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Wie aus den Schülerprotesten in Frankreich eine landesweite Wutwelle wurde

Seit Wochen erlebt Frankreich eine massive Protestwelle, die am Samstag ihren Höhepunkt erlebte. Schwere Ausschreitungen haben die Demonstrationen gegen gestiegene Lebenshaltungskosten überschattet. Der Zorn der Menschen richtet sich gegen Ungleichheiten.

© AFP/Jeff Pachoud
Ein Demonstrant inmitten von Tränengas: In der französischen Stadt Lyon protestierten am Samstag Tausende Menschen gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Die Demonstrationen waren Teil landesweiter Proteste.
Martina Meister
Korrespondentin in Paris

Wie am Samstag Oberschüler und Gelbwesten gemeinsam von der Pariser Oper zur Bastille zogen, dann war das mehr als ein Déjà-vu. Die Gilets Jaunes, die ab November 2018 fast ein Jahr lang jeden Samstag das Land blockierten, kündigten ihr Comeback an und protestierten diesmal gegen Spritpreise von weit über zwei Euro pro Liter. An den Protesten nahmen landesweit nach Regierungsangaben rund 550.000 Menschen teil, die Organisatoren sprachen von rund 800.000 Demonstranten. Städte wie Paris, Lyon und Marseille versanken in Chaos und Gewalt. Nach Angaben der Regierung wurden 1.200 Menschen festgenommen und 150 Polizisten verletzt, in der zentralfranzösischen Stadt Limoges wurde das mehr als 140 Jahre alte Rathaus in Brand gesetzt. Premierminister Sébastien Lecornu sprach von „Gewalt von einer extremen Intensität“.

Schon seit Mitte September demonstrieren Schüler in Frankreich. Begonnen hatte alles Mitte September mit der Blockade des Lycée Saint-Exupéry im Pariser Vorort Créteil. Fünf nationale Aktionstage später ist daraus eine landesweite Bewegung geworden. Die Liste der Beschwerden der Gymnasiasten ist lang: Klassen mit 30 oder 35 Schülern, Lehrer, die wochenlang fehlen und nicht ersetzt werden, marode Gebäude. Zum Schuljahresbeginn wurden mehr als 4000 Lehrerstellen gestrichen. Der Sparhaushalt, den Premier Sébastien Lecornu vorgelegt hat, verspricht alles andere als Besserung. Nachdem die Proteste schon drei Wochen getobt hatten, versprach Bildungsminister Édouard Geffray 3000 Vertretungslehrer. Aber das löst die grundsätzlichen Probleme nicht. Die Wut der Schüler vereinte sich am Samstag mit der Wut vieler Erwachsener über gestiegene Lebenshaltungskosten. Die Gelbwestenbewegung hatte bereits 2018 mit Protesten gegen die Erhöhung der Kraftstoffsteuern landesweite Massendemonstrationen ausgelöst. Die Proteste ereignen sich rund ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich, bei der Macron nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten kann. In Umfragen vorne liegen derzeit die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. Nun gibt es eine Plattform für Wut jeglciher Art.

© AFP/Thibaud Moritz
In Frankreich fanden am Samstag zahlreiche Kundgebungen beim landesweiten Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände an Schulen statt.

Von Gewalt überschattet

Überschattet wird die Bewegung zunehmend von Gewalt. In der südwestlich von Lyon gelegenen Stadt Saint-Etienne verlor erneut ein junger Demonstrant – ein 17-Jähriger – durch eine Polizeigranate seine Hand. Zuvor verlor ein Schüler in Tours ein Auge, ein anderer in Lens durch eine Polizeigranate ebenfalls eine Hand. Gegen einen Polizisten wird wegen schwerer Körperverletzung ermittelt. Aber auch die Bilder von Jugendlichen, die Lehrer und Rektoren angreifen, sind erschütternd.

Warum begehrt Frankreich auf?

Warum skandieren Schüler im italienischen Turin „facciamo come in Francia“, machen wir es wie in Frankreich? Warum rumort es auch in Deutschland, Belgien, Irland, Griechenland und vor allem in Spanien?Auch in anderen europäischen Ländern kam es am Samstag zu Protesten. In Belgien, Portugal und Italien gingen Menschen wegen steigender Lebenshaltungskosten auf die Straße.

Man kann die französischen Schülerproteste als Initiationsritus einer Gesellschaft abtun, die ein beängstigend entspanntes Verhältnis zur Gewalt hat. Doch die Wut der jungen Franzosen sollte besser als Brennglas dienen, unter dem sich eine Krise offenbart, die bei Weitem nicht nur Frankreich betrifft. Und nicht nur die Jugend.

Klimawandel, Staatsschulden, Verarmung der Jugend, die während des Studiums arbeiten muss, 80 Prozent einer Alterskohorte, die man zur Matura geführt hat, ohne dass sich der Arbeitsmarkt angepasst hätte. Hinzu kommt die rasante Revolution durch die künstliche Intelligenz. Gelingt es jungen Menschen, einen unbefristeten Arbeitsplatz zu finden, können sie sich die Mieten trotzdem nicht leisten.

© AFP/Guillaume Saligot
Die Gelbwesten in Frankreich sind zurück

Erfolg hängt vom Elternhaus ab

In Frankreich ist diese Erfahrung besonders bitter. Frankreich hat seinen Schülern ein Gleichheitsversprechen gegeben, das es nicht gehalten hat. Internationale Vergleichsdaten geben den Schülern recht. Seit gut zwei Jahrzehnten gehört Frankreich zu den Ländern, in denen der Schulerfolg am stärksten vom Elternhaus abhängt. Das Aufstiegsversprechen hat sich als ein leeres erwiesen.

Verschärft wird die Lage durch ein Schulsystem mit zwei Säulen. Gut jeder sechste Schüler in Frankreich besucht eine Privatschule „sous contrat“, meist katholisch. Der Staat bezahlt die Lehrer, rund drei Viertel der Kosten tragen öffentliche Kassen. Doch sie suchen sich ihre Schüler selbst aus. Seit das Bildungsministerium den Sozialindex der Schulen veröffentlicht, ist die Segregation messbar: Von den 200 sozial am besten gestellten Mittelschulen, Collèges, sind drei Viertel privat, von den 200 am schlechtesten gestellten fast alle öffentlich. Als 2024 bekannt wurde, dass die damalige Bildungsministerin Amélie Oudéa-Castéra ihre Kinder auf das Pariser Elitegymnasium Stanislas schickte, wurde der Fall zum Symbol eines Bürgertums, das sich der öffentlichen Schule entzieht. Gepredigt wird Gleichheit. Gelebt wird soziale Abgrenzung.

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Die Schüler in Frankreich fordern bei ihren seit Mitte September andauernden Protesten mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. 
Die Schüler in Frankreich fordern bei ihren seit Mitte September andauernden Protesten mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung.  © AFP/Sylvain Thomas

Grandes Écoles: Dort entscheidet die Herkunft

An der Spitze der Pyramide thronen die Grandes Écoles. Wer an die Polytechnique oder die École normale supérieure will, durchläuft meist die Vorbereitungsklassen Pariser Traditionsgymnasien wie Henri-IV oder Louis-le-Grand. Formal entscheidet der Concours, faktisch die Herkunft.

„Es war wie ein toter Winkel, wir wollten die Probleme der jungen Menschen nicht sehen“, sagt der Meinungsforscher Jérôme Fourquet vom Institut Ifop. Die Regierung setzt nun auf die Ferien und hofft, dass sich der Protest bis November totläuft. Kein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl könnte sich das als ein falsches Kalkül erweisen.