Interview"Ich habe Mitgefühl mit dem Monster"

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro hat mit seinem Film „Shape of Water“ vier Oscars eingeheimst. Schon gab er in einem Interview Auskunft über die Geheimnisse dieses besonderen Films.

Guillermo del Toro: Monster sind leicht zu verstehen – im Unterschied zu Menschen © APA/AFP/ROBYN BECK
 

Señor Del Toro, mit 13 Nominierungen gilt „Shape of Water“ als großer Oscar-Favorit. Wie schwierig war es, Hollywood von einem derart poetischen Projekt zu überzeugen?

GUILLERMO DEL TORO: Ich hatte das Projekt mit eigenem Geld drei Jahre lang entwickelt. Dieses Konzept bot ich dann einem einzigen Studio an, Fox Searchlight, mit dem ich bereits gute Erfahrungen hatte. Am Ende meiner Präsentation haben alle geheult. Es ist ein Mythos, dass Hollywood nur von Geschäftsleuten bestimmt würde. Wenn man eine bewegende Story hat und sie richtig vermittelt, findet man auch Unterstützung.

Gab es keine Bedenken wegen der Altersfreigabe?

GUILLERMO DEL TORO: Überhaupt nicht. Ich sagte von Beginn: Sally Hawkins masturbiert, es gibt Sex-Szenen zwischen ihr und der Kreatur. Das wurde problemlos akzeptiert.

Welchen Stellenwert hat „Shape of Water“ für Ihre Karriere?

GUILLERMO DEL TORO: Dieses Projekt musste ich unbedingt machen. Meine bisherigen neun Filme hatten alle etwas mit meiner Kindheit zu tun. Jetzt bin ich 53 Jahre alt, höchste Zeit, endlich einen erwachsenen Film zu machen. Es ist ein Film über die Liebe, was für mich bedeutet, seinen Partner so zu mögen, wie er ist. Ohne Anspruch auf Perfektion, ohne Wunsch, ihn zu ändern.

Welche Bedeutung hat das titelgebende Wasser?

GUILLERMO DEL TORO: Wasser nimmt immer die Form an, in der es sich befindet. So sanft es auch sein kann, ist es zugleich die stärkste Kraft des Universums. Auch die Liebe kann jede Form annehmen, egal ob für Mann, Frau oder Kreatur.

Sie sagten einmal, dass Monster Sie schon als Kind begeisterten. Wie wirkt sich das hier aus?

GUILLERMO DEL TORO: Im Märchen gibt es zwei Varianten. Die eine sagt: Monster sind böse, deine Eltern sind gut. Deswegen musst du ihnen stets folgen. Die andere sagt: Vergiss die Regeln, sei einfach verrückt! Ähnliches gilt für Horrorfilme. Die einen warnen vor Monstern, weil Fremdes stets Gefahren bringt. Die anderen sagen, die heile Familienwelt ist gar nicht so idyllisch, wie sie tut. Das gefiel mir schon immer besser. Ich möchte Mitgefühl mit dem Monster haben. Als ich Boris Karloff zum ersten Mal in „Frankenstein“ sah, war er für mich wie der Messias. Monster sind einfach so, wie sie sind. Und ganz leicht zu verstehen – im Unterschied zu Menschen, hinter deren charmanter Maske sich oft Abgründe auftun.

Wie bekommen Sie die Ideen für Ihre fantastischen Welten? Liefern Träume gute Vorgaben?

GUILLERMO DEL TORO: Schlaf ist schrecklich für mich. Ich erinnere mich an einen einzigen Traum, der aber verfolgt mich seit meiner Kindheit: Ich kann unter Wasser atmen. Meine Ideen entspringen der Unfähigkeit, mich zu langweilen.

Welche Rolle spielt der politische Aspekt? Gibt es Parallelen vom Kalten Krieg damals zum Amerika von heute?

GUILLERMO DEL TORO: Das Amerika der frühen 60er- Jahre wurde zu einem Land der Fantasie und der Märchen idealisiert. Das heutige: „Make America Great Again“ träumt von genau diesem Amerika. Ein großartiges Land, wenn man weiß, männlich und heterosexuell ist. Für alle anderen ist allerdings kein Platz. Diese Geschichte in die 60er-Jahre zu verlegen, schien mir viel wirkungsvoller, als sie in unserer Zeit zu erzählen. Ein Märchen besitzt viel mehr Magie als ein aktuelles Politdrama.

Wie entsteht so ein Monster?

GUILLERMO DEL TORO: Am Anfang entstehen Entwürfe aus Ton. Diese umkreise ich auf meinem Schreibtisch mit einer Lampe, um alle Schatten zu sehen. Schatten sind später enorm wichtig, weil sie wie Mimikfalten wirken. Für den letzten Schliff sorgten die Frauen bei mir daheim: Mehr Hintern oder weniger? Genügend Sixpack? Breitere Schultern oder schmalere? Ich wollte eine Kreatur, in die man sich verlieben kann.

Wieso zogen Sie einen Schauspieler im Amphibien-Kostüm Computereffekten vor?

GUILLERMO DEL TORO: Ohne Schauspieler hat man keinen Film – und Doug Jones ist ein großartiger Darsteller. Wenn er zum ersten Mal ins Kino kommt und man spürt, die Kreatur hat noch nie einen Film gesehen, dann sind das echte Schauspieler-Momente. Oder die Schlüsselszene im Badezimmer: Richard Jenkins hatte erst Bedenken, mit einem Kollegen im Kostüm aufzutreten. Aber dann, erzählte er, hatte er das Gefühl, einem antiken Wasser-Gott gegenüberzustehen.

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