Noch bis 1975 konnten in Österreich die Männer entscheiden, ob ihre Frauen arbeiten gehen durften oder nicht. Damals organisierte Valie Export in der Galerie nächst St. Stephan eine Frauenausstellung mit dem Titel „Magna Feminismus“ und Renate Bertlmann war mit dabei. Nur ihre stark abstrahierten Hoden-Darstellungen durfte sie nicht zeigen, weil sich Galeriechef Oswald Oberhuber „exhibitioniert“ fühlte. Heute darf die 76-Jährige fast alles. Ihre Hoden „hängen“ mittlerweile in der Tate Modern, und vor allem darf sie als erste Frau im Alleingang den Hoffmann-Pavillon bespielen, nach mehr als 120 Jahren österreichischer Biennale-Geschichte.

Wo noch bei der letzten Biennale ein auf den Kopf gestellter Laster von Erwin Wurm ein phallozentrisches Weltbild erahnen ließ, ziert diesmal ein zarter Schriftzug die Außenhülle des Hoffmann-Pavillons: „Amo ergo sum“ („Ich liebe, daher bin ich“). Es ist das Lebensmotto einer Künstlerin, die das Gefühl über das Denken stellt und der es vor allem darum geht, die Welt „menschlicher anstatt männlicher zu machen“. Damit steht sie durchaus im Einklang mit Biennale-Chef Ralph Rugoff, der sich in Venedig Denkanstöße zu den brennenden Frage unserer Zeit und spannende Perspektivenwechsel für seine Besucher erwartet. „Eine Ausstellung sollte die Augen der Menschen öffnen für bislang nicht bedachte Lebensmöglichkeiten und so ihre Sicht auf die Welt verändern“, lautet einer seiner Leitsätze.

Renate Bertlmann
Renate Bertlmann © APA/HERWIG G. HÖLLER

Im Inneren des Hoffmann-Pavillons hat Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein eine kleine Retrospektive mit den wesentlichen Stationen von Bertlmanns Schaffen gestaltet. Auf plakatartigen Tafeln in Schwarz-Weiß trifft man hier auf eine Selbstinszenierung als schwangere Braut im Rollstuhl oder auf Installationen mit Präservativen, Schnullern und messerscharfen Brüsten, die allesamt Ausdruck einer gewissen „inneren Verzweiflung“ über früh erfahrene patriarchale Unterdrückung sind. Großes Aufsehen erregte die gebürtige Wienerin, die seit 50 Jahren mit einem „Feministen der ersten Stunde“ verheiratet ist, damit aber kaum. Ihre Nichtbeachtung durch den offiziellen Kunstbetrieb kompensierte sie mit sogenannten „Wunschkojen“, mit denen sie Ausstellungen in der Secession oder im Fridericianum in Kassel imaginierte.

Medienrummel vor dem Österreich-Pavillon
Medienrummel vor dem Österreich-Pavillon © Hirtenfelder

In Venedig hat die Trägerin des Österreichischen Staatspreises von 2017 derlei Luftschlösser nicht mehr nötig. Im Gartenbereich des Hoffmann-Pavillons zeigt sie eine ganz reale Ausformung ihres widerständigen Charakters: eine gefährlich dekorative Installation mit dem Titel „Discordo ergo sum“.

Blut- und Rosenmetaphorik

Ambivalente Blut- und Rosenmetaphorik hat man bei der Biennale schon öfters erlebt, 2015 etwa im japanischen Pavillon, wo blutrote Fäden ein untergehendes Fischerboot erschreckend schön in Szene setzten. Im österreichischen Pavillon kehrt die abgründige Mischung aus Gewalt und betörender Sinnlichkeit in Gestalt eines Blütenmeeres wieder. Was auf den ersten Blick alle weiblichen Klischees zu erfüllten scheint, ist subversiv und ironisch zugleich. 1973 hatte Bertlmann ein feministisches Manifest mit dem Titel „Warum malt sie keine Blumen?“ geschrieben. Nun sind es sogar 312 rote Rosen geworden, hergestellt von einem Glasbläser aus Murano und versehen mit tödlichen Messern in ihrer Mitte.

© APA/AFP/TIZIANA FABI

Bertlmanns Installation reflektiert aber nicht nur den Kampf der Geschlechter oder eine Art „Rosenkrieg“, wie Beatriz Colomina im 600-seitigen Begleitband ausführt, sondern auch den venezianischen Genius Loci. Denn das heutige Ausstellungsgelände der „Giardini“ entstand über dem Schutt von Klöstern und Kirchen, die Napoleon zerstören ließ, um die Macht der Religion einzudämmen. Aber auch Nationalismus und Krieg sind untrennbar mit der Biennale verbunden. Die Länderpavillons wurden erst notwendig, als sich die italienischen Künstler über die zunehmende Zahl von ausländischen Konkurrenten ereiferten. So entstand 1934 Österreichs Pavillon. Adolf Hitler, der im selben Jahr die Biennale besuchte, hat ihn keines Blickes gewürdigt. Auch daran erinnert Renate Bertlmann mit ihrer Umarmung des Pavillons, ihrem poetischen Spiel mit Licht und Schatten und ihrem gleichzeitigen Einspruch („Discordo“) gegen eine männlich dominierte Geschichte.

Kulturminister Gernot Blümel gratulierte der Künstlerin bei der gestrigen Eröffnung für ihre „herausragenden Einzelpräsentation“ und lobte die Kuratorin für ihre „mutige“ Wahl, was diese prompt zurückwies: „Mutig war es nicht, aber höchst notwendig“, so Felicitas Thun Hohenstein. Die Zeitung „La Repubblica“ zählt den Pavillon übrigens zu den Top 3 der gesamten Biennale. Ob es für einen „Goldenen Löwen“ reicht werden wir schon bald wissen.