Antworten zum ORF-WahlkampfDer mögliche Tanz um den ORF-Thron

Wer könnte die Wiederwahl von Alexander Wrabetz als ORF-Boss gefährden? Noch hat sich kein Kandidat offiziell in Stellung gebracht. Acht Antworten zum ORF-Wahlkampf.

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Christine Strobl, Alexander Wrabetz, Thomas Prantner, Lisa Totzauer, Matthias Settele, der/die große Unbekannte, Roland Weißmann (im Uhrzeigersinn). © APA, ORF, ARD
 

Hat Alexander Wrabetz die Chance auf eine vierte Kür in Folge, um den ORF von 2022 bis 2026 zu führen?

Ja, hat er, obwohl die bürgerlichen Stiftungsräte eine Verlängerung des den Sozialdemokraten zugezählten Wrabetz für eine vierte Amtszeit mit Skepsis sehen. Der heute 61-jährige Wiener vermochte freilich nicht nur einmal mit seinem Netzwerk im Hintergrund zu überraschen. Im türkisen „Freundeskreis“ soll allerdings von „Time for a Change“ – Zeit für Veränderung – die Rede sein. Die ÖVP kann derzeit auf 16 ihr nahe stehende Vertreter zählen, mit bis zu drei türkis-nahen unabhängigen Stiftungsräten (etwa aus Zentralbetriebsrat-Vertretern im obersten Gremium) kommt sie auf die nötige Mehrheit.

Wer könnte sich aus dem ORF selbst noch mit einer Kandidatur bis zum 28. Juli in Stellung bringen?

Lisa Totzauer, unter Wrabetz 2018 von der Infochefin zur Channelmanagerin von ORF 1 aufgerückt, gilt als Wunsch der (starken) niederösterreichischen ÖVP. Auf Anfrage, ob sie sich bewerben wird, schrieb sie die 51-Jährige: „Von mir gibt es derzeit kein Statement“. Absagen sehen anders aus. Eine mögliche Kandidatur von Thomas Prantner (56), Technik-Vizedirektor und Herr über die TVthek, wäre nur ein Machtpoker mit den FPÖ-Stimmen, um sich hinter den Kulissen seine künftige Position unter der neuen Generaldirektion auszudealen.

Wer wäre aus dem ORF aber der aussichtsreichste Kandidat mit Kanzler-Nähe?

Das bleibt Roland Weißmann, derzeit ORF-Vizefinanzdirektor und Projektleiter des ORF Players. Dem Vernehmen nach nahm der 53-jährige Linzer immer wieder an Treffen des bürgerlichen Freundeskreises teil, so auch letzte Woche. Und soll auf dem südfranzösischen Schloss von Unternehmensberater Thomas Zach (Leiter des ÖVP-„Freundeskreises“) referiert haben. Er wurde nach seinen Jahren im wichtigen Landesstudio NÖ der Büroleiter von Richard Grasl auf dem Küniglberg, der bei der Wahl 2016 zum Wrabetz-Gegner wurde. Weißmann ist ohnehin schon mächtig, verwaltet er als „Chef Producer“ doch mit rund 400 Millionen Euro pro Jahr das Programmbudget im ORF. Für die Kanzlerpartei wäre es eine – sagen wir es so – „verlässliche Lösung“.

Wer könnte von außerhalb des ORF noch in den Ring steigen?

Da wäre der Niederösterreicher Matthias Settele (54): Er führt seit 2013 TV Markiza, den größten TV-Sender in der Slowakei, den er sanieren konnte. Er war in den 1990er-Jahren der Büroleiter von Gerhard Zeiler als ORF-General und folgte diesem damals zu RTL. Man hört nun aber auch den Namen Christine Strobl, erst seit Mai Programmdirektorin der ARD. Die 49-jährige Tochter des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble leitete davor jahrelang die ARD-Produktionstochter Degeto Film. Strobl wäre eine Überraschung. In der Ausschreibung des Generaldirektorenpostens sind freilich Bewerbungen von Frauen „besonders erwünscht“.

Warum hat ein Stiftungsrat gerade sein Amt zurückgelegt?

Der Stiftungsrat für das Land Salzburg, Matthias Limbeck, trat nach 13 Jahren zurück, da er sich als Salzburger ORF-Landesdirektor bewerben will. Limbeck war federführend beim im Juni vorgelegten Forderungspaket der neun Landesstiftungsräte an den nächsten ORF-General – mit mehr Budget und Autonomie. Der Karrieresprung könnte nicht klappen, wenn Limbeck am 10. August zum Zeitpunkt der GD-Wahl noch im Gremium säße.

Wer sind die 35 Stiftungsräte, die über die künftige ORF-Führung abstimmen?

Was die meisten Mitglieder des Gremiums, das früher Kuratorium hieß, gemeinsam haben, ist eine geringe operative Erfahrung im Mediengeschäft. Anita Zielina, die das Neos-Mandat eines von der Politisierung entnervten Hans Peter Haselsteiner („Ich hasse diese Scheinheiligkeit, wenn alle so tun, als würde der Stiftungsrat entscheiden“) übernahm, zählt zu den wenigen, die über zeitgemäße Facherfahrung im Medienbereich verfügen.

Warum bleiben die Gegenkandidaten noch in Deckung?

Man hat von der letzten Wahl gelernt. Damals kündigte der von der ÖVP unterstützte Richard Grasl seine Bewerbung zweieinhalb Monate vor der Abstimmung an, was Wrabetz die Chance gab, sich auf seinen Kontrahenten strategisch einzustellen. Damals setzte sich der Titelverteidiger mit 18 gegen 15 Stimmen durch. Diesmal möchte die ÖVP einen langen Wahlkampf verhindern.

Wie werden in anderen Ländern Senderchefs gefunden?

Ein Beispiel: Am Freitag wurde Norbert Himmler vom ZDF-Fernsehrat (ähnlich dem Stiftungsrat) zum neuen ZDF-Intendant gewählt. Unterschiede zu Österreich: Die Wahl ist geheim, der Rat ist diverser und durch seine Größe (60 Personen) schwerer zu kontrollieren. Parteipolitische Freundeskreise gibt es da wie dort.

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