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#WirlesenzusammenMit der Literaturnobelpreisträgerin auf Mörderjagd

Mit Olga Tokarczuk lauschen wir den Gesängen der Fledermäuse und mit anderen literarischen Leckerbissen unternehmen wir Reisen durch die Welt und den Kopf.

Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk
Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk © APA
 

Tierschützerin auf Mörderjagd

Er kommt wie ein Krimi daher, liest sich streckenweise wie ein Western und ist ein Tierschützerroman mit einer großen Portion Zivilisationskritik: Auf einer kargen Hochebene an der tschechisch-polnischen Grenze ist es ungemütlich und einsam. Der Wind pfeift, der Schnee steht imWinter kniehoch. Wenn die wenigen Städter ihre Sommerdomizile verlassen haben, wird es still und unheimlich. Als skurrile Mordfälle die Bevölkerung beunruhigen, streift die ältliche Dorflehrerin und einstige Brückenbauingenieurin Janina Duszejko durch die Gegend und entwickelt ihre eigenen Theorien - die alle für verrückt halten.

Wie die Tierfreundin, die sich gerne mit der Lyrik William Blakes und Astrologie beschäftigt, das tut, ist witzig, klug und spannend. Mit ihrer bildreichen Sprache, ironischem Unterton und den atmosphärisch dichten Landschafts-Schilderungen zeigt Olga Tokarczuk, die Literaturnobelpreisträgerin des Vorjahres (oft mit einem Augenzwinkern), welch meisterhafte Sprachspielerin sie ist. Was wohl auch der feinsinnigen Übersetzung von Doreen Daume zu verdanken ist. Wer sich Tokarczuks Werk nähern will, aber vor dem mehr als 1000 Seiten starken Roman „Die Jakobsbücher“ zurückschreckt, ist mit dem „Gesang der Fledermäuse“ jedenfalls gut beraten.
Olga Tokarczuk: Der Gesang der Fledermäuse.
Kampa Verlag. 320 Seiten, 24,70 Euro

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Erwachsen werden zwischen Ghana und Großbritannien

Das Schicksal von drei afrikanischen Mädchen zwischen London und Ghana erzählt der 35-jährige britische Autor Michael Donkor in seinemDebütroman „Halt“. Die 17-jährige Belinda kommt als Hausmädchen von Ghana zu einer wohlhabenden afrikanischen Familie in Großbritannien. Dort soll sie sich quasi als Gesellschafterin um die hochbegabte aber verschlossene Amma kümmern, die eine exklusive Privatschule besucht. Zurückgeblieben in Ghana ist die elfjährige Mary, Freundin und Schwester-Ersatz, mit der Belinda regelmäßig voll Heimweh und Sorge telefoniert.

Wie der ghanaisch-britische Autor sich in diese drei Mädchen hineinversetzt, jeder eine eigene Lebenswelt zuschreibt, ist kunstvoll gemacht und sensibel erzählt – eine spannende Coming-of-Age-Geschichte voller Ängste und Geheimnisse, aber auch voll Freundschaft und Nähe. Dass der Autor in seinem Hauptberuf an einer Mädchenschule Englisch unterrichtet, überrascht da kaum mehr.

Nicht ganz einfach zu lesen, aber stimmig werden die drei jungen Frauen durch ihre Sprachfärbungen und Slangs charakterisiert. (Ein Glossar im Anhang hilft.) Teenager-Diktion, unterschiedliche soziale Klassen und Dialektausdrücke in Twi, der Sprache Ghanas, ergeben ein exotisches, lebendiges Soziogramm des Schmelztiegels London (wie ihn etwa auch die Autorin Zadie Smith beschreibt). Aber auch die Gefühlswelten der drei so verschiedenen und doch ähnlichen Mädchen werden vermessen und eröffnen einen sinnlichen, weiblichen Kosmos – der aus der Feder eines Mannes stammt.
Michael Donkor: Halt. Edition Nautilus. 320 Seiten. 25,70 Euro

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Bizarre Bubenfreundschaft

Kapia ist der Schamlose, der Verwegene mit dem frechen Lächeln; Leviathan der Sensible, Ängstliche, der immer wieder Skrupel hat. „Zusammen sind wir unbesiegbar“ ist die Schilderung einer herzzerreißenden Bubenfreundschaft im ungarisch-slowakischen Grenzgebiet, aber auch ein Rückblick auf die Geschichte der südslowakischen Kleinstadt Lučenec, in der 1988 der Autor Peter Balko geboren wurde. Der kommt sogar als Figur in seinem eigenen Roman vor, der voll von bizarren Einfällen, überraschenden Wendungen, Zeitsprüngen und dem Spiel mit Klischees ist.

Ein Brief zu Beginn und einer am Ende spannen einen Bogen über rund 150 Seiten dieser Jugend zwischen Abenteuern in den Wäldern, ersten sexuellen Erfahrungen und kleinen Gaunereien, die teilweise auch recht derb ausfallen können. Kapia, der jeden Tag ein Tier tötet und Leviathan, der unter seiner Pummeligkeit leidet, sind ein ungleiches, aber eingeschworenes Paar, mehr Tom Sawyer und Huckleberry Finn als Ninjakämpfer und Batman, die sie gerne wären. Warum die Leichtigkeit schließlich in Tragik kippt, sei nicht verraten. Nur so viel: Peter Balkos Debütroman unterhält nicht nur, sondern handelt mit leichter Hand große Themen ab, die lange nachklingen.
Peter Balko: Zusammen sind wir unbesiegbar. Zsolnay Verlag. 158 Seiten. 19,60 Euro.

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