"Dieser Tweet ist nicht mehr verfügbar, weil er gegen die Twitter-Richtlinien verstoßen hat." Am Mittwochabend wurde Donald Trump von seinem Lieblingssprachrohr vorerst für einige Stunden der Stecker gezogen. Einzelne seiner Tweets wurden offline genommen und der US-Präsident wie ein Schulbub der 70er in die Ecke gestellt, um schweigend über seine Taten nachzudenken. Twitter verfolgt damit konsequent eine Linie, die vor den US-Wahlen eingeschlagen wurde und die keine Rücksicht auf Ämter nimmt. Auch nicht auf das US-Präsidentenamt, wenn von diesem Falschnachrichten verbreitet, die Bevölkerung zum Widerstand gegen demokratische Strukturen aufgefordert oder Hass gestreut wird.

Der Putsch als Live-Erlebnis war noch bis vor Kurzem den Mutigen vorbehalten. Neue Technologien ermöglicht die unmittelbare Vergegenwärtigung der Geschehnisse: Die ganze Welt konnten auf diversen Endgeräten verfolgen, wie am Mittwoch (Ortszeit) Tausende das Kapitol belagerten und schließlich besetzten. Ein Nebeneffekt: Die Nachricht und ihre Berichterstattung rücken noch näher aneinander. Tausende Smartphones vor Ort, Hochfrequenz auf Twitter und noch mehr auf den weniger einsichtigen Wegen: Telegram-Kanäle wie die deutsche Ausgabe von QAnon, wo die Putschisten gefeiert werden, lassen das Schattennetzwerk erahnen, die abseits der öffentlichen Pfade den Aufruhr begrüßen oder gar planen.

Die großen Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram müssen sich vorhalten lassen, die Geister die sie riefen, nicht mehr in die Flasche zurückzubekommen. Dies sei "das Ergebnis davon, dass man Menschen mit Hass im Herzen erlaubt hat, Plattformen zu nutzen, die genutzt werden sollten, um Menschen zusammenzubringen", traf US-Sängerin Selina Gomez einen Punkt. Einen Punkt von vielen.

Mächtig durch Bilder

Der 6. Jänner 2021 ist ein Tag der Bilder, die am Beginn einer Jahresrückschau auf das Jahr 2021 stehen werden. Ein Mann im Wikinger-Kostüm, ein anderer mit einem "Camp Auschwitz"-Pullover. Menschen, die in Militäruniform an Wänden hochklettern. Abgeordnete, die am Boden liegen und Aufrührer, die im Sitzungssaal des Repräsentantenhauses posieren. Auch die Bilder von Kamera-Equipment, das Journalisten der Associated Press auf der Flucht vor der Menge zurückgelassen haben, bleiben in Erinnerung. Der ZDF-Büroleiter Elmar Theveßen berichtete: "Man hat uns bedroht, man hat angefangen, unsere Ausrüstung umzuwerfen, auch zu zerschlagen und uns wurde klar bedeutet, wir sollten verschwinden." Wo demokratische Grundpfeiler fallen sollen, ist unabhängige Berichterstattung unerwünscht. Für die Bilder-Souveränität will der Mob längst selber sorgen.

Einmal mehr zeigte sich die unterschiedlichen Geschwindigkeiten in Krisensituationen. Die linearen Sender sind ungleich träger als Plattformen, die jeden Nutzer zum Berichterstatter und Kommentator, oft beides zugleich, machen. Zugleich ist die lokale Information globalisiert und die Online-Satire schneller denn je. Das führt mitunter zu kuriosen Konstellationen: "Unfassbare Szenen im US-Capitol. CNN einschalten. Sofort", twitterte Claus Kleber, der Moderator des "heute-journal" im ZDF kurz nach 20 Uhr. Sein eigener Sender blieb, wie die ARD und ORF 2, vorerst beim zuvor festgelegten Programm: "Die Toten von Salzburg", "Hans Albers", "Nord, Nord Mord". Der ORF berichtete ausführlich in der rund einstündigen ZIB 2 Spezial von den Ereignissen und schoss nach Mitternacht eine weitere ZiB nach.

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