Musikrückblick 2021Triumph statt Trump: Sie machen Austria great again

Mein Musikjahr im Rückspiegel, das Navi nur aufs rot-weiß-rote Revier eingestellt, aber möglichst ohne kleinkarierte Schäuztüchln.

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Fraeulein Astrid stets in großen Posen, aber noch ohne Album ... wir warten weiter
Fraeulein Astrid stets in großen Posen, aber noch ohne Album ... wir warten weiter © KK
 

Es ist eine der erbärmlichen Folgen des Lockdown-Fluchs. Musik lebt eigentlich fast nur noch auf Social Media und in virtuellen Räumen. Wir folgen den Weltstars und den lokalen Heroinen auf Facebook oder Instagram, ziehen sie uns auf Youtube rein oder streamen ihre Musik am Radl, im Bett oder beim Spaziergang.

Die beste Folge der Transformation des Musikgeschäfts und der Verknappung durch Lockdowns: Live ist überlebensgroß. Die Gier nach dem Echten von der Bühne wächst, immer wenn die Tore wieder aufgehen dürfen, sind wir in den Clubs, um mit Musikern zu lachen, zu weinen, zu staunen und ihnen zu applaudieren.

Musik-Navi auf Graz und Wien eingestellt

Das definitive Dutzend meines Musikjahres hat deshalb viel mit Live-Erlebnissen zu tun und alles mit den Kreativen aus der eigenen Heimat. Weil sie jede Aufmerksamkeit brauchen können und sie sich verdienen. Weil die österreichische Musikszene quer durch alle Genres wieder ein hörenswertes Selbstvertrauen und Selbstverständnis hat. Sie machen Austria great again, selbst wenn sie selbst noch nicht alle zu den fixen Größen zählen.

Am Anfang soll Fraeulein Astrid aus Graz stehen, die die Burschen von Platoo diesen Herbst für ein feines Konzert in den Scherbe-Keller geholt haben. Was Astrid Hirzberger solo mit Stage-Piano oder Gitarre, mit Stimme und Samples an Sphäre und Atmosphäre in den Raum zaubern kann, wie konzentriert sie ihr Publikum in ihr Universum lockt, das beeindruckt. Als Insta-Girl bemüht sie große Posen und freches Grinsen, auf der Bühne braucht sie nichts davon, um zu bestehen. Der einzige Haken: Wir warten weiter auf ein Album - und halten uns halt an Insta-Life, Live und Youtube, wo es ein schönes Live-Set zum Eintauchen gibt (siehe unten). Dennoch: Sprecht das Fraeulein bei jedem Gig an, wann denn das erste Album endlich rauskommt!

Bleiben wir bei Klangwelten abseits der Norm. Eine Band, die uns heuer mit dem neuen Album "Spring bevor du fällst" und auch live im Dom im Berg viel Freude bereitet hat, ist Buntspecht. Das sind laut Eigendefinition "sechs betrunkene Seiltänzer aus Wien, die Kinderlieder schreiben". Kinderlieder aber, die gefühlt mit Texten auf Droge und Arrangements wie im Rausch der goldenen 1920er-Jahre daherkommen. Allein, dass sich auf der Bühne und im Studio Cello, Gitarre, Bläser, Melodica und mehr treffen ist ein Geschenk. Das Schrille der Stimme bringt den Hörer bisweilen an Grenzen, die Band ist aber ein Geschenk, das nach Bilderbuch und Wanda den Wiener Kreativkosmos noch einmal deutlich aufweitet. Unser Anspieltipp: Das Paradies.

Stichwort Bilderbuch: In Graz gibt es eine magische junge Kombo namens Kobrakasino, die irgendwie ja schon noch ein wenig im Bilderbuch-Stil festhängt, aber dabei doch neue Kapitel aufschlägt. Auch sie haben ein schönes Konzert im Grazer Scherbe-Keller gespielt und vorgezeigt, wie tight und musikalisch spannend sie sind. Sie haben längst ihr treues, junges Stammpublikum. Heuer haben sie mehrere Singles herausgebracht, die erste mit schönem Video - hieß "Nur einen Tanz".

Mein musikalisches 2021 ist keine Österreich-Rundfahrt, es ist eine Wochenend-Pendel-Beziehung zwischen Graz und Wien. So geht es jetzt wieder in die große Hauptstadt, wo mit Anna Mabo eine besonders wilde Liedermacher-Hummel mein Herz erobert hat. Mit Notre Dame lieferte sie heuer ein neues Album ab. Frech und vif textet sie ihre Zuhörer in intimen Songs zu. Ja, ich gestehe, ich muss fast immer grinsen, wenn sie für mich singt. Das "Gestern von Morgen" ist ein Juwel des neuen Albums. Um ein Haar hätten wir sie in Wien live gehört, sind aber in letzter Sekunde draufgekommen, dass wir Tickets für Innsbruck reserviert hatten.

Schon gut in Fahrt - und oft auf großer Tour durch Deutschland und Österreich - sind die feschen Herren von Granada. Heuer sind sie uns lockdownhalber live durch die Lappen gegangen, aber wir haben sie ohnehin schon in Wien, Graz und Bärnbach auf der Bühne gesehen. Ja, das Gypsy-, Balkan-, Latino-Kollektiv mit Wiener Schmäh und Grazer Kunstdialekt rund um Thomas Petritsch ist Konzerterlebnis mit Grinse-Garantie. Das neue Album ist sehr solide, aber ehrlicher Weise nicht besser als das letzte. Der Song unserer Wahl ist "Zeit", um auch um das nostalgische Zeichentrick-Video zu würdigen, das aus der Feder des Frontman selbst stammt. Schön!

Rauf auf die A2, raus nach Wien, wo es zwei besondere Helden der Herzen zu würdigen gibt. Der Nino aus Wien und Ernst Molden sind ja jeder für sich schon fein, im Doppelpack aber sind sie eine Gewalt: Live im Theater im Park haben sie uns schon aus dem ersten Lockdown-Lagerkoller geholt. 2021 haben sie das Album "Zirkus" veröffentlicht, die Musik zum Film "Ein Clown. Ein Leben" von Regisseur Harald Aue über den Gründer des Circus Roncalli, Bernhard Paul. Die beiden Liedermacher zählen zu unseren liebsten Geschichtenerzählern. Der kreative, fast krankhaft überbordende Output Moldens schüchtert uns inzwischen allerdings schon ein wenig ein.

Der Weg von Warnquadrat über Schilling bis zu Grand Hotel Schilling war ein weiter, der Weg bis zum Album-Release auch kein ganz leichter, so der Eindruck des Beobachters vom Wegrand. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Heuer haben die Grazer Hotel-Buben ihren Erstling rausgebracht. Er hat seinen Weg in die Radiostationen bis zu FM4 gefunden und Wellen bis nach Bayern geschlagen. "Mir wär lieber wir bleiben hier" ist Gitarren-Indie mit deutschen Texten von internationalem Format. Nicht völlig neu, aber mit Nachdruck in hoher Qualität vorgetragen. Sie können Druck und Melancholie, Georg Popps zurückgelehnter Gesang gibt der Band besondere Stimme und Stimmung. Seit dem selbst produzierten Video zu "Miteinander" ist der Frontman nun auch offizielles Sexsymbol der Band und Co-Gaststar Salò gewinnt die Goldene Banane für den geilsten Rap mit vollem Mund. Danke!

Zurück an die Donau, wo es noch einen weiteren Geschichtenerzähler zu entdecken gilt: Das Album ist zwar schon im Herbst 2020 erschienen, hat aber 2021 zu atmen begonnen. Felix Kramer spricht seine melancholischen, feinen, gemeinen, zeitkritischen Texte über gediegene Bar- oder auch Latino-Jazzmusik. Man merkt, hier werkt ein ausgebildeter Musiker. Alles sitzt, nichts lenkt ab von den präzisen, sezierenden Psycho-Betrachtungen des Inneren und Äußeren. Zu seinen Einflüssen zählen Ludwig Hirsch, Jacques Brel, Leonard Cohen verrät uns Wikipedia. Ja, das hätten wir wohl auch ohne Google-Move so ähnlich gesagt. Es ist uns aber eigentlich auch wurscht. Kramers Musik hingegen ganz und gar nicht. Viel Spaß beim No-Budget-Video zu "Red ma halt einfach was anderes":

Graz Calling: Diese Band ist an der Mur ein Urgestein, ein Fixstern, das Trio ist fast übergroß im Genre Local Heroes. Kein Wunder, sind sie doch auch über Jahrzehnte gereift. Norbert Wally und The Base haben heuer schon einige Singles auf den Markt gebracht, die die Vorfreude auf das Album, das 2022 erscheint, anheizen. Die Fans wissen, was sie kriegen - dunkelgrauen Kult mit einer räudigen Stimme ganz tief aus dem Keller - und sie wissen es zu schätzen. Wir legen euch das jüngste Werk ans Herz. "Let´s Say You Went Honolulu" nimmt Abschied von einem lieben Freund, sagen wir er musste einfach ohne Handy allein auf eine Insel abhauen. Mit dabei - bei diesem fein gedrosselten Trauermarsch aus New Orleans  - ist auch der geniale Luis Diego Bonilla an der Posaune. Das Video im Kiesbett ist, naja, sagen wir Low-Budget:

Und Wien schon wieder ... Eigentlich wäre ja My Ugly Clementine hier ein Fixplatz zugestanden, doch die Supergroup schenkte uns heuer zwar ein feines Konzert im Orpheum, aber eben keine neuen Songs. Also halten wir uns an eine der vier Clementine-Frontfrauen, Sophie Lindinger, und ihr anderes, elektronischeres Projekt Leyya, das ja auch viel Freude macht. Allerdings braucht es hier auch einen Kunstgriff, um "Paper" in diese Liste zu holen. Dieser wunderschöne Song erblickte als Single schon vorigen Herbst das Licht der Welt, wurde dann aber doch auch heuer auf der EP "Longest Day of My Life" veröffentlicht. Also darf er auch in diesem 2021er-Ranking glänzen. Viel Spaß!

Deutlich direkter, kraftvoller, weniger lyrisch, aber mit Folk-Punk-Kraft trägt ein alter Grazer Haudegen seine Lieder vor - auf dem neuen Album "Sand Timer" bringen Chris Magerl & The Burning Flags die Energie ihrer Live-Sets perfekt auf den Tonträger. Magerl, seit Jahrzehnten Grazer Punkrocker mit zeitweisen Ausflügen in Singer-/Songwriter-Sologefilde widmet sich textlich dem Altern als Musiker. Er nimmt das Musizieren dabei immer noch mit unironischer Ausdauer so ernst, wie es seine große Leidenschaft eben auch verdient. Ein wirklich schönes Album mit einer wirklichen tollen Band. Mein Anspieltipp: Until the Day I Die:

Zum Abschluss bleiben wir noch in Graz, um den Kreis zu schließen und von noch einer jungen Frau zu erzählen, die Großes vorhat. Maia Onda hat heuer zwei Singles veröffentlicht, die es bis FM4 und auch Ö3 geschafft haben. Die junge Frau modelt, musiziert, schreibt ihre Songs selbst und produziert das Meiste auch gleich in ihrem Home-Studio. Sie überlässt in Inszenierung und Produktion nichts dem Zufall und ist solo am Synth, auf der Gitarre, aber auch mit Band bereits wahnsinnig am Punkt. Mit Dead Plants gab sie, die schon seit Jahren musiziert, heuer den Startschuss für eine Karriere, die sie voll Herzblut verfolgen will. Hier das sehenswerte Video dazu:

Die Playlist

Die Songs finden Sie auch hier in unserer Playlist auf Spotify, die sich jeden Tag um 12 Songs verlängert:

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