Aus der MottenkisteOb Demonstranten je dankbar sind, in einem Staat zu leben, in dem sie nach Lust und Laune protestieren können?

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© Kleine Zeitung
 

Aus der Mottenkiste!
 
Dankbarkeit, ein Begriff aus der Mottenkiste! Mit dem eigentümlichen Geruch einer vergangenen Welt, der Welt der Großeltern, die noch vom Krieg erzählten oder der Zeit danach, als sie dankbar für jede Kleinigkeit waren. Dankbarkeit, ein altmodischer Begriff in einer Anspruchsgesellschaft. Wem würde heute noch einfallen, Menschen zu sagen, sie sollten dankbar sein, Impfungen gratis zu erhalten oder sie sollten dankbar sein, in einem Staat zu leben, in dem Steuerzahler ein ziemlich engmaschiges soziales Netz finanzieren?
 
Gründe für Dankbarkeit würde es viele geben. Wofür ich dankbar bin? Nach Monaten der Wartezeit wurde letzte Woche der Vater endlich operiert. In einem dieser großen Spitäler, in denen Chirurgen wie in einer Fabrik am Fließband operieren. Wie viel Dank sie für ihre Leistungen erhalten? Mit Sicherheit nicht jenen, der ihnen und allen anderen gebührt, die in Spitälern arbeiten.
 
Ob die Demonstranten, die da jeden Samstag in Wien die Polizei fordern, dankbar sind, in einem Staat zu leben, der ihnen die Freiheit gibt, gegen Maßnahmen demonstrieren zu können, die eine Überlastung der Spitäler verhindern sollen? Wäre schön, wenn das Gefühl der Dankbarkeit eine Renaissance erleben könnte. Jene Dankbarkeit, über die auch Anselm Grün, der mit über 15 Millionen verkauften Büchern zu den großen Bestseller-Autoren des deutschsprachigen Raums gehört, im heurigen Neujahrsbuch der Kleinen Zeitung schreibt. „Der Zauber der Zufriedenheit“ lautet der Titel dieses Büchleins, in dem Grün die Dankbarkeit als einen jener Zauberstäbe bezeichnet, der so vieles verwandeln könnte.
 
Für den heutigen Donnerstag wünsche ich Ihnen diesen Zauberstab, der möglicherweise auch Spannungen relativieren kann, über die wir in unserer heutigen Ausgabe berichten – wie den Streit über die Impfpflicht

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