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"Sars-CoV-2 wird nicht verschwinden, aber ein saisonales Virus werden"

Die Coronazahlen sinken weiter und der Sommer steht vor der Tür: Derzeit wird vielerorts eine Verschnaufpause von der Pandemie eingelegt. Doch wie geht es weiter? Florian Krammer gibt Antworten.

Virologe und Impfstoffforscher Florian Krammer
© Claudia Paul
Virologe und Impfstoffforscher Florian Krammer
Teresa Guggenberger

Florian Krammer musste in den letzten Jahren nicht selten die Fragen der (österreichischen) Medien beantworten. Der Virologe und Impfstoffforscher gilt als Experte für das Coronavirus. Kaum verwunderlich, dass er nun eingeladen wurde, bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie in Graz einen Vortrag über die Zukunft der Pandemie zu halten. Krammer legte in 45 Minuten dar, worauf wir uns seiner Ansicht nach einstellen müssen und was wir bereits aus der Pandemie lernen konnten. 

Status Quo

Von Beginn der Pandemie bis heute wurden weltweit 500 Millionen offizielle Infektionen verzeichnet. „Die Dunkelziffer ist aber wahrscheinlich um einiges höher“, so Krammer. Bisher gibt es rund 6,3 Millionen offizielle Coronatote – auch hier dürfte die Dunkelziffer um einiges höher liegen. Berechnungen des Economist etwa gehen auf Grundlage der Übersterblichkeit von etwa 18 Millionen Coronatodesfällen weltweit aus. Andere Berechnungen kommen auf ähnliche Zahlen. Die gute Nachricht: Derzeit gehen die Fallzahlen sowie auch die Todeszahlen – global gesehen – nach unten.

Variantenvorhersage

Die Vorhersage zukünftiger Varianten gestaltet sich bei Sars-CoV-2 schwieriger als etwa bei Influenzaviren. Mittlerweile gibt es auch sogenannte Rekombinanten. „Dazu kann es kommen, wenn zwei unterschiedliche Varianten dieselbe Zelle infizieren“, erklärt Krammer. Zu den Rekombinanten zählen etwa XD, XE, und XF, die sich aus jeweils zwei "Variants of Concern" (besorgniserregende Varianten) zusammensetzen. Dass es zu so vielen Varianten des Coronavirus kommt, hat auch mit der explosionsartigen Ausbreitung zu tun – je mehr Menschen infiziert sind, desto höher ist die Chance, dass Mutationen entstehen.

Saisonales Virus

„Bei Sars-CoV-2 kann man davon ausgehen, dass es zu einem saisonalen Virus wird, bei dem es im Sommer wenige bis keine Fälle gibt, die Fallzahlen im Herbst und Winter nach oben gehen und diese dann im Frühjahr wieder abnehmen“, sagt Krammer. Dieses Muster sei definitiv vorstellbar. „Wir können dieses Virus nicht ausrotten, aber dass es zu einem saisonalen Virus wird, ist wahrscheinlich.“

In Europa und Amerika waren wir sehr arrogant. Da ist in China was passiert und wir haben es ignoriert, bis in Italien sehr viele schwer krank waren.

— Florian Krammer

Die Hypothese, dass das Virus dann über die Zeit schwächer werde, stimme so nicht ganz: „Vielmehr dürfte es mit der Zeit so sein, dass man sich in jungen Jahren bereits infiziert und dadurch Immunität aufbaut. Wenn man dann im höheren Alter Hochrisikopatient ist, kann das Virus weniger Schaden anrichten, weil ja diese Immunität aufgebaut wurde.“

Impfstoffe

Die Impfung bleibt laut Krammer zentral, um gegen das Virus gewappnet zu sein – auch bei Omikron. Zwar bieten die vorhandenen Impfstoffe nicht mehr so großen Schutz vor Ansteckung wie etwa vor der Alpha-Variante. Aber der Schutz vor schweren Verläufen sei unumstritten. So schützen die mRNA-Impfstoffe nach zwei Dosen zu 60 Prozent vor Mortalität und nach drei Dosen sogar zu 95 Prozent. Wichtig werde auch die Frage nach variantenspezifischen Impfstoffen. Hier sollten laut Krammer vor allem Zulassungsverfahren angepasst werden, sodass solche auch schnell verfügbar sind.

Therapien

„Es gibt Leute, die keine (gute) Immunantwort aufbauen können und die muss man auch in Zukunft schützen“, sagt der Experte. Bei Menschen mit schwachem Immunsystem wird Sars-CoV-2 also auch in Zukunft ein Problem bleiben. Antikörpercocktails haben bis zu Omikron sehr gute Effekte gezeigt – hier braucht es nun aber Anpassungen, damit diese auch vor den neuen Varianten Schutz bieten. Einige neue Therapien seien derzeit auch in Entwicklung oder in Zulassungsverfahren.

Und, was haben wir gelernt?

„Der wichtigste Punkt ist: Wir waren nicht auf eine Pandemie vorbereitet und vielerorts musste improvisiert werden“, sagt Krammer. Dazu kommt: „In Europa und Amerika waren wir sehr arrogant. Da ist in China was passiert und wir haben es ignoriert, bis in Italien sehr viele schwer krank waren.“ Man dürfe für die Zukunft nicht vergessen zu bedenken, dass unsere Welt sehr klein und gut vernetzt ist: „Viren sind sehr schnell und wir sollten stets überwachen, was global passiert.“

Es gibt Leute, die keine (gute) Immunantwort aufbauen können und die muss man auch in Zukunft schützen.

— Florian Krammer

Eine weitere Aufgabe für die Zukunft sei, effiziente Kommunikationsstrukturen zu schaffen, damit im Falle einer solchen Pandemie mehr Menschen die notwendigen Maßnahmen mittragen: „Die besten Maßnahmen helfen nicht, wenn die Leute sie nicht mittragen“, so Krammer. Zusätzlich brauche es Investitionen, damit Impfstoffe schon vor Virenausbrüchen vorbereitet werden können, um im Zweifelsfall in wenigen Monaten hergestellt werden zu können, sowie Medikamente, die ganze Virusstämme abdecken. „Außerdem sollte es internationale Notfallpläne sowie lokale Produktionsstätten für Schutzausrüstung und Masken geben.“

Spenden für die Ukraine

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie in Graz gehalten.
Um Menschen in der Ukraine zu helfen, wurden pro Teilnehmerin und Teilnehmer bei der Jahrestagung zehn Euro gespendet. Insgesamt nahmen rund 800 Menschen teil. 

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