit zu einem der Hauptplätze der Stadt, um sich die Steinigung von zwei Frauen – angeblich wegen Ehebruchs – anzuschauen. Dua weigerte sich, mitzugehen. Ihr gefiel nicht, dass den Extremisten das Spektakel wichtiger war als die korrekte Umsetzung der Sharia: „Im Islam braucht man vier Augenzeugen für den Akt, um eine solche Bestrafung durchzuführen“, sagt sie.

Innerhalb von Stunden wurde bekannt, dass die Frau mit gar keinem Mann zusammen gewesen war. Es hieß, sie sei vor dem Polizeihauptquartier der Stadt mit einem Schild aufgetaucht, auf dem „Tasqoot al-Tanzeem“ stand: „Nieder mit der Organisation“.

Als in diesem Frühling die Bäume blühten, wurde es alltäglich, die Köpfe gefangener Soldaten und angeblicher Verräter am Hauptplatz, neben dem Uhrturm, hängen zu sehen. Aber die meisten, die in Raqqa geblieben waren, hatten entweder zu viel Angst, um zu rebellieren – oder gar nicht das Bedürfnis.

Voller Entsetzen versuchten die Cousinen mit all dem fertig zu werden – und beruhigten sich mit dem Gedanken, dass sie sich zwar der „Organisation“ angeschlossen hatten, aber zumindest selbst niemanden umbrachten.

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Frau auf Zeit für Selbstmordattentäter

Wie Aws Ehemann wollte auch Abu Soheil, der Mann von Dua, keine Kinder. Aber Dua hatte es nicht eilig und drängte ihn nicht. Im Juli 2014 kam er drei Nächte lang nicht nachhause. Am vierten Tag klopfte eine Gruppe Kämpfer an ihre Tür. Sie sagten ihr, dass sich Abu Soheil während einer Schlacht mit der syrischen Armee nahe der Grenze zur Türkei selbst in die Luft gesprengt hatte.

Dua war am Boden zerstört, vor allem als ihr der Kommandant sagte, dass Abu Soheil von sich aus eine Selbstmordmission verlangt hatte. Er hat ihr nie von einem solchen Plan erzählt. Dua brach zusammen und wälzte sich schluchzend vor den Füßen der Kämpfer.

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Nur zehn Tage später kam wieder ein Kämpfer aus der Truppe ihres Mannes. Er erklärte ihr, sie könne nicht unverheiratet bleiben und müsse wieder heiraten.

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"Ich sagte: Mein Herz ist gebrochen." 

Dua

„Ich sagte ihm, dass ich noch nicht mal aufhören konnte, zu weinen“, sagt Dua. „Ich sagte: Mein Herz ist gebrochen, ich will die vollen drei Monate warten.“ Aber der Kommandant erklärte ihr, sie sei anders als eine normale Witwe. „Du solltest nicht trauern“, sagte er: „Er wollte zum Märtyrer werden und du bist die Frau eines Märtyrers. Du solltest glücklich sein.“
Das war der Moment, in dem sie zerbrach.

Die „Organisation“ hatte sie zur Witwe gemacht und wollte das wieder und wieder mit ihr machen: sie in einen immer neuen Zeitvertreib für Selbstmord-Attentäter verwandeln. Es gab keine Wahl mehr, keine Würde, nur mehr den Dienst, den der IS verlangte, um weiter Männer an seine Kriegsfronten schicken zu können.

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Entscheidung, zu fliehen

Dua, die sich eine weitere Zwangsehe nicht vorstellen konnte, flüchtete als Erste. Ihr Bruder rief syrische Freunde im Süden der Türkei an, die sie auf der anderen Seite der Grenze treffen sollten, und Anfang dieses Jahres machten sich die Geschwister in einem Minibus auf die zweistündige Reise zum Tal Abyad-Grenzübergang. Der Strom von Flüchtlingen in die Türkei war damals noch dicht und die beiden kamen durch, ohne aufgehalten zu werden.

Vier Monate später, als Aws beschloss zu flüchten, war es schon schwieriger, über die Grenze zu kommen, weil die Türkei die Kontrollen verschärft hatte. Sie kontaktierte Dua und wurde mit dem Mann zusammengebracht, der auch Dua bei der Flucht geholfen hatte.

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Im Frühling dieses Jahres quälte Asma der Gedanke, ob auch sie flüchten sollte. Raqqa hat sich verändert. Früher war ihr alle zwanzig Schritte jemand begegnet, den sie kannte. Die Stadt hatte sich klein angefühlt. Aber die, die es sich leisten konnten, waren geflüchtet. Bei ihrer Arbeit war sie von fremden Gesichtern und ausländischen Akzenten umgeben.

"Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten." 

Asma
 

Die „Organisation“ missbilligte es, wenn junge Frauen unverheiratet waren und Asmas Situation wurde kompliziert. Sie fiel in eine schwere Depression – wie ausgetrocknet dehnten sich ihre Tage vor ihr aus. „Du konntest nicht ohne deinen Vater oder Bruder zum Arzt gehen. Du konntest nicht einfach spazieren gehen“, sagt sie: „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.“

"Frühre war ich so wie du"

Sie fühlte, wie sich ihre Identität aufzulösen begann. „Früher war ich so wie du“, erzählt sie gestikulieren: „Ich hatte einen festen Freund, ich ging zum Strand, ich trug einen Bikini. Auch in Syrien trugen wir kurze Röcke und Tops und das war alles normal. Sogar meine Brüder scherten sich nicht darum, ich hatte mit niemandem ein Problem.“

Als sie mit einer Cousine ihre Flucht plante, erzählten sie niemandem davon, auch nicht ihren Familien, und sie nahmen nur ihre Handtaschen mit.

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Das Geheimnis der Vergangenheit

Die türkische Stadt, in der die drei Frauen jetzt leben, liegt in einer trockenen Grasebene. An ihren Rändern wachsen Pinien, Oliven- und Zwetschkenbäume. Während eines Baubooms vor einigen Jahren wurden hier niedrige Wohnblöcke errichtet, die jetzt als billige Unterkünfte dienen, und es vielen syrischen Flüchtlingen ermöglichen, hier ein neues Leben aufzubauen.

Verwahrloste syrische Kinder betteln auf den Straßen und verkaufen Taschentücher, genau wie in Istanbul oder Beirut. Aber es gibt Arbeitsgelegenheiten und die Miete für eine Zweizimmerwohnung ist nicht völlig unerschwinglich. Mittlerweile gibt es so viele syrische Flüchtlinge, dass man im Stadtzentrum syrische Restaurants und Baklava-Läden findet. Die Händler am Bazar können bereits genug Arabisch für den Satz: „Diesen Preis mache ich nur Ihnen zuliebe.“

Aber nicht alle syrischen Flüchtlinge in der Stadt waren Kollaborateure des IS – und Aws, Dua und Asma hüten ihr Geheimnis streng. Sie sind staatenlos und entwurzelt und verbergen eine Vergangenheit, die ihnen große Probleme machen könnte. Alle drei lernen Englisch und Türkisch, in der Hoffnung auf eine Zukunft, vielleicht irgendwann in einem weltoffeneren Teil der Türkei.

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Abschied ohne Hoffnung auf Rückkehr

Nach Jahren der Scham und Enttäuschung sagt keine der drei Frauen, dass sie sich vorstellen könne, je zurückzugehen – auch nicht, wenn der Islamische Staat fallen sollte. Das Raqqa, das ihr Zuhause war, existiert nur mehr in ihren Erinnerungen. „Wer weiß, wann das Kämpfen ein Ende hat?“, sagt Asma. „Syrien wird wie Palästina werden; jedes Jahr werden die Leute denken: ‚Nächstes Jahr wird es vorbei sein. Wir werden frei sein.‘ Jahrzehnte werden vergehen. Syrien ist jetzt ein Dschungel.“

„Selbst wenn eines Tages alles in Ordnung ist, werde ich niemals nach Raqqa zurückkehren“, sagte Aws: „Zu viel Blut wurde auf allen Seiten vergossen – ich rede nicht nur von ISIS, sondern von allen.“