Martina (Name von der Redaktion geändert) sitzt über ihrem Englischheft. Obwohl es ein normaler Vormittag ist, befindet sie sich nicht in ihrer Klasse, sondern zu Hause. Seit dem 17. März ist die 14-Jährige von der Schule suspendiert. Eigentlich besucht das Mädchen eine Integrationsklasse einer Klagenfurter Mittelschule. Im Herbst 2021 wurde bei ihr eine Autismusspektrumstörung diagnostiziert. "Hinter uns liegt ein Ärztemarathon", berichtet ihre Mutter. Da das Mädchen zu früh zur Welt kam, blieb die Diagnose lange unklar. "In der Pubertät kam der autistische Aspekt immer mehr zum Vorschein."

Reizverarbeitung ist anders

Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung. "Betroffene Menschen nehmen Sinneseindrücke anders wahr. Die Reizfilterung und -verarbeitung im Gehirn funktioniert anders. Das kann zu Stressreaktionen, Angst oder anderen unangenehmen Gefühlen führen", erklärt Isabella Scheiflinger von der Behindertenanwaltschaft Klagenfurt.

Auch Martina ist vom Trubel in der Schule häufig überreizt. Sie reagiert mit Rückzug, indem sie aus der Klasse läuft, oder mit Impulsdurchbrüchen, indem sie Emotionen hinausschreit oder Sessel umstößt. "Sie macht das nicht mutwillig, sondern weil sie sich in dem Moment überfordert fühlt", erklärt ihre Mutter.

Schulausschluss

Dreimal wurde ihre Tochter schon von der Schule suspendiert, zuletzt aufgrund eines Vorfalles, der sich am 17. März ereignete: An dem Tag warf das Mädchen Stühle in der Aula um und lief aus dem Gebäude. Mit der Begründung, dass Gefahr im Verzug gewesen sei, verständigte die Schule Rettung und Polizei. Wenige Tage später erhielt die Familie den dritten Suspendierungsbescheid. Mittlerweile liegt auch ein Bescheid von der Bildungsdirektion vor, dass das Mädchen vom weiteren Besuch an der bisherigen Schule ausgeschlossen ist. Sie wurde einer neuen Mittelschule zugewiesen. Gegen den Ausschluss wurde Einspruch eingelegt. "Aus unserer Sicht ist es untragbar, schulpflichtige Kinder mit Behinderung aus im Ergebnis behinderungsbedingten Gründen vom Unterricht an einzelnen Schulen auszuschließen", sagt Scheiflinger.

Schulassistenz

Mit ihrer Erfahrung ist die Familie nicht alleine. Eine vom "Bundesverband autismus Deutschland e.V." durchgeführte Umfrage ergab, dass jedes fünfte autistische Kind von der Schule verwiesen wird. "Autistische Kinder und Jugendliche benötigen ein spezielles Setting mit kleineren Klassen, Rückzugszonen, und konsequentem Vorbereiten auf Veränderungen", erklärt sie.

Um ihnen einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung zu ermöglichen, bietet das Land Kärnten eine Schulassistenz an. Dies erfolgt im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich vor 14 Jahren unterzeichnet hat. Im Jahr 2022 sind in Kärnten 1,39 Millionen Euro für die Schulassistenz autistischer Jugendlicher reserviert.

Auch Martinas Psychologin hat eine Assistenz im Herbst 2021 empfohlen, es folgten ein Ansuchen, Gutachten wurden erstellt. Genehmigung gibt es bis heute keine. "Vonseiten der Schulbehörde wird die Meinung vertreten, dass eine Schulassistenz fachlich nicht zielführend ist und diese Assistenzleistung aufgrund der Richtlinie auch nicht genehmigt werden kann. Diese Meinung vertreten wir aber nicht", sagt Scheiflinger.

Beim Land, zuständig ist Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) als Bildungsreferent, und bei der Bildungsdirektion betont man, dass alles getan werde, "um Kindern und Jugendlichen einen möglichst gleichberechtigten Zugang zur Bildung zu ermöglichen". Grundsätzlich gebe es mehrere Varianten von Unterstützungsleistungen für Schüler mit Behinderung. Eine Assistenz für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS), die Sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) haben und nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet werden, ist jedoch nicht vorgesehen. Bildungsdirektorin Isabella Penz wollte auf Anfrage zu dem konkreten Fall keine Stellungnahme abgeben.

Kostet viel Kraft

Martina wirkt von den Ereignissen mitgenommen. "Ich habe keine Freunde, bin alleine. Das macht mich traurig", sagt sie. Für ihre Mutter besteht das Grundproblem darin, dass an ihre Tochter Erwartungen gestellt werden, welche diese nicht erfüllen kann. "Sie kann ihre autistische Symptomatik nicht unterdrücken. Sich an ihre Umwelt anzupassen, kostet sie enorm viel Kraft."

Bisher seien alle Gespräche mit der Schulleitung sowie den Pädagoginnen erfolglos verlaufen. In der Klasse werde Martina aufgrund ihrer Erkrankung häufig gehänselt.
Für eine Mutter, deren Sohn dieselbe Klasse besucht, sind die Vorwürfe nicht nachvollziehbar. "Wir haben 1,5 Jahre dafür gekämpft, dass Martina in der Schule bleiben darf", sagt sie. "Dafür wurde, auch vonseiten der Lehrer, alles Menschenmögliche getan."  Es sei jedoch nicht absehbar, wann es zu den Impulsdurchbrüchen des Mädchens komme. "Aber wenn Sessel und Tische fliegen, ist Gefahr im Verzug. Die Direktorin hat richtig gehandelt." Hänseleien habe es keine gegeben, so die Mutter.

Wie geht es jetzt für die Familie weiter?

Martinas Eltern, beide sind Vollzeit berufstätig, wünschen sich, dass ihre Tochter die 3. und die 4. Klasse in einer Schule fertigmachen darf, in der Martinas Beeinträchtigung akzeptiert wird. Martina nimmt bis zum Sommer Privatunterricht an einem Lerninstitut, um wieder in den Lernprozess hineinzufinden.

Recht auf Inklusion

Ihre Mutter hofft, dass ihre Tochter ab Herbst doch noch eine Schulbegleitung bekommt. Auch die Behindertenanwaltschaft wird sich dafür einsetzen. Martina selbst schmiedet trotz allem Zukunftspläne. "Es macht mir Spaß, zu backen. Ich würde gerne Köchin werden", sagt sie. Ihre Mutter ist sich bewusst, dass bis dahin noch einige Herausforderungen zu bewältigen sind. "Ich werde immer dafür kämpfen, damit Martina eine Chance auf ein selbstständiges Leben hat. Inklusion darf nicht nur ein Wort sein", sagt sie.