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Olga TokarczukJackpot für Bielefeld: Lesung mit frisch gebackener Nobelpreisträgerin

Es sollte ein normaler Leseabend in der Bielefelder Stadtbibliothek werden. Mit einem Unterschied: Die Autorin Olga Tokarczuk war am Abend eine Nobelpreisträgerin.

Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk
Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk © (c) APA/AFP/SASCHA SCHUERMANN (SASCHA SCHUERMANN)
 

Es war wie ein Sechser im Lotto, doch der stellvertretende Leiter der Bielefelder Stadtbibliothek verglich den Leseabend mit Olga Tokarczuk nicht mit Glücksspiel, sondern mit sportlichen Welterfolgen. "Das ist eine grandiose Geschichte und wie ein WM-Titel für die Stadt", sagte Klaus-Georg Loest Donnerstagabend, kurz bevor die polnische Literaturnobelpreisträgerin eine Lesung hielt.

Am Mittag hatte die Schriftstellerin von ihrer Ehrung per Anruf aus Stockholm erfahren. Dass sie auf ihrer Lesetour für ihr neues Buch "Die Jakobsbücher" auch in Ostwestfalen Station macht, stand seit Monaten fest. Auf ihrem Weg von Berlin nach Bielefeld hatte sie am Ende noch im Stau gestanden. Für den letzten Kilometer brauchte sie gefühlt Stunden. Vor der Bibliothek hatte sich längst eine ungeduldige Menschentraube aus Medien und städtischen Mitarbeitern gebildet. Unter den Journalisten auch viele, die Polnisch sprechen.

"Das ist ein sensationelles Zusammentreffen. Nobelpreisträger haben wir hier nicht so oft. Und das dann auch noch am Tag der Bekanntgabe", schwärmte Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) und führte den Gast die Stufen hoch in einen Raum, der für eine improvisierte Pressekonferenz hergerichtet worden war. "Für Bielefeld ist es eine große Ehre, Sie an diesem Tag hier begrüßen zu dürfen", sagte er auf Englisch. "Thank you so much", erwiderte Tokarczuk bescheiden und stellte sich den Fragen der Journalisten. Nach 20 Minuten eine kurze Unterbrechung. Die englische BBC hatte sich für eine Live-Schaltung angemeldet.

Dass die Bielefelder nicht komplett überrascht wurden, verriet Clausen am Rande. "Es gab ja am Mittwoch erste Gerüchte. Wir wussten ja, dass sie auf der Kandidatenliste stand", sagte das Stadtoberhaupt. Und für den Leiter der Bibliothek ist die Schriftstellerin aus Polen eine alte Bekannte. Loest schwärmt von ihrem "Magischen Realismus". Wie oft und wann Tokarczuk bereits in Bielefeld aus ihren Werken gelesen hat? "2004 und 2011", sagte Loest ohne nachzudenken und fügte hinzu, aus welchen Büchern sie vor 15 und 8 Jahren gelesen habe. "Und Sie können sich vorstellen, wie wir bei der Übertragung am Mittag gezittert haben", sagte Loest. Seit Tagen sei ja mit ihrem Namen weltweit spekuliert worden. "Und wir haben uns sehr gefreut. Und die Freude galt nicht der Entscheidung zu Peter Handke", sagte der Gastgeber unter lautem Beifall. Der Österreicher Handke ist Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019, während Tokarczuk rückwirkend für 2018 ausgezeichnet wurde.

Olga Tokarczuk in der Stadtbibliothek in Bielefeld
Olga Tokarczuk in der Stadtbibliothek in Bielefeld Foto © (c) APA/AFP/SASCHA SCHUERMANN (SASCHA SCHUERMANN)

Mit Herta Müller, Preisträgerin des Jahres 2009, war auch schon eine andere Nobelpreisträgerin in der Stadt. Aber eben erst später, wenige Monate nach ihrem Triumph. Und Müller las 2010 in der Uni Bielefeld, nicht in der städtischen Bibliothek. Dort machte Olga Tokarczuk mit 30 Minuten Verspätung vor mehreren Hundert Zuhörern nur ihren Job, wie sie zuvor bescheiden in der Pressekonferenz gesagt hatte: Sie las aus ihrem neuen Werk. Zum ersten Mal als Literaturnobelpreisträgerin.

Olga Tokarczuk - dahinter das Cover zu ihrem Buch "Jakobsbücher"
Olga Tokarczuk - dahinter das Cover zu ihrem Buch "Jakobsbücher" Foto © (c) APA/AFP/SASCHA SCHUERMANN (SASCHA SCHUERMANN)

Vor der Lesung sprach sie noch kurz über den großen Moment des Anrufs von der Schwedischen Akademie. "Wir waren am Mittag irgendwo zwischen Berlin und Bielefeld auf der Autobahn", so Tokarczuk. Ihr Blutdruck sei plötzlich sehr hoch gewesen, und sie hätten irgendwo auf einem Rastplatz anhalten müssen. "Keine Ahnung, wo das war." Die Auszeichnung habe sie jedenfalls nicht erwartet, auch "wenn ich wusste, dass ich auf der Liste der Kandidaten stand", sagte die 57-Jährige. Aber es sei etwas anderes, auf so einer Liste zu stehen und dann tatsächlich den Preis auch zu bekommen. "Die Menschen in Polen haben aber sehr auf diesen Augenblick gewartet. Alles wird anders sein", sagte Tokarczuk auf die Frage, was der Nobelpreis bewirken werde. "Aber ich fühle das gerade noch nicht."

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