Müde und desinteressiert wirkt sie, die pechschwarze Kreuzotter, die sich über die Holzplanken der Brücke Richtung Uferböschung verkriecht. Bei ihren Entdeckern wirkt die spontane Begegnung mit dem Reptil dagegen als Pulsbeschleuniger. Der Schreckmoment schraubt den Kreislauf frühzeitig in jenen Drehzahlbereich, in dem er wenig später ohnehin ankommt.

Auslöser ist dann aber keine Schlange, sondern sind die Schlangenlinien, in denen sich der Weg die Klamm hinauflegt. Es ist steil. Nein: Es ist sehr steil. „Im Schuss“ nennt sich dieser Streckenabschnitt. Verständlich, wenn man in die andere Richtung unterwegs wäre – wie einst Erzherzog Johann, als er vom Hochschwabgipfel kommend über die Sonnschienalm zum Leopoldsteinersee und weiter nach Eisenerz wanderte. Das war im Juli 1803.

Der markante, 2125 Meter hohe Zeiritzkampel in den Eisenerzer Alpen ist einer der vielen Aussichtsberge entlang des neuen Weitwanderweges
© TVB LEOBEN/WEGES

Frisch gestählter Weitwanderweg

Im September 2022 ist diese Route Teil des „Styrian Iron Trail“, eines frisch gestählten Weitwanderwegs im Herzen der Steiermark. Grob geht es dabei in zehn Etappen rund um die Eisenerzer Alpen. Die gesamte Route umfasst zweihundert Kilometer, wobei es die Topografie gut mit einem meint.

Zunächst lassen sich die Muskeln bei drei eher flach gehaltenen Etappen warmgehen. Von St. Michael marschiert man über den Trabochersee ins Liesingtal. In Laufdimensionen gerechnet, hat man am Ende des ersten Tages bereits den ersten Halbmarathon in den Beinen. Am zweiten Tag geht es für einen kurzen Abstecher auf den insgesamt 52 Kilometer langen „Marterlweg“ – 48 Bildstöcke mit religiösen Motiven reihen sich dabei wie auf einer Perlenkette aneinander – und über Kammern hinauf zur Ruine Kammerstein.

Die zehn Etappen des Styrian Iron Trail
© KLZ/Infografik

Ein erster Test für Kondition und Material ist später der bisweilen steile und stellenweise etwas „luftige“ Rittersteig, bevor der Weg wieder hinunter ins Tal nach Mautern führt. Das Gehtempo trotzt der Gegend dabei ungewohnte Ausblicke auf eine Landschaft ab, die man sonst meist nur vom Durchrasen auf der Pyhrnautobahn kennt.

Wer sein „Tierbeobachtungskonto“ sicherheitshalber schon hier aufbuchen möchte, kann das auf der gegenüberliegenden Seite im „Wilden Berg“-Tierpark machen. Wer die „freie Wildbahn“ bevorzugt, muss maximal bis zu Etappe 6 warten. Die Ausläufer des Hochschwabmassivs sind fast ein Garant, Gämsen zu sehen, weiter Richtung Gipfel können es auch Steinböcke sein.

Blick auf den Leopoldsteinersee
© Steiermark Tourismus / Manfred Polansky

Der eiserne Namenspatron

Davor muss man aber noch den Erzberg halb umrunden. Aus der Eisenerzer Ramsau kommend, taucht der Namenspatron des „Styrian Iron Trail“ zunächst zaghaft vor einem auf. Schnell aber drängt er sich mit seinen markanten Abbauterrassen kulissenprägend ins Bild. Die Pyramidenform entstand ab 1890, als der stufenförmige Tagebau eingeführt wurde. Waren es 1907 noch 60 Stufen mit zwölf Metern Höhe, halbierte man 1928 die Anzahl auf 30 Stufen. Mit je 24 Metern Höhe verleihen sie dem Erzberg sein heutiges Aussehen.

Ein Gipfelsturm steht im Rahmen der Weitwanderrunde aber nicht am Tourplan. Stattdessen führt die Route zum Leopoldsteinersee. „Er ist eine halbe Stunde lang, äußerst tief und nördlich von den Seemauern und der Arzeralpe umgeben; er soll bei starken Winden, so wie die meisten dieser Bergseen, sehr gefährlich zu beschiffen sein“, notierte vor knapp 120 Jahren Erzherzog Johann über dieses heute noch beliebte Ausflugsziel.
Zusammen mit dem Grünen See bildet er auf diesem langen Weg die Spitze der Sehenswürdigkeiten-Hitparade in der Kategorie „Gewässer“.

Wasser marsch!

Je nach Geschmack und Jahreszeit überbieten sie sich mit verträumter Alpenseeidylle – aktuell mit klaren Vorteilen für den Leopoldsteinersee. Der für Spätsommer typische und durch wenig Niederschläge noch niedrigere Wasserstand macht aus dem Grünen See derzeit eine traurige Schmalspurvariante seiner eigentlichen Pracht. Beim Entlangwandern am trockengelegten Ufersaum bekommt man aber zumindest eine Ahnung dessen, was gerade nicht ist.

Optisch verwöhnt wird man aber ohnehin zwei Stockwerke höher: Entlang imposanter Felswände führt der „Iron Trail“ nach dem steilen Anstieg vom Leopoldsteinersee über die Fobis- und Androthalm. Zunächst noch über sanfthügelige Wiesen schlängelt sich der Weg später durch dichte Latschenteppiche. Der Boden ist hier „löchrig“ – Einsturzdolinen in allen Größen verwandeln den Karst in eine hochalpine Kraterlandschaft. Statt schmaler Aussichtsschneisen in enge V-Täler faltet sich jetzt ein horizontumspannendes Panorama mit großzügiger Fernsicht vor einem aus. Stunden später, wenn der Kaiserschmarren in der Sonnschienhütte bereits Vergangenheit ist und die Nacht das schroffe Hochschwabmassiv verschluckt hat, legt sich ein vollgestopfter Sternenhimmel über die Alm.

Vom Erzberg führt die "Königsetappe" auf die Sonnschienalm
© Höfler

Der siebte Tag beginnt mit dem Abstieg zu den Klammböden, wo eingerahmt von senkrechten Felsflanken Kühe grasen, ein schmaler Bach fließt und die hoch stehende Mittagssonne den wenigen Bäumen nur kurze Schatten abnötigt. Am Weg zum Lammingsattel zeigt der „Eiserne Weg“ noch einmal, was er anstiegsmäßig drauf hat, ehe es ab Vordernberg die restlichen Tagesetappen tendenziell nur noch bergab Richtung Zielankunft in Leoben geht.

Mit 66 Stunden geben die Planer die Gesamtgehzeit an. Eine vage Orientierungshilfe, mehr nicht. Zu verlockend sind auf allen Etappen diverse Aussichtspunkte, die den Rhythmus „Aufwachen-Wandern-Essen-Schlafen“ verlängern.