Musik-Rückblick 2021Music is back, like Johann Sebastian Bach

Musikrückblick 2021: 12 Songs über die Hoffnung, den Tod und die Liebe.

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Chilly Gonzales: Music is back

"Music is back so grab your mask and a vax / Now scratch the past this is the aftermath". Ein wunderbarer Chilly-Gonzales-Rap über die unaufhaltsame Macht der (Live-)Musik. Die ist in der Praxis zwar nicht ganz so unaufhaltsam, musste doch auch Gonzales' von vielen hart erwartete Sommer-Show auf den Kasematten in Graz erneut auf 2022 verschoben werden. Vorfreude ist die beste Freude? Naja.

For Those I Love: I have a love

Vom guten alten Chilly zu einer Neuentdeckung. Zu einem Song, den ich von der ersten Zeile an geliebt habe - dieser Sprechgesang mit schwerem irischen Akzent, dazu die Trance-Synths, als würde Mike Skinner über ein Instrumental von Faithless rappen. Und später erst nachgelesen: "I have a love, and it never fades" ("I" gesprochen mit einem breiten irischen "Oi") von For Those I Love ist ein musikalischer Nachruf auf David Balfes Freund Paul Curran, den irischen Punk-Poeten der Band Burnt Out, der sich 2018 das Leben nahm.

Arab Strap: The Turning of our Bones

Bleiben wir bei Sprechsingsang mit schwerem Dialekt, diesmal noch schwerer, nämlich schottisch. "The Turning of our Bones" ist eigentlich schon 2020 erschienen, als Vorbote auf ein Album, mit dem niemand mehr gerechnet hätte - haben Malcolm Middleton und Aidan Moffat ihre Bandgeschichte ja schon Mitte der Nuller Jahre beendet. Das Album "As days get dark", ist 2021 erschienen, der Indiefolk-Slowcore-Folk perlt noch wie eh und je, Höhepunkt bleibt aber der untypisch düster groovende Opener "The Turning of our Bones" - auch dank eines grandiosen Videos, das aus wüsten 70s-Horrorfilmen zusammengeschnipselt wurde. Und die Lyrics! "Just take my hand and be brave / We'll say goodbye to this grave / Tonight we salsa, we rave" ...

The Chemical Brothers: The Darkness that you fear

Die Chemical Brothers haben offenbar regelmäßig neue Musik veröffentlicht, auf dem Schirm hatte ich sie aber schon lang nicht mehr. Abgehakt und seit gut 15 Jahren in die Big-Beat-Kiste gesteckt, die seither ordentlich Staub angesetzt hat. Und dann das: Zum Record Day kam die Single The Darkness that you fear heraus, als erster Release der Chemical Brothers, der nicht mehr am Major Virgin erscheint. Ein Track, der Hoffnung atmet, aufgenommen im Frühjahr in der Stimmung der Corona-Lockerungen, in Vorfreude auf einen "normalen" Sommer - oder eine "coole Zeit", wie es manche genannt haben. Die Hoffnung lebt weiter. Denn: The darkness that you fear ... will disappear.

Sofia Kourtesis: La Perla

Und noch einmal Housebeats voller Hoffnung, aber auch voller Traurigkeit. "La Perla" von der in Berlin lebenden Peruanerin Sofia Kourtesis handelt vom Meer - vom Blicken aufs Meer, gemeinsam mit ihrem sterbenden Vater, dem sie nach seinem Tod diesen Track geschrieben hat. "Tratando de cambiar/Tratando de olvidar", singt sie immer wieder, "Ich versuche es zu ändern/ Ich versuche zu vergessen".

Little Simz feat. Cleo Sol: Woman

Little Simz alias Simbiatu Ajikawo gilt als wichtigste UK-Rapperin dieser Tage, mit "Sometimes I Might Be Introvert" hat sie heuer ihr viertes und vielleicht auch bis dato bestes Album abgeliefert. Das reduzierte, seidig-smoothe "Woman", eine Kollaboration mit Cleo Sol, ist eine Hommage an starke Frauen, die Großartiges leisten und dabei auch noch ganz nebenbei großartig aussehen. 

Perfume Genius: Your body changes everything (Boy Harsher Remix)

Brüchig, herzzerreißend, queer: Der artsy Indiepop von Mike Hadreas hat etwas an sich, dass er verlässlich zu jedem Jahresende retrospektiv zum Besten gehören wird, das man so im Ohr hatte. So auch 2021 - da erschien "nur" ein Remix-Album von Perfume Genius. Besonders gelungen:  "Your Body Changes Everything" im Remix des britisch-amerikanischen Elektroduos Boy Harsher. Im Video dazu ist ein Mann ganz verzaubert von einem wunderschönen Alien, der ihn aber nur via TV erreichen kann. "The song is about being open to whatever happens, and not carrying all this bullshit with you", hat Hadreas Pitchfork erzählt. Can you feel my love? Can you feel the sun, like honey?

Low: Days like this 

Nein, es kommt nicht vom Übersteuern der Anlage, obwohl man versucht ist, diesen Song gleich beim Chor zu Beginn laauut aufzudrehen. Bei Low ging es immer schon um die Schönheit im Hässlichen, die  unwiderstehliche Melodie, der sich aus den Noise-Parts herausschält. Um dann wieder zu verschwinden. Nach einem wiederholt hingehauchten "Again" löst sich der Song immer mehr auf. Der Rest ist Geräusch - aber immer verbunden mit der Hoffnung, dass sie irgendwann wiederkommen wird, die Harmonie.

Black Midi: John L

Bäm! Und ein Sprung in eine ganz andere Klangwelt. Black Midi, ein stark  gehyptes UK-Quartett irgendwo zwischen Artrock, avantgardistischem Jazz und Noise haut mit "John L" einen herausfordernden, verwirrenden, hochpräzise geschrammelten Track mit extremen Stop- and Go-Momenten heraus, den man wohl entweder lieben oder hassen muss. Oder der einen vielleicht in ratloses Staunen versetzt, wie auch das unglaublich bizarre Tanzvideo dazu. Wow!

Wet Leg: Chaise Longue

On the Chaise Longue, on the Chaise Longue, on the Chaise Longue, all day long, on the Chaise Longue. Endlich wird das Loungemobiliar des 19. Jahrhunderts einmal gewürdigt. Zu verdanken haben wir das dem Duo Wet Leg von der Isle of Wight, einer kleinen Insel an der britischen Südküste. Die haben erst zwei Songs veröffentlicht (das Debütalbum wird für April bei Domino Records erwartet), die sind aber so knackig, frisch und anders, dass es für den UK-Gitarrenhype des Jahres reichte. Wunderbar dazu auch die Strohhüte und die fiesen Blicke von Rhian Teasdale und Hester Chambers im Video.

Amyl and the Sniffers: Guided by Angels

Ach wie schön, jetzt geht es um Engel und es wird richtig weihnachtlich. Oder? Oder ...? Nein, natürlich nicht - das leider ersparen wir uns aber, denn die Angels von Amy Taylor sind weniger "heavenly", aber doch sehr gut. Die Australier Amyl And The Sniffers gelten als heißeste Punk-Band derzeit und hätten bestimmt einen Ruf als Wahnsinns-Liveband, wenn sie denn nur spielen dürften. Vokuhila, Pickup-Trucks, Dosenbier, australischer Akzent, ein Hauch Dolly Parton. Und Energie. Viel Energie. "I’ve got plenty of energy / It’s my currency”. Hört man deutlich - bitte bald auch mal live!

Tocotronic & Soap&Skin: Ich tauche auf

Zeit, wieder runterzukommen. Ganz tief hinunter. In den mysteriösen Schlund, aus dem das lyrische Ich von Dirk von Lowtzow zu jenem von Anja Plaschg (Soap&Skin) auftaucht. Eine hypnotisch schöne Version der Geschichte der beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen können, über eine Liebe am Abgrund des Lebens. Im Jänner erscheint ein neues Album von Tocotronic. 2022 fängt gut an. Music is back.

Playlist auf Spotify

Die Songs finden Sie auch in unserer gemeinsamen Spotify-Playlist für das Jahr 2021, die sich jeden Tag um 12 neue Songs erweitert:

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