Aufrüstung mit Platzmangel auf dem Kasernengelände

Die tägliche Morgenpost aus der Redaktion. Heute: Wie Österreichs Bundesheer aufrüstet und warum eine Großkaserne jetzt sogar zu klein werden könnte.
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Der Wind hat sich gedreht. Frieden sei in einem gewandelten Europa keine Selbstverständlichkeit mehr, war am Nationalfeiertag eine der wesentlichen Botschaften von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) bei der Angelobung von 1000 Rekruten auf dem Wiener Heldenplatz. Hatte die Leistungsschau des Bundesheeres noch vor zehn Jahren eher anachronistischen Charakter, wird in den Reden jetzt betont, wie wichtig ein starkes Heer und ein aktiver Beitrag zur Landesverteidigung seien. Soldaten würden im Ernstfall „nicht gegen etwas, sondern für unsere Werte eintreten“, betonte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP), die erneut eine Steigerung des Verteidigungsbudgets auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2032 einforderte.
Die vielen Milliarden, die seit wenigen Jahren in Maschinen, Geräte, Waffen und Infrastruktur beim Bundesheer fließen, bezeichnete etwa der Kärntner Militärkommandant Philipp Eder schon vor zwei Jahren im Interview mit der Kleinen Zeitung als „Nachrüstung – wir holen Investitionen der letzten 25 Jahre nach“. Jetzt mache man „Quantensprünge, etwa im Bereich der Digitalisierung oder Cyberwarfare“, betonte Eder. Ein Quantensprung in seinem Kommandobereich wird die im Bau befindliche Großkaserne in Villach sein, in der ab 2028 mehr als 1000 Soldaten Platz finden sollen. Sie verteilen sich bislang auf drei Kasernen in Villach (Henselkaserne, Rohrkaserne, Lutschounig-Kaserne), die stark sanierungsbedürftig waren bzw. sind und in die schon ein Jahrzehnt lang gar nicht mehr investiert wurde.
Als Vorzeigebeispiel für exakte Kostenplanung geht die neue Kaserne, die mehrfach angekündigt, aber immer wieder nach hinten verschoben wurde, jedenfalls nicht durch – vor drei Jahren wurde bekannt, dass das Projekt nicht wie ursprünglich geplant 170 Millionen, sondern 370 (!) Millionen Euro kosten wird. Die hohe Inflation der vergangenen Jahre ist nur ein Grund für die enorme Kostensteigerung. Das stark erhöhte Militärbudget sorgte dafür, dass das Projekt adaptiert und vergrößert werden konnte. Einige, ursprünglich aufgeschobene Teile werden vorgezogen. So sollen eine Brückenlegegrube, also eine Trainingsanlage für das Bauen von Brücken, eine Minensuchhalle und ein Faltstraßenübungsplatz errichtet werden. Allein die zusätzlichen Maßnahmen wurden vom Ministerium mit rund 75 Millionen Euro beziffert. Zudem wird im Sinne einer „Sicherheitsinsel“ deutlich „mehr Augenmerk auf Autarkie und Nachhaltigkeit gelegt“, wie Eder sagt. Im Krisenfall soll die Kaserne zwei Wochen lang völlig autark funktionieren.
Nach dem Spatenstich im Herbst 2023 wird seit Frühjahr 2025 im Stadtteil Obere Fellach tatsächlich gebaut, die Arbeiten gehen zügig voran und man sei dem Zeitplan sogar etwas voraus, ist zu hören. Im Mai dieses Jahres wurde die Dachgleiche gefeiert, 2028 sollen die Neubauten fertiggestellt sein – das Jahr, in dem dann auch die ersten Soldaten übersiedeln sollen. 2030 soll dann das gesamte Projekt, das als modernste Kaserne Europas und eines der größten Militärprojekte der Zweiten Republik bezeichnet wird, abgeschlossen sein. Die Investitionsoffensive sorgt jetzt dafür, dass die neue Großkaserne trotz Adaptierungen für gewisse Bereiche zu klein ausfallen könnte, erzählen Villacher Berufssoldaten. Eine Kompanie könnte vorerst sogar in ihrer bisherigen Kaserne bleiben, sagen sie. Auch für all die Geräte, über die man durch die Aufrüstung der letzten Jahre zusätzlich verfügt, werde der Platz nicht reichen. Ob man das Gelände des in der Nähe gelegenen Logistikzentrums der Supermarktkette Hofer, das am Jahresende geschlossen wird, übernehmen und zum Bundesheer-Lager umfunktionieren wird, ist offen, erscheint aber eher unrealistisch. Es wäre jedenfalls paradox, sollte ausgerechnet eine Großkaserne plötzlich zu klein sein.
Einen diskussionsfreudigen Dienstag wünscht
Wolfgang Fercher