Pro

Wenn Geimpfte aufeinandertreffen, ist die Gefahr der Ansteckung minimal und daher ist es sinnvoll, nur solche Personen in die Nachtgastronomie, ins Theater oder Kino-Aufführungen zu lassen. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Wir sehen uns heute im Vergleich zum Vorjahr der deutlich ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus gegenüber, was sich auch darin zeigt, dass die Infektionszahlen heute schon höher sind als vor einem Jahr. Wenn wir auf die Impfstatistik schauen, dann sehen wir, dass knapp 40 Prozent der Gesamtbevölkerung noch völlig ungeimpft sind und die Zahl der täglichen Impfungen, besonders die der Erststiche, stagniert. Diese besorgniserregende Entwicklung könnte im Herbst, wenn sich bei sinkenden Temperaturen das Geschehen wieder in die Innenräume verlagert, zu einem starken Anstieg der Infektionszahlen, der Überlastung der Intensivstationen und/oder neuen Lockdowns führen. Ich denke, dass jeder von uns das gerne vermeiden möchte. Der große Unterschied zum Vorjahr ist, dass wir jetzt eine Schutzimpfung haben – sie ist aktuell der einzige Ausweg aus der Pandemie. Wir müssen diesen Weg jetzt nur noch gehen. Die Covid-Impfung schützt gut vor einem schweren Verlauf, zudem werden die Infektionsgefahr und die Übertragungswahrscheinlichkeit verringert. Wenn Geimpfte aufeinandertreffen, ist die Gefahr der Ansteckung minimal und daher ist es sinnvoll, nur solche Personen in die Nachtgastronomie, ins Theater oder Kino-Aufführungen zu lassen. Ein negatives Testergebnis alleine sagt hingegen nur, dass man aktuell nicht infiziert ist. Einen Schutz vor Ansteckung hat man damit aber nicht.
Wenn die Infektionszahlen außer Kontrolle geraten – und die Millionen ungeimpfter Österreicherinnen und Österreicher hier ein opulentes Reservoir und gleichzeitig Motor für die Virusausbreitung sind –, dann steht uns im Herbst eine neuerliche Welle mit all ihren negativen Folgen bevor. Auch wenn die vulnerablen Gruppen deutlich besser geschützt sind als vor einem Jahr, die mögliche Überlastung der Intensivstationen betrifft alle Altersgruppen. Schon ab 200 Covid-Patienten auf den Intensivstationen müssen wieder Operationen verschoben werden, sagt die Gesundheit Österreich GmbH. Schon in zwei Wochen werden wir dem Covid-Prognosekonsortium zufolge über 100 Covid-Patienten auf den Intensivstationen haben – doppelt so viel wie heute. Vollständig geimpfte Patienten gibt es auf den Intensivstationen dagegen kaum oder gar nicht.
Wir alle haben es also in der Hand, wie unser Herbst aussieht. Mein Appell ist: Lassen Sie sich impfen – die Impfung ist kostenlos, sicher und sie wirkt. Sie schützen damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Umgebung.

Zur Person

Thomas Szekeres, geboren 1962 in Wien, hat in Wien Medizin studiert und ist Facharzt für klinische Chemie und Labordiagnostik. Seit 2017 ist er Präsident der Österreichischen Ärztekammer.

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Kontra

Auch die Genesenen sind weniger gefährdet, einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden. Leider übersieht der Gesundheitsminister diese Gruppe. Wer 1 G sagt, soll ehrlich sein und gleich eine Impfpflicht verlangen. Gerald Loacker, Gesundheitssprecher der NEOS

Nach 18 Monaten Pandemie sind viele von uns müde, erschöpft und genervt. Wir hätten es alle gerne hinter uns. So wächst die Versuchung, nach scheinbar einfachen Lösungen zu greifen: „Nur noch 1 G“ – und fertig.
Daher noch einmal zurück zur Frage, was eigentlich das Ziel aller Corona-Maßnahmen war und ist: Wir wollen eine Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden. Und dazu müssen wir festhalten, welche Gruppen stark gefährdet und welche kaum gefährdet sind, einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung zu erleiden. Denn nur die Menschen mit schweren Verläufen kommen ins Krankenhaus und brauchen die Kapazitäten, die dem Herzinfarktpatienten, der Krebspatientin oder dem Unfallopfer dann fehlen.
Wenig gefährdet sind jedenfalls geimpfte Personen, das erste G. So viel steht fest.
Beim dritten G, bei den getesteten Personen, sieht das anders aus. Österreich gehört zwar zu den Testweltmeistern, ist deswegen im Pandemieverlauf aber um nichts besser davongekommen als beispielsweise Deutschland, wo viel weniger getestet wird. Auch innerhalb Österreichs hat das Bundesland Wien, das am meisten testet, keinen günstigeren Pandemieverlauf als die anderen Bundesländer. Tests waren zweifelsohne zu einer Zeit, als es noch keinen Impfstoff gab, wichtig. Aber vor einer Ansteckung sind getestete Personen gleich wenig geschützt wie ungetestete.
Der Gesundheitsminister übersieht leider das zweite G, die Genesenen. Denn auch sie sind wenig gefährdet, einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf zu erleiden. Bisher hatten wir in Österreich 670.000 nachgewiesene Infektionsfälle, die Dunkelziffer liegt wohl etwa beim Dreifachen, sodass rund zwei Millionen Menschen in unserem Land die Krankheit hinter sich haben. Die Immunität aufgrund einer Erkrankung hält nach neueren Erkenntnissen rund ein Jahr an.
Leider hat der Gesundheitsminister aber bis heute nicht definiert, welche Antikörpertests zum Nachweis einer überwundenen Erkrankung anerkannt werden. Er erkennt das Potenzial nicht: Diese Leute müssen vorläufig nicht geimpft werden, schon gar nicht doppelt. Daher ist eine engere Regel als 2 G sachlich nicht zu argumentieren. Wer aber die Genesenen vergisst und 1 G sagt, soll bitte ehrlich sein und gleich eine Impfpflicht verlangen.
Das wirkliche Problem dürfte ein viel österreichischeres sein: Egal, ob man 1-G-, 2-G- oder 3-G-Regeln aufstellt – wenn es keiner kontrolliert, ist jede Regel für die Katz.

Zur Person

Gerald Loacker, geboren 1973 in Dornbirn, ist studierter Jurist und Experte für Personal- und Organisationsentwicklung. Seit 2014 sitzt er für die Neos im Nationalrat und ist Gesundheitssprecher der Partei.

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