Frage & Antwort zum EU-BeschlussKann das Comeback der Atomkraft noch verhindert werden?

Es ist offiziell: Die Atomkraft wird in Europa als „saubere“ und „grüne“ Energiequelle klassifiziert – das wirft viele Fragen auf. Eine Einordnung.

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Atomkraftwerk
Ist Kernenergie eine grüne oder umweltschädliche Energiequelle? © (c) APA/dpa/Julian Stratenschulte (Julian Stratenschulte)
 

Warum wird die Atomkraft in Europa aktuell so heftig debattiert?

Hintergrund des europäischen Streits um die Atomenergie ist die Taxonomie-Verordnung der Europäischen Union, die im Zuge des Klimaschutzpakets „Green Deal“ darauf abzielt, Investitionen in eine klimafreundliche und nachhaltige Richtung zu lenken. Dafür legt die Europäische Kommission Kriterien fest, nach denen Technologien als umweltfreundlich gelten und etwa durch die EU gefördert werden können. Dazu gehören beispielsweise Technologien, die den Klimawandel abschwächen oder zur Anpassung beitragen, etwa erneuerbare Energien.

Bisher ging es um die Frage, ob Atomkraft den Nachhaltigkeitskriterien der Taxonomie-Regulierung genügt. Jetzt wurde von der Kommission entschieden: Die Atomkraft soll in Europa als „saubere“ und „grüne“ Energiequelle klassifiziert werden.

Was bedeutet diese Klassifikation genau?

Konkret sieht der Entwurf der EU-Kommission vor, dass Investitionen in neue AKW als grün klassifiziert werden können, wenn die Anlagen neusten technischen Standards entsprechen und wenn ein konkreter Plan für den Betrieb einer Entsorgungsanlage für hoch radioaktive Abfälle ab spätestens 2050 vorgelegt wird. Zudem ist als eine weitere Bedingung vorgesehen, dass die neuen kerntechnischen Anlagen bis 2045 eine Baugenehmigung erhalten.

Wie steht Österreich zur Entscheidung der EU-Kommission?

Für Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) ist der Entwurf der EU-Kommission „nicht akzeptabel“. Für den Fall, dass die Kommission die Pläne tatsächlich so umsetzt, kündigte die Ministerin einmal mehr an, auf Basis eines Rechtsgutachtens „den Klagsweg zu beschreiten“.

Gewessler betonte, dass das Einstufungsschema (Taxonomie) von Energieformen durch Brüssel als Label für Finanzprodukte wie Investmentfonds diene. Der Finanzmarkt spiele eine große Rolle bei der Umleitung von Geldströmen hin zu mit Sicherheit umwelt- und klimaschützenden Technologien. Daher brauche es ein glaubwürdiges Label, auf das sich Anleger verlassen können: „Grün“ dürfe nur auf Finanzprodukten stehen, wo auch Grün drin sei.

Wie ist die Stimmung in anderen Ländern EU-Mitgliedsstaaten?

Um die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen, befürwortet mittlerweile die Mehrheit der EU-Staaten die Einstufung der Atomkraft als CO2-arme, grüne Energie und damit die Förderung moderner Atomkraftwerke in Europa. Als treibende Kraft der Atomkraftbefürworter gilt Frankreich. Das Land deckt 70 Prozent seines Energiebedarfs durch Atomenergie. Klare Anhänger der Kernkraft sind außerdem Österreichs östliche Nachbarstaaten Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Slowenien sowie Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Finnland. Die Staaten argumentieren mit der Notwendigkeit von Atomenergie als leistbare, stabile und unabhängige Energiequelle, die zudem noch CO2-neutral sei.

[15:06] Maria Schaunitzer

Österreich, das seit Jahren als einer der größten Gegner der Kernkraft in Europa gilt, hat in seinem schwierigen Kampf wenig Rückenwind. Viel mehr wächst die Zahl der Länder, die in AKWs die Zukunft sehen. Gegen die Pläne der EU-Kommission eingesetzt haben sich neben Österreich lediglich noch Deutschland, Spanien, Portugal, Dänemark und Luxemburg – ohne Erfolg, wie die in der Silvesternacht bekannt gewordenen Pläne zeigen.

Wo in Europa wird aktuell Atomstrom produziert?

Insgesamt setzten derzeit 14 der 27 EU-Staaten auf Atomkraft. Gemeinsam produzieren die insgesamt rund 110 Reaktoren in Betrieb in der EU 765.337 Gigawattstunden und damit 26 Prozent der gesamten produzierten Elektrizität. Neubauprojekte für Atommeiler gibt es derzeit in Bulgarien, Finnland, Frankreich, Polen, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn. 

... und wo könnten schon bald neue AKWs gebaut werden?

Als 15. Land plant Polen den Einstieg in die Atomkraft bis 2025. Deutschland und Belgien haben an und für sich den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, allerdings wanken die Pläne in Belgien mittlerweile wieder. Politiker im flämischen wie französischsprachigen Teil Belgiens stellen den geplanten Ausstiegstermin infrage und begründen dies mit dem Klimaschutz.

Auch in Italien, das 1987 ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus der Kernkraft ausgestiegen ist, fordern Rechtsparteien einen Wiedereinstieg. Allerdings erteilten die Italiener demselben Ansinnen erst 2011 in einem Referendum eine Absage.

Kann man das europäische Comeback der Atomkraft noch verhindern?

Um das Vorhaben der EU-Kommission noch aufzuhalten, bräuchte es eine qualifizierte Mehrheit von 20 der 27 Mitgliedstaaten, die zudem für 65 Prozent der EU-Einwohner stehen. Diese ist derzeit nicht in Sicht. Auch im EU-Parlament, wo eine einfache Mehrheit für ein Veto reichen würde, ist eine solche nicht absehbar.

 

Kommentare (18)
sepp16
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Auch Österreich nützt Atomstrom

Importiert aus den umliegenden Ländern.

goergXV
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???

"Noch ist vielen nicht klar, was die schöne, grüne Nachhaltigkeit kostet und wer sie am Ende begleichen darf. Für die allermeisten wird die grüne Rechnung unbezahlbar."
Sahra Wagenknecht (ehemalige Fraktionsvorsitzende DER LINKEN in Deutschland und Ehefrau von Oskar Lafontaine)
Sicherlich KEINE, die der Wirtschaft und den Konzernen nahe steht ...

goergXV
2
9
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???

Leonore Gewessler träumt noch vom Weihnachtsmann / Christkind wenn sie glaubt, den stetig steigenden Energiebedarf nur mit erneuerbaren Energien zu bewältigen.
So viel Wasserkraftwerke, Windmühlen und Voltaikanlagen können wir gar nicht schnell genug errichten, um den Bedarf abzudecken.
Ganz zu schweigen von den zahlreichen Umweltorganisationen, die auch den Bau von Anlagen für erneuerbare Energien zu verhindern versuchen.
Und der Import von (Atom)Strom ist sicherlich NICHT die Lösung

rochuskobler
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Stromimportland

Österreich ist sei 20 Jahren ein Nettostromimportland. Wir müssten bis 2030 4 Donaukraftwerks-Äquivalente, 1000 Windräder und ein Vielfaches der derzeit installierten PV bauen, um CO2 frei und autark zu werden. Es leuchtet mittlerweile fast jedem Österreicher ein, dass das bei den Widerständen gegen derartige Projekte, Leitungen inklusive, völlig aussichtslos ist, und wir froh sein müssen, dass wir Atomstrom importieren dürfen, damit es nicht finster wird in Österreich.

pj32
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Pumpspeicher

Ergänzen würde ich auch noch das massive Erfordernis Pumpspeicher für die in der Produktion sehr volatlrn Windkraftwerke und Solarkraftwerke.

VH7F
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Wer kein böses Öl und Kohle mag,

Bekommt Atomkraft.

rochuskobler
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Energieromantiker

haben uns ein nettes Märchen erzählt und wir haben es ihnen bis jetzt auch geglaubt. Jetzt ist allerdings die Märchenstunde zu Ende und es gibt ein schmerzhaftes Erwachen. Das CO2-Problem kriegen wir ohne Atomkraft nicht in den Griff. Das ist Fakt. Die Bedrohungen durch den Klimawandel sind für die Menschheit ungleich bedrohlicher als das Sicherheitsrisiko durch die Atomkraftwerke. Die Entscheidung ist längst gefallen, nur wolle es die Energieromantiker nicht wahrhaben.

tannenbaum
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Wie

lange muß mein Kommentar noch geprüft werden?

anda20
3
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Natürlich könnte es verhindert werden,

aber einfache Menschen beginnend von EU Ursula und CO, die Achse Deutschland/Frankreich haben sich für uns alle für die Schlagzeile Klimaneutralität und die einfachste Lösung der Atomlobby entschieden.

Kollateraralschäden werden dabei in Kauf genommen und bestenfalls an die nächsten Generationen vererbt.

Reipsi
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Das Foto

ist gut, glüht e schon alles , da hilft ka Maskn.

HexeLeni
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Einfache Rechnung

Die Energie, die jetzt mittels Kraftstoff jährlich in Österreich "verfahren" wird muss durch Strom ersetzt werden. Und dass ist sehr viel Strom der da benötigt wird!

1804591reit
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15%

In Österreich wären es 15% Mehrbedarf an elektrischem Energiebedarf. Also bei ein wenig politischem Willen ohne Weiteres machbar.

rero03806
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in Deutschland wären es , ca 25% Mehr wenn wirklich alle Autos mit Strom fahren würden. Die Hälfte davon wird jetzt schon als Überschuss an Strom exportiert. Also so eine unüberwindbare Herausforderung wie immer alle behaupten ist das definitiv nicht.

tannenbaum
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Wenn

alle mehr oder weniger gezwungen werden, auf E-Autos und Wärme-Pumpe Heizung umzusteigen, wird wohl kein Weg an der Atomkraft vorbeiführen!

AlbertP
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An der Atomkraft führt kein Weg vorbei.

Was die Umstellung von Benzin Autos auf Elektroautos an Stromenergie kosten wird, weiß ich nicht. Aber alleine die Umstellung in der Stahlindustrie auf grünen Stahl bedarf einer Verfünffachung des heutigen Strombedarfs zur Herstellung von Stahl und eine Vervielfachung des Stahlpreises. Ich frage mich, wer das bezahlen will. Gute Nacht Europa!

ib9871
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Atomautos, Atomfahrräder,… gratuliere👍👍

Nur weiter so…

Popelpeter
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Ja der grüne Strom

reicht eben für eine grüne Umwelt nicht aus!!! War aber auch vorhersehbar😉!

lucie24
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Juhuui

Es lebe die E-Mobilität! Wusste immer schon, dass das ganz was tolles ist!