Kuckuck, kuckuck. Schon auf den ersten Kilometern des „Amazon of Europe Bike Trails“ wird der Ruf des Zugvogels zum Programm. Mit jedem Pedaltritt rückt das Grün von Wiese und Wald näher, bis sich das Blätterdach hoch über dem Radhelm schließt. Es ist wie die Ouvertüre zu einem Konzert in der Natur. Auf den Bäumen, direkt am Flussufer – überall stimmen nach und nach verschiedene Vögel ein. Selbst am Murturm ist das Gezwitscher zu hören. Hier wird auch klar, warum die Flusslandschaften entlang der Mur, Drau und Donau mit dem Amazonas verglichen werden.

Die Ufer sind dicht bewachsen, der Wasserlauf ist wild und ständig in Veränderung. Baumstämme und Sandbuchten sind Rückzugsgebiete für seltene Tiere wie den Eisvogel. Um diese einzigartige Landschaft zu schützen, haben die fünf Länder Österreich, Slowenien, Ungarn, Kroatien und Serbien den weltweit ersten Fünf-Länder-Biosphärenpark der Unesco namens „Amazon of Europe“ ins Leben gerufen. Mit 225.000 Hektar gehört dieser zu Europas größtem Schutzgebiet entlang von Flüssen, nachhaltig erfahrbar mit einem grenzüberschreitenden Radweg und verschiedenen Erlebnissen entlang der Strecke.

Die Schiffsmühle bei Mureck
© Thomas Sattler

Stärkung entlang des Weges

Klapp, klapp. In Slowenien wechseln sich Wälder mit Weingärten ab. Ein Abstecher zum mehr als 53 Meter hohen Aussichtsturm Vinarium Lendava an der Grenze zu Ungarn lohnt sich. Zum einen gibt es hier eine neue über 500 Meter lange Zipline, zum anderen lässt sich von oben das grüne Band entlang der Mur gut erkennen.

Ein Stück Prekmurska gibanica, ein traditioneller Schichtkuchen aus Nüssen, Mohn, Topfen und Äpfeln, dessen Ursprünge ins Judentum zurückreichen, gibt Kraft für den Anstieg hinauf zur Weinkellerei Pál Pincészet im ungarischen Csörnyeföld – direkt beim nächsten Aussichtsturm.

Familie Pal kümmert sich in der zweiten Generation um die Reben und serviert auf der Terrasse gebratenes Schweinshirn auf Brot, hausgemachtes Gulasch und fruchtigen Wein aus Isabellatrauben. David Pal hat in Leoben studiert und schätzt das Erbe seiner Familie. An die 8000 Liter Wein keltert er im Jahr. Selbst wer zum Abschluss auf den Obstbrand Pálinka verzichtet, nimmt das Klappern der Störche wahr, die sich mitten in den kleinen Dörfern an der Grenze niederlassen.

Stärkung in der Kellerei Pál Pincészet im ungarischen Csörnyeföld
© Anita Arneitz

Abstecher aufs Wasser

Die Etappen sind mit dem Rad leicht zu schaffen. Es gibt so gut wie keine steilen Abschnitte. Das Buchungscenter kümmert sich um Gepäck, Shuttle und Termine für Weinverkostungen. Zwischendurch kann sogar vom Rad aufs Schlauchboot gewechselt werden: Im ungarischen Kiskunsági Nemzeti Park fährt Ranger Lelkes Andras im Boot mit. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche und ist begeistert von der Vielfalt der Natur: „Mehr als 50 Fischarten tummeln sich im Wasser der Mur, darunter bis zu zwei Meter große Störe“, erzählt er begeistert.

Das Besucherzentrum informiert über die Naturschätze von Medimurje wie die „Gatalinka“
© Anita Arneitz

Tierische Schätze

Quak, quak. Wer die Ohren spitzt, hört beim Zusammenfluss von Mur und Drau in Kroatien auch europäische Baumfrösche quaken. Die Einheimischen nennen die Exemplare mit rot-schwarzem Muster auf dem Bauch „Gatalinka“. Sie gehören zu den kleinsten und lautesten Fröschen. Zu sehen gibt es diese auch im neu gestalteten Besucherzentrum „Med dvemi vodami“. Hier dreht sich alles um die beiden Flüsse Mur und Drau.

Auch Bird-Watching oder besser gesagt Bird-Listening ist möglich – aber ohne dabei nasse Füße zu bekommen. Blaue Schmetterlinge, die aus dem Ameisenhaufen fliegen, oder Hirschkäfer, die im Untergrund leben, jedes noch so kleine Lebewesen ist vernetzt mit allem – und ein Fluss so viel mehr als nur Wasser.