Die Infektionszahlen steigen, die Zahl der Menschen mit einer Covid-Erkrankung, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, bleibt aber gleich bzw. geht gar zurück. Ist das ein Zeichen dafür, dass das Coronavirus „schwächer“ wird – es also keine so schwere Erkrankung mehr auslöst? Das behauptet zumindest der deutsche Virologe Ulf Dittmer von der Uniklinik Essen gegenüber der „Bild“-Zeitung: "Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass sich das Virus bereits abschwächt. Und es könnte auch sein, dass das Virus im Zuge der Veränderungen irgendwann nur noch eine Erkältung oder einen Schnupfen auslöst."

Seine Theorie sieht Dittmer darin bestätigt, dass es in vielen Ländern nun deutlich weniger Todesfälle gibt als in der ersten Welle der Infektionen. Auch in Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Infektionszahlen steigen, aber die Zahlen der Todesfälle stagnieren und die der hospitalisierten Patienten sind weiter rückläufig, wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober bestätigte – ein Umstand, der den Minister „sehr zuversichtlich“ stimmt. Die jüngsten Neuinfektionen konzentrieren sich momentan hauptsächlich auf die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen.

Auch eine Veränderung im Erkrankungsbild führt der deutsche Wissenschaftler an: "Bei den Symptomen der Corona-Patienten gibt es immer häufiger eine Störung der Geschmacks- und Geruchsfähigkeit. Das steht mittlerweile fast an erster Stelle", sagte er der "Bild"-Zeitung. Das deute darauf hin, dass das Virus vor allem die oberen Atemwege betrifft, wodurch es besser übertragbar wird – und nicht in die Tiefe der Lunge vordringe. „Damit wäre es dann aber auch weniger gefährlich“, sagt Dittmer.

Genetische Belege für Mutation fehlen

Doch: Gibt es tatsächlich genetische Belege dafür, dass das Coronavirus Mutationen gesammelt hat, die es abschwächen? „In unseren Daten sehen wir das bisher nicht“, sagt Virologe Andreas Bergthaler, der das Projekt Mutationsdynamik von SARS-CoV-2 in Österreich leitet und am Institut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) forscht. Bergthaler schränkt aber ein, dass die Gen-Analysen zeitlich hinterherhinken – bisher wurden Virusstämme von März bis Mai aus Österreich analysiert. „Prinzipiell verändert sich das Coronavirus langsam. Bisher sehen wir eine Mutation – die Mutation D614G - die bisher am besten beschrieben ist: Sie hat sich weltweit durchgesetzt und das Virus ansteckender gemacht, aber das Virus nicht abgeschwächt.“

Virologe Andreas Bergthaler
Virologe Andreas Bergthaler
© CEMM

Die plausiblere Erklärung für Bergthaler und für viele andere Experten ist aber: Die Menschen, die sich derzeit ansteckend sind jünger und haben damit ein geringeres Risiko eine schwere Erkrankung zu entwickeln. So lag das Durchschnittsalter der Corona-Infizierten in Österreich in der letzten Woche bei 33,7 Jahren.

„Es hängt wohl damit zusammen, wer auf Urlaub fährt und welche Aktivitäten die Menschen dort machen“, sagt Bergthaler. Nur aus dem Fakt, dass weniger Menschen in Spitälern liegen zu schließen, das Virus habe sich abgeschwächt, sei ein zu einfacher Schluss. Und Bergthaler erklärt außerdem: Das Virus gibt es erst seit wenigen Monaten – auch wenn tatsächlich eine Mutation des Virus entstanden sei, die es abschwächt, so brauche diese trotzdem Zeit, um sich in der Bevölkerung durchzusetzen.

"Viren mutieren immer"

Im Interview mit der Kleinen Zeitung erklärte Bergthaler, dass Viren immer mutieren, das sei völlig normal. "Prinzipiell sind Mutationen das Ergebnis von fehlerhaften Kopiervorgängen", erklärt Bergthaler. Wenn eine Mutation entsteht, die in einer bestimmten Umwelt einen Überlebensvorteil bietet, wird diese Mutation selektioniert und setzt sich durch - auch Viren behalten jene Mutationen im Genom, die für sie von Vorteil sind.

Außerdem hat ein Virus ohne seinen Wirt keine Überlebenschance: "Auf lange Sicht gesehen möchte ein Virus daher eine Ko-Existenz mit seinem Wirt eingehen, sodass idealerweise, wie zum Beispiel bei den Herpesviren, das Virus kaum einen Schaden beim Wirt verursacht und dementsprechend sein eigenes Überleben sichert", sagt Bergthaler.

Eine Überlegung, speziell zum Coronavirus ist: Es gibt bereits vier humane Coronaviren, die zu harmlosen Erkältungen führen. Nun gibt es Anhaltspunkte, dass eines dieser Viren vor über hundert Jahren von Tieren auf den Menschen übergetreten ist und damals in der frühen Phase zu deutlich schweren Erkrankungen geführt hat. "Überträgt man das nun auf SARS-CoV-2, könnte man vermuten, dass dieses Virus irgendwann – dafür bräuchte es Jahre, nicht Monate – mit uns koexistiert und uns nicht weiter aufregt, weil sich das Virus nicht zwingend zum Ziel setzt, dem Wirt zu schaden", sagt Bergthaler.

Abschwächung in Zukunft möglich

„Es ist gut möglich, dass die abgeschwächten Viren, die wir in Zukunft erleben werden, schon heute irgendwo existieren, aber nicht in dieser Breite.“ Dass sich das Virus in Zukunft abschwächt, darauf könne man hoffen, aber – ob das in einem Jahr, in zehn Jahren oder in 100 Jahren ist – „das wissen wir nicht“, sagt Bergthaler.

Und auch der deutsche Experte Dittmer selbst schwächt ab: Eine sinkende Gefährlichkeit durch eine Mutation sei keineswegs sicher - "da sich gleichzeitig andere Bedingungen der Pandemie wie zum Beispiel die Behandlung von Covid-19 Patienten oder das Durchschnittsalter der Infizierten verändern".