Post aus Grado: Rückzugsort für Liebespaare zerstört

Autor Stefan Maiwald lebt seit vielen Jahren in Italien. Für die Kleine Zeitung schreibt er regelmäßig über den Alltag in Grado.
Es gibt einfach keine Romantik mehr auf dieser Welt. Denn der kleine Park in der Viale Kennedy war für Generationen von Liebespaaren ein wichtiger Rückzugsort. Die Bäume und Hecken gegenüber der Pizzeria Delfino Blu schützten vor den neugierigen Nonnas, die rund um die Piazza auf ihren Fensterbänken lehnten und mit Adleraugen die Umgebung überwachten.
Jede Art von Rendezvous ist für Italienerinnen und Italiener schwierig, denn die meisten von ihnen wohnen ja noch bis weit in ihre Zwanziger daheim. Und die Wohnungen sind auch nicht sehr groß, die Eltern wachen nebenan. Da bleibt nur ein Treffen an der frischen Luft. Gut, dass in Italien das Wetter meistens mitspielt.
Zurechtgestutzt

Nun wurde der Park in der Città Giardino verschönert. Bäume und Pflanzen wurden gestutzt, Wege barrierefrei asphaltiert, Spielgeräte für die Kleinsten aufgestellt. Bloß wurden auch viele Laternen installiert, dabei braucht die Liebe doch das Dämmerlicht und den Blick zu den Sternen. Noch fataler: Man stutzte Bäume und vor allem Büsche so erbarmungslos zurecht, dass nun mindestens eine Generation ohne romantischen Treffpunkt auskommen muss.
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Und dabei hat doch Italien sowieso schon ein Nachwuchsproblem: In keinem europäischen Land ist die Geburtenrate niedriger, und die Schulen in Grado bekommen, wie schon mehrfach berichtet, kaum noch Klassen zusammen. Grado verliert Einwohner; Banken, Postämter, Apotheken und Arztpraxen schließen. In den Hotels und Restaurants fehlen die Mitarbeiter nicht nur, weil niemand mehr im anstrengenden Gastgewerbe arbeiten will, sondern weil so viele geburtenschwache Jahrgänge nachrücken – die fleißigen Hände fehlen schlicht.
Herzlos
Der neu und herzlos gestaltete Park in der Città Giardino trägt seinen kleinen Teil zu all dem bei. Der einzige Sichtschutz, der den Liebespaaren noch bleibt, sind die gewaltigen Mülltonnen auf der Stirnseite. Aber wie soll im Schutz und Schatten der bunten Behälter so etwas wie Romantik aufkommen?
Buch und Podcast
Stefan Maiwalds aktuelles Buch heißt „Espresso unter Sternen – eine Reise in Sachen Glück“. Seinen Podcast „Radio Adria“ hören Sie hier.