Wohlstand sichern durch Circular Engineering
Europa ist massiv von Rohstoffimporten abhängig, was immer mehr zum wirtschaftlichen Risiko wird. Kreislaufwirtschaft ist ein Weg, Abhängigkeiten zu minimieren und Chancen zu erhöhen.

Was gestern als Just-in-time-Lieferung Effizienzturbo war, wird heute zum Versorgungsproblem. Die Business Stage im Styria Media Center in Kooperation mit Montanuniversität Leoben, Mayer Recycling und Siemens unter dem Namen „Circular Engineering – Rohstoffunabhängigkeit statt Lieferketten-Krise“ befasste sich mit dieser Thematik.
Das Prinzip ist einfach: Je teurer die Rohstoffe, desto unleistbarer unser Leben. Roland Pomberger, Leiter des Lehrstuhls für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft der Montanuniversität Leoben, brachte in seinem Vortrag ein praktisches Beispiel, warum Sekundärrohstoffe im Wirtschaftssystem einen schweren Stand haben. „Unser Erzberg liefert insgesamt pro Jahr etwa zwölf Millionen Tonnen Erz und Gestein. Für dessen Transport aus dieser einen Quelle brauchen wir zwölf schwere Lkw. Zum Vergleich: der gesamte kommunale Siedlungsabfall in Österreich bringt es auf etwa 4,5 Millionen Tonnen, der aber von etwa 2000 Sammelfahrzeugen aus mehr als vier Millionen Quellen, also den Abfallbehältern, gesammelt werden muss.“ Sekundärrohstoffe zu gewinnen ist also viel aufwendiger. Pomberger lässt deshalb die Recycling-Kirche im Rohstoff-Dorf und betont, dass stoffliche Wiederverwertung den Bergbau nicht ersetzen kann. Es kann aber Zuwächse im Rohstoffverbrauch abfedern und Versorgungskrisen bei Lieferkettenstörungen überbrücken helfen.
„Der Großteil der Rohstoffe kommt in Produkten zu uns, also ist es sinnvoll, die Rohstoffe zu nutzen, die sowieso schon hier sind“, umreißt Pomberger das Wesen der Kreislaufwirtschaft. „Es gilt, möglichst viel Material so lange wie möglich im Kreislauf zu halten.“ Genau damit befasst sich das Circular Engineering, dem sich die Montanuniversität Leoben unter anderem verschreibt. Es geht im Kreislaufingenieurwesen darum, Wertschöpfungsketten zu optimieren und das Gestalten dieser vom Produkt her, zum Beispiel dessen Recyclingfähigkeit schon beim Design zu berücksichtigen.
Abhängigkeiten reduzieren
Klingt kompliziert, ist aber in Zukunft wohl alternativlos, wie in der darauf folgenden Podiumsdiskussion klar wird. „Wenn wir die Stoffströme nicht beherrschen, haben nicht nur Abhängigkeiten beim Material, sondern auch strategische und politische“, warnt Helmut Andrekowitsch, Vizerektor für Forschung und Nachhaltigkeit der Montanuniversität Leoben. „Wenn China die Ausfuhr Seltener Erden stoppt, steht bei uns alles.“ Andrekowitsch warnt vor unabsehbaren Folgen für die heimische Industrie und verweist in diesem Zusammenhang auf die Produktion von Magnesium, bei der Europa bis Anfang der 2000er-Jahre führend war und den Umsatzhebel, den die Rohstoffwirtschaft ermöglicht. „2005 schloss die letzte Magnesium-Hütte in Europa. Wir importieren heute Magnesium für etwa vier Millionen Euro, erwirtschaften damit einen Umsatz von zwei Milliarden und diese Erzeugnisse werden in Endprodukte im Wert von rund 60 Milliarden Euro verbaut.“ Und weil diese Produkte zu einem Gutteil wieder zu uns zurück kommen, schließt sich hier der Kreis.

Wir müssen Materialien zurückbekommen und die Kreisläufe schließen.
— Helmut Andrekowitsch, Vizerektor Montanuniversität Leoben
Es geht darum, diese verbauten Sekundärrohstoffe effizient und in ausreichender Menge zurückzugewinnen. Genau hier kommt die Montanuniversität mit ihren Partnern ins Spiel. Was an der Universität ertüftelt wird, muss sich in der Praxis bewähren, zum Beispiel im Unternehmen von Andreas Säumel. Sein Familienbetrieb Mayer Recycling in St. Michael ist seit Jahrzehnten Innovator in der Abfallwirtschaft und eine Art Praxislabor für neue Verfahren aus der Montanuni. „Wir erproben und verwenden viele heimische Innovationen, zum Beispiel in der Zerkleinerungstechnik, in der Röntgenfluoreszenz oder der Sensorik. Die Anforderungen an die Sekundärrohstoffe steigen ständig und so ist jede Technologie ein weiterer Schritt in diese Richtung. Wir müssen diese Rohstoffe so hinbekommen, dass sie für die Industrie einsetzbar sind“, so Säumel.

Kreislaufwirtschaft schafft heimische Wertschöpfung und Arbeitsplätze.
— Andreas Säumel, Geschäftsführer Mayer Recycling GmbH
International skalieren
Nur, weil etwas technisch machbar ist, muss es noch lange nicht wirtschaftlich sein. Darum kümmert sich Barbara Mayer. Sie ist bei Siemens in Graz für Forschung und Entwicklung mit Schwerpunkt Sustainability, also Nachhaltigkeit, zuständig.

Nachhaltige Wertschöpfungsketten brauchen starke Partnerschaften und skalierbare Technologien.
— Barbara Mayer, R&D Siemens Graz
„Wir müssen über die gesamte Wertschöpfungskette verstehen, was Bedarfe und Strategien weltweit sind. Dazu brauchen wir große Produktionsmengen, die möglichst automatisiert hergestellt werden. Hier müssen wir volkswirtschaftlich und international denken“, umreißt sie die Herausforderungen, denen sich ihr Unternehmen stellt. Dabei sollen KI und Automatisierung eine wesentliche Rolle spielen. „Dafür muss es weltweite Standards im Bereich KI, Automatisierung und Digitalisierung geben. Diese werden wir brauchen, um unsere Lösungen dann skalieren und weltweit transferieren zu können.“
In der Kreislaufwirtschaft sehen alle Teilnehmenden eine große Chance. Gerade in der Steiermark gibt es eine Reihe von Unternehmen, die hier in der Weltspitze mitmischen. Damit auch in Zukunft die Industrie auf heimische Spitzenkräfte zurückgreifen kann, wird in der Montanuniversität die Praxisausbildung großgeschrieben, auch schon am Anfang des Studiums. „In Projekten mit Industriepartnern wie Siemens zu arbeiten – spannender kann man fast nicht studieren“, so Roland Pomberger. „Und Geld bekommt man auch noch dafür.“

Der Umweltnutzen muss zukünftig in Produkten mit eingerechnet werden.
— Roland Pomberger, Leiter Abfallwirtschaft Montanuniversität Leoben
Die Bilder der Business Stage zum Durchklicken:







