Elisabeth Köstinger im Interview"Verhalten der Handelskonzerne ist moralisch verwerflich"

Landwirtschafts- und Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) legt im Streit mit Handelsketten nach, verteidigt die Coronaregeln für die Wintersaison und bezeichnet die FPÖ als "geimpfte Heimatpartei".

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Elisabeth Köstinger: "Österreich hat die höchste Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel" © Markus Traussnig
 

Die ÖVP führt seit Jahrzehnten das Landwirtschaftsministerium. Was haben Sie da versäumt, dass Sie den Handelsketten jetzt „erpresserische Zustände“ vorwerfen müssen?
ELISABETH KÖSTINGER: Wenn Sie mein Engagement für gerechte Preis verfolgen, werden Sie sehen, dass da schon viele Jahre der Wille für eine Veränderung im Sinne der Bäuerinnen und Bauern besteht. Die Handelsketten nutzen gern das positive Bild der bäuerlichen Produktion, die wir in Österreich haben, für ihre Werbebotschaften. In Preisverhandlungen sind sie dann beinhart. Verhandlungen über Milchpreise wegen drei Cent wochenlang nicht abzuschließen, halte ich moralisch für verwerflich. Ich finde, man sollte über das System des Monopols, das die Konzerne haben, reden dürfen.

Ist es klug, den Unternehmen das mit so deftigen Worten auszurichten?
Gesprächsrunden und Lippenbekenntnisse kenne ich zur Genüge. Wir haben von freiwilligen Selbstverpflichtungen, dass unlautere Geschäftspraktiken nicht mehr stattfinden, bis zu einem Bekenntnis zu österreichischen Produkten alles erlebt. Es kommen immer neue Auflagen, mehr Umwelt- und Klimaschutz und auf der anderen Seite schlägt der Preishammer unerbittlich zu – das geht sich für die Bauern nicht mehr aus. Auch wenn der Konsument mehr zahlt, kommt das bei den Bauern nicht an. Da ist ein Systemfehler in der Wertschöpfungskette. Das ist kein österreichisches Problem, damit kämpfen wir in ganz Europa. Da sind es halt etwas mehr Handelsketten, die sich den Markt für die gesamte EU aufteilen. In Österreich haben wir die größte Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel.

Statt „Nebelgranaten“ zu werfen, wie die SPÖ kritisiert, könnten Sie endlich die EU-weite Richtlinie zum Schutz der kleinen Betriebe umsetzen.
Wir befinden uns in der fachlichen und politischen Endabstimmung mit dem zuständigen Wirtschaftsministerium und dem Koalitionspartner. Damit wäre der Weg frei für eine weisungsfreie Ombudsstelle.

Aber wo bleiben Ihre konkreten Maßnahmen gegen Preisdruck?
Das Wettbewerbsrecht ist schon streng, Sprichwort Preisabsprachen. Ich will da auch an die moralische Verantwortung appellieren. Die Alternative zur bäuerlichen Produktion ist industrielle Produktion. Dann stehen auch bei uns Ställe mit 1500 Milchkühen, die zu Preisen produzieren können, die zurzeit die Handelsketten zahlen.

Wie geht es Ihnen als frühere Umweltministerin, wenn in Ihrer Partei in Bezug auf Klimaschutzmaßnahmen als „Weg zurück in die Steinzeit“ die Rede ist?
Wir sehen die große Chance im Umbau unseres Wirtschaftssystems, in neuen Technologien, und nicht in Verboten. Ideologisch haben wir und die Grünen natürlich unterschiedliche Zugänge. Eine ökologische Steuerreform darf nicht zu Lasten der Menschen im ländlichen Raum gehen. Die haben keine U-Bahn vor der Tür, die sie im Drei-Minuten-Intervall zur Arbeit bringt.

Köstinger erwartet sich eine baldige Einigung auf eine ökosoziale Steuerreform Foto © Markus Traussnig

Sie haben Regeln für den Tourismuswinter präsentiert. Wären strengere Vorgaben nicht vernünftiger als ein Stufenplan? Sogar manche Hoteliers plädieren für 2 G.
Ich will auf jeden Fall, dass die heurige Wintersaison stattfindet. Apres Ski wird de facto gleichbehandelt wie die Nachtgastronomie. Advent- und Weihnachtsmärkte werden auch unter den 3G-Regeln stattfinden können. Die Stufen hängen von der Situation auf den Intensivstationen ab, das ist der wichtigste Faktor.

Gäste müssen die 3-G-Regel befolgen, Mitarbeiter nicht. Ist das nicht absurd?
Die Impfquote im Tourismus liegt bei 72 Prozent und ist deutlich höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Wir arbeiten auch gerade mit dem Gesundheitsminister daran, eine geeignete Lösung für ungeimpfte Mitarbeiter zustande zu bringen – das geht in Richtung regelmäßige PCR-Tests und FFP2-Masken.

Wann kommt die 3-G-Regel am Arbeitsplatz?
Ich halte das für sehr sinnvoll. Die Sozialpartner werden eine gute, geeignete Lösung finden.

Ich sehe nicht ein, warum die gesamte Bevölkerung in Geiselhaft einer Pandemie bleiben sollen, wenn es über die Impfung eine Lösung gibt.

Elisabeth Köstinger

Geht es in Richtung Impfpflicht?
Die freie Entscheidung der Menschen muss über allem stehen. Aber wenn wir Probleme im Gesundheitssystem und bei Intensivbetten bekommen, dann müssen wir reagieren und ungeimpfte Personen schützen. Wir wollen maximale Freiheit für Geimpfte. Ich sehe nicht ein, warum die gesamte Bevölkerung in Geiselhaft einer Pandemie bleiben sollen, wenn es über die Impfung eine Lösung gibt.

Der Bundeskanzler hat vor einigen Monaten die Pandemie für beendet erklärt. War das ein Fehler?
Wir hatten zu den Öffnungen im Mai eine sensationell gute Ausgangslage. Was uns seit damals geblieben ist, ist die 3-G-Regel. Jetzt müssen wir speziell für Ungeimpfte wieder Vorkehrungen treffen. Aber die Lösung liegt mit der Impfung am Tisch.

Kennen Sie sich bei all den Coronaregeln, die derzeit gelten, selbst überhaupt noch aus?
Ja. Und das wichtigste ist Impfen gehen. 90 Prozent der Menschen, die nach einer Infektion eine Behandlung brauchen, sind ungeimpft. Die Menschen haben zum Teil irrationale Ängste vor der Impfung, das ist auch dem Auftreten der FPÖ geschuldet. Diese Partei treibt einen Keil in die Gesellschaft, einige ihrer Spitzenpolitiker lassen sich aber selbst trotzdem impfen. Man kann da von einer geimpften Heimatpartei sprechen.

Wien setzt auch jetzt auf schärfere Regeln. Warum rücken Sie immer wieder mit Kritik an der Wiener Stadtregierung aus?
Wenn der Bürgermeister von Wien die Bundesregierung kritisiert, muss man das nicht immer alles auf sich sitzen lassen, weil es auch, wie bei der FPÖ, parteipolitisch motiviert ist. Da wird es wohl auch erlaubt sein, den Bürgermeister drauf hinzuweisen, dass er selbst eine Verantwortung hat, wenn es um die Impfquote geht. Wien hatte den ganzen Sommer über verschärfte Maßnahmen, das war auch gut so, und trotzdem hat Wien eine höhere Intensivbettenbelegung als andere Bundesländer.

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Danke für Ihr Verständnis.

satiricus
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Die Handelsriesen werden nun aber die Frau Köstinger kennenlernen!

Ungefähr so, wie man bei Airbus die Tanner kennengelernt hat - dort haben sie heut noch Bauchweh vom lachen......

mangogue
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da hätte sie besser geschwiegen ...

Die Antworten bei diesem Interview machen eines deutlich, die Inkompetenz der guten Frau. Offensichtlich keine Ahnung davor, wer in der Landwirtschaft anschafft, aber als große Virologin gebetsmühlenartig absondern, Impfen ist die Lösung.
Wenn impfen die Lösung wäre, warum gibt es dann in Ländern wie Israel derart viele Neuinfektionen?

gehtso
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wenn sich die Frau

Köstinger der Sache annimmt, können sich die Handelsriesen ruhig zurücklehnen.
Ja, der "freie" Markt ist doch nicht so ganz frei.

neuernickname
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Nur weil die Frau Köstinger, die Frau Köstinger ist, heißt das ja nicht, dass sie unrecht hat

Sie ist halt die erste MInisterin in Österreich, die sowas überhaupt sagt.

Klar, die Antitürkisen müssen da Spott und Häme über sie aussschütten.

Aber sinnvoll ist das nicht. Mit den Konzernen mithalten, weils gegen türkis geht.

Hahahhaha - Links ist einfach ein Schlager - da gibts nix.

SoundofThunder
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😏

Die strotzt nur so vor Kompetenz!

DergeerdeteSteirer
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Bin seit dem Vormittag noch immer am schmunzeln wegen des so treffenden Kommentares von @Lepus52wegen des Dunning - Kruger -Effektes , .........................


"Wenn man inkompetent ist, kann man nicht wissen, dass man inkompetent ist.
Die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um eine richtige Antwort zu geben, sind genau die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist.“

- David Dunning -

Das trifft für die "Trittbrettfahrerin Elli" aber sowas von zu das es fast nicht zu glauben ist .................. ;-)

Lodengrün
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Salbungsvolles Reden

die zu nichts führt. Kann jemand anführen wann sie je, in welcher Funktion auch immer, etwas auf die Reihe brachte. Vielleicht als sie für die Partei die strategische Planung machte. 😱😆🤣😂

NightflyerXX
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Sein leicht...

... bald Wahlen?
:-)

LOEWEGRAZ
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Blendgranate

Seit über 35 Jahren stellt die ÖVP sowohl dem Landwirtschaftsministerium wie auch dem Wirtschaftsministerium vor , aber schuldige finden sie immer noch wo anders. Der ganze Agrarsektor ist in schwarz - türkiser Hand. Wieder mal eine Nebelgranate vor anstehenden Wahlen.

UHBP
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@loe...

Die Türkisen wissen halt, dass sie sich auf ihre Einfachen verlassen können.

mtttt
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UHBP

für Ihre immer gewogen und niveauvollen Kommentare kriegens noch Mal den Professor hc. In Ihre lichten Höhen des Geistes können natürlich die einfachen nicht folgen.

isogs
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Hallo

Auch das Verhalten der Regierung ist oft moralisch verwerflich!!

melahide
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Super finde ich

das die ÖVP jetzt diese Mär erzählt. "Wir wollen keine Verbote, weil die Leute am Land haben keine UBahn im drei Minuten Takt". Toll! Man nimmt kleine Dörfer und tut so, als wäre dies die Regel in Österreich. Alleine in Graz sieht man, wie v viele unnötige Autofahrten es gibt. hier ist das netz an Öffis bzw. sogar an P&R Plätzen gut ausgebaut, dennoch gibt es jeden Tag ein Verkehrschaos weil jeder mit dem Auto fährt. Sind sicher alle drauf angewiesen, oder? Wer hat denn die Öffi-Linien in den letzten Jahren und Jahrzehnten eingespart? Wer hat denn nie etwas gegen den Wildwuchs an Autos getan? Wer ist denn immer GEGEN ALLES weil es in Hinterberg am Gammelbach keine U-Bahn gibt? Wer macht denn schon seit 40 Jahren Politik "mit Hausverstand"??? Gut 1/3 der Bevölkerung lebt in Städten und HAT die Möglichkeit. Ein gutes weiteres drittel Pendelt in Städte und hätte ebenso die Möglichkeit. Das jene am LAND, die in Obergail leben und in Unteregail arbeiten, brauchen IMMER ein Auto. Diese muss man aber mit einer politischen Steuerung dazu motivieren, dass sie sich alternative Antriebe zulegen plus eine Solaranlage. Weil für jene gilt die Ausrede nicht.... dass sie kein E-Auto haben können, weil sie in ihrer Wohnung im 5. Stock keine Möglichkeit haben.... also jene die es brauchen müssen mit großzügigen Förderungen dazu bedacht werden, UMZUSTEIGEN. Jene in den Städten müssen mit Bus, Bahn, Rad usw. vorlieb nehmen ... as simple as it is ...

Lepus52
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Dunning-Kruger-Effekt

Typisch für Köstinger & Kurz

DergeerdeteSteirer
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Passender und zutreffender kann es nicht gesagt werden @Lepus52, ................


realistisch und analytisch auf den Punkt gebracht !!

Kulak
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Nicht der Bauer macht die Verträge mit dem Handel, sondern die Molkereien

die alle fest in schwarzer/türkiser Hand sind.

Die schnapsen sich mit ihren Freunden beim Handel etwas aus und kratzen dann den Bauern das sprichwörtliche Weiße aus den Augen.

Zwiepack
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und wem gehören die Molkereien

hmmm?

wjs13
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Interessant dass die Fr. Minister die Produktionkette für Milch nicht kennt bzw. ignoriert

Die Bauern sollten sich besser an die Molkereien wenden, die sie bezahlen.
In den Molkereien wird der Rohmilch alles entnommen was gut und teuer ist und verkaufen dann oft mit Sonderaktionen das Restgschloder mit 1 - 3,5% Restfett, immer noch doppelt bis 4x so teuer wie die Rohmilch, an die Konsumenten.
Weiß das die Ministerin nicht?

alsoalso
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Landjugendfunktionärin war die Frau Köstinger

Jetzt ist sie seit Jahren Parteifunktionärin. Das ist ein Niveau, das in der Wirtschaft nicht punktet. Mit diesen Aussagen vergrämt man Partner

stierwascher
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die anderen ...

Nach dem die eine Partei Dutzende Jahre an der Macht ist und war, das Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerium führte, ein zahnloses Kartellrecht mitbeschlossen hat ... nun eine offensichtliche Marktdominanz im Lebensmittelhandel entdeckt und dann wieder nur undifferenziert herumsudert ... ist das nur mehr ein Eingeständnis von eigenen Fehlern.

fersler
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Fr. Köstinger,

moralisch verwerflich kann man ja vieles betrachten und man sollte daher mit solchen Vorwürfen sehr sparsam umgehen zumal die Regierung wahrlich kein Vorbild ist davon befreit zu sein. Die Liste dazu wäre lang.

RonaldMessics
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Und wieso...

....sind dann die Preise bei den Direktvermarktern in vielen Regionen so hoch? Kein Zischenhandel und schon zahlt der Konsument mehr? Ihre Logik passt nicht Frau Köstinger

feringo
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@RonaldMessics : Und wieso ...

RonaldMessics, Ihre Argumentation hinkt und ist typisch falsch, weil rein nur auf den Preis bezogen. Der Direktvermarkter liefert aber, nehmen Sie nur das Brot, bessere Qualität und die ist mehr wert.

RonaldMessics
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@feringo meine Logik ist der Preis...

...weil zu viele auf den Preis achten MÜSSEN.
Einzig die Händler aus dem Ostblock, vor allem in Wien bringen das Gemüse aus dem Osten, und die sie vielfach billiger. Warum eigentlich?

Lepus52
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Ach so ist das!

An den Handel wird schlechte Qualität geliefert? Der Handel sorgt für Marketing und Distribution und nimmt den Schwund in Kauf.

feringo
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@Lepus52 : Ach so ...

"An den Handel wird schlechte Qualität geliefert?" Das habe ich nicht behauptet.
Es geht bei RonaldMessics um die Vergleichsbasis.

 
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