Serbien und Brasilien zeigen: Demokratie lebt!
In Serbien gelingt der basisdemokratischen Studentenliste ein historischer Triumph bei Rekordwahlbeteiligung, in Brasilien entscheidet sich das Volk gegen eine Fortsetzung des Systems Bolsonaro: ein Festtag für die Demokratie.
Die Macht der oft verschrieenen und verachteten Demokratie, die man gerade in einer zerrütteten Welt niemals unterschätzen sollte: Vielerorts finden dieser Tage richtungsweisende Wahlen statt – und in Serbien zeigte der Wähler eindrucksvoll, was seine Stimme und ziviler Protest vermögen:
Die seit Jahren vehement gegen ein verkommenes System auftretende „Studentenliste – Studenten siegen“ beförderte Amtsinhaber Aleksandar Vučić ins politische Ausgedinge, der langjährige nationalistische Machthaber räumte bereits seine Niederlage ein.
Absolute Mehrheit scheint fix
Eine absolute Mehrheit von 52 Prozent scheint der streng basisdemokratischen Bewegung schon relativ sicher, der zivile Protest gegen ein System der Korruption und Pfründe trug Früchte: Die Rekordwahlbeteiligung, von vermutlich über 70 Prozent, der höchsten seit dem der Implosion Jugoslawiens im Jahr 1992, ist zweifellos ein Energietonikum für die Demokratie. Umso wichtiger scheint der Wählerentscheid dieser Tage in einem Europa, in dem sich in mehreren Ländern blanke, womöglich koordinierte Wut in Gewalt auf den Straßen entlädt.
Tragödie als Ausgangspunkt
Was nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in der Stadt Novi Sad mit 16 Todesopfern im Jahr 2024 seinen Ausgang nahm, wurde zum mächtigen Ventil einer frustrierten Bevölkerung: Wie die Studentenliste, die de facto nicht aus Studierenden, sondern vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärztinnen und Ärzten (Spitzenkandidat der Studentenliste ist der Kardiologe Ilija Srdanović aus Novi Sad) sowie Künstlerinnen und Künstlern besteht, nun mit der enormen Machtfülle umgeht und sich aufstellt: noch offen. Ein Beispiel wie dieses wird man im zunehmend volatilen Europa vergeblich suchen, doch es sollte Mut machen.

Brüssel, das sich zuletzt entsetzt über das feierliche Begräbnis für den in Haft gestorbenen bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Ratko Mladić zeigte, wird den Wahlausgang mit großem Interesse zur Kenntnis nehmen. Ob und inwieweit sich der Weg in die Europäische Union nun (wieder) ebnen könnte, bleibt indes abzuwarten. Klar ist auch: Trotz überwältigenden Votums ist ganz Serbien nicht mit der Studentenliste gleichzusetzen.
Brasilien will nicht mehr zurück
Bemerkenswert auch der Wahlausgang im knapp 10.000 Kilometer entfernten Brasilien: Lula da Silva gelang sein vierter Wahlsieg in einem siebenten Präsidentschaftswahlkampf: Das Volk entschied sich in der Stichwahl mehrheitlich für den Gemäßigten und gegen Flávio Bolsonaro, den Sohn von Jair Bolsonaro, dem rechtspopulistischen Ex-Präsidenten, der wegen eines versuchten Staatsstreichs rechtskräftig zu einer Haftstrafe von 27 Jahren und drei Monaten verurteilt worden war. Bolsonaro junior wird indes seinem Ruf und dem seines Vaters prompt gerecht und will das Wahlergebnis nicht anerkennen.