Musik-Jahresrückblick 2021Das Orchester spielt einfach weiter

Das definitive Dutzend: Zwölf schöne Songs aus einem unschönen Jahr. Am Ende liegt die Hoffnung im Älterwerden: Ist schon genug Zeit vergangen, damit die Zukunft beginnt?

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© Unsplash.com / Dan Cristian Padure
 

Low – Days Like These


"Was für ein Scheißjahr", stand hier 2020 zum Auftakt. 

When you think you’ve seen everything
You´ll find we’re living in days like these.

Sagt 2021 dazu. 

Low nehmen die wundervollste Harmonie des Jahres im zweiten Verse derart in die akustische Mangel, dass der Song sich kurzzeitig zwischen Migräne und Presslufthammer einpendelt, bevor er sich in die Formlosigkeit verabschiedet. Besser kann man ein Jahr wie dieses nicht verabschieden. 

 

The Notwist – Into the Ice Age

Ein Einzelstück, kein Stückwerk. Die deutsche Intellektuellen-Kapelle vom Dienst lieferte heuer ihre bislang beste Songsammlung ab – und: Den besten Beweis dafür, dass das Format "Album" auch die nächste Pandemie überdauern wird. Einen Song herauszulösen ist angesichts der Querverbindungen und fließenden Übergänge der Stücke nur mit dem spotifyschen Skalpell möglich und sei hier nur zum Zwecke der Veranschaulichung gestattet. 

 

The Hold Steady - Heavy Covenant

Nach so viel Kopflastigkeit erstmal an die Bar: Mit der Gewissheit, dass nach einer lange Nacht eine verschwommene Sonne aufgehen wird und der Geduld, bis der Boss irgendwann wirklich in Pension geht, poliert sein Nachwuchs von "The Hold Steady" mit der Beständigkeit der Sperrstunde die Riffs. Die Tasten orgeln sich gesellig unter den Tresen und der Sprechgesang von Craig Finn wird nach der dritten Runde zur Gesellschaftspoesie: Top of the Pubs.

 

Radiohead – If You Say the Word

20 Jahre ist es her, dass die britische Version von The Notwist mit den Geschwisteralben "Kid A" und "Amnesiac" die Musikwelt nachhaltig veränderte. Das Ungefähre traf auf das Bestimmte, ein Soundtrack zur Dystopie, der heuer zum Jubiläum um eine dritte Disc erweitert wurde und mit Stücken wie "If you say the word" belegt, in welch eigener Liga Radiohead damals wie heute musizieren. Es grenzt an Wahnsinn, Songs wie diesen einfach wegzuwerfen, wo doch handelsübliche Musiker eine ganze Karriere und ein halbes Best-of aus der Harmonie des Refrains konservieren, gefangen im Korsett der eigenen Möglichkeiten. Eine künstlerische Enge, aus der Radiohead sich spätestens seit jenem Doppelalbum vor 20 Jahren kreativ freigesprengt haben – und sie mit dem Blick ins Archiv noch weiter öffnen. Man ist so frei. 

 

LUMP – Animal

Laura Marling und Mike Lindsay sind, jeder für sich, Visionäre des Folk, die Akustische immer hart an der Wahrnehmungsgrenze schrammelnd. Gemeinsam machen sie Pop, der sich dem Drang zum Hochglanz erfolgreich widersetzt und dem es somit wieder an Popularitätsmerkmalen mangelt. Ist das noch Charts, oder schon Kultur? Die radiotaugliche Bassline rutscht einmal kurz aus und schon steckt man mitten im Song ganz tief drin im Graben des Kakophonie-Orchesters, so nah gebaut sind diese Werke an der Kunst. Unklare Kante, enorm reizvoll.

Sons of Kemet – Hustle

Gute Musik bewegt für gewöhnlich Körper oder Geist, selten beides. Kemets Söhne bedienen sich verschiedenster Einflüsse der afrikanischen Diaspora und vereinen sie zu einer grandiosen Form des politischen Jazz, ergänzt um Gast-Sänger und MCs aus den UK und US. Als würden sie dem unaufhaltsamen und überfälligen Aufstieg einer unterdrückten Community mit Lautstärke Nachdruck verleihen, wird "Hustle" mit seinem Call-and-Response zwischen Rapper und Instrument zum vertonten Dialog, dem ersten Schritt des Aufbegehrens. Das befreite Hirn tanzt, der rückständige Arsch muss erstmal nachdenken. 

 

Bonobo – Rosewood

Ein Song wie eine mathematische Gleichung: Es wird Spur um Spur addiert, die Drummachine schichtet ein Pattern nach dem anderen auf, die Vocal-Spuren erzeugen menschliche Wärme inmitten der kühlen Gleichung des Rhythmus. Bis der Track im zweiten Teil ausbricht und das Keyboard-Sample ein Ergebnis unter den Strich zaubert, das mehr ist als die Summe seiner synthetischen Einzelteile: Liebe. Mit ihr ist immer zu rechnen. 

 

Darkside – The Limit

Der Nachfolger eines Album-Meisterwerks, das zwar das Fundament des Vorgängers nie verlässt, aber doch neue Winkel im Klangbauwerk des Duos ausleuchtet. Das Fundament bleibt düsterer Elektro-Blues, doch hie und da werden die Vorhänge zögerlich zur Seite geschoben. Ein vorsichtiger Blick ins Licht, wie ein Schmetterling, der sich in seinem Cocon eigentlich pudelwohl fühlt – wäre da nicht die Neugierde auf die Welt da draußen.

 

Chester Watson – Staring into Space

Das letzte Jahr endete um Punkt Mitternacht mit der Nachricht vom Tod des größten Rappers unserer Zeit: MF Doom ist nicht mehr. Chester Watson erinnert an ihn und daran, dass er und seine Mitstreiter das Erbe aufgreifen. Das ist keine Grabrede, das ist eine Laudatio in Space. 

Rest in peace, Metal Face, smoke straight to God
Listenin' to Doom, floatin' over Indian carpets

 

Sleaford Mods – Nudge it

Kein Text über Sleaford Mods ohne Querverweis: auf schlechte Pubs, noch schlechteres englisches Wetter und raue Vorstädte. Wenn das hier streng riecht, dann weil es das muss. Sleaford Mods sind Politik, aus Missständen wird Wut, aus dem Blick von unten wird Inspiration von oben. Bei all dem sozialen Auftrag ist das stets grandiose Musik, detailverliebt und brachial, die Texte sowieso. Man könnte auch sagen: Oasis für das 21. Jahrhundert. Proll with it! 

 

The War on Drugs – I don’t live here anymore

Ein Song über das Vergangene, über den verklärten Blick zurück. Über Zehntausende im Stadion, kollektive Euphorie, lange ist es her. Und zugleich über den Punkt im Leben, an dem einen die Erinnerungen an früher nicht mehr in ihrer Melancholie erschlagen, sondern man auf ihnen wie auf einer Welle reitet. Nein, im jetzt fehlt an nichts, der Titel "I don´t live here anymore" ist keine Klage über das Älterwerden, sondern ein stolzer Ausruf an alle, die krampfhaft versuchen, jung zu bleiben: Ich bin längst woanders – und hier es wunderbar. 

 

Phoebe Bridgers – That funny Feeling

Es scheint unmöglich, den Status der Welt 2021 treffend zu benennen. Zu viel, zu laut, alles auf einmal. Alle Gefühle gleichzeitig oder gar keine mehr. Phoebe Bridgers fängt im Cover des nicht minder wunderbaren, quasi gleichzeitig veröffentlichten Songs von Bo Burnham, einfach mal mit der Aufzählung dessen an, was sich nicht zuordnen, aber fühlen lässt.

The whole world at your fingertips, the ocean at your door
The live-action Lion King, the Pepsi Halftime Show
Twenty-thousand years of this, seven more to go
Carpool Karaoke, Steve Aoki, Logan Paul
A gift shop at the gun range, a mass shooting at the mall.

Vielleicht die Zeilen des Jahres, weil sie das Offensichtliche verfestigen und das Verborgene erahnen lassen. Das ganze Bild mag noch nicht erkennbar sein, aber die Aneinanderreihung der Anomalien macht es spürbar: hier stimmt etwas nicht mehr. Da ist es wieder, dieses komische, traurige Gefühl, dass die Welt sich verkehrt hat. Zum Ausklang spielt die Band wie das Orchester auf der Titanic. Das Ende naht, tanzen wir dazu!

Hey, what can you say? We were overdue,
but it'll be over soon, you wait.

 

 

Kommentare (1)
fans61
0
2
Lesenswert?

Geschmäcker sind verschieden.

Gott sei Dank 🤦‍♂️