Kages-Chef Schaflinger: „Dann stehe ich auf und gehe“
Erich Schaflinger steuert als neuer Kages-Chef die Landesspitäler: Wo er sparen wird, welche Veränderungen er plant, was längere Dienstzeiten bringen und wie er die Rolle der Politik sieht.

Ihr Vorgänger als Kages-Chef, Gerhard Stark, hat in seinem Abschiedsinterview gesagt: Für stabile Zeiten sei er weniger geeignet. Sind es stabile Zeiten im Gesundheitswesen, die auf Sie in den kommenden fünf Jahren zukommen?
ERICH SCHAFLINGER: Ich glaube, er hat sich auf die Corona-Pandemie bezogen. Die Zeiten damals waren besondere, aber es ist so, dass die Zeiten auch jetzt nicht stabil sind im Gesundheitssystem. Aber das ist kein Geheimnis, das ich da verrate: Es wird turbulent weitergehen, es wird viel zu tun sein.
Wenn Sie sagen, es wird turbulent: Was sind die zwei wichtigsten Themen, bei denen sie rasch handeln und eingreifen müssen?
Ein erstes Anliegen ist das Projekt LKH 2040, dieses wird gerade evaluiert und die Budgetverhandlungen mit Land und Bund laufen. Und das Zweite ist, den Regionalen Strukturplan RSG nachzuschärfen.
Sie sprechen den RSG und die Planung an: Beginnen wir beim LKH Rottenmann, das um 150 Millionen Euro ausgebaut werden soll. Die Planung mit 148 Betten scheint übertrieben, die maximale Auslastung liegt aktuell bei etwa 105 besetzten Betten – muss man die Planung ändern? Wie schaut das Baugutachten aus, wichtige Details sollen nicht mehr abrufbar sein. Muss man den RSG auch hier neu aufsetzen?
Es ist auf alle Fälle wichtig Rottenmann zu modernisieren. Und zu adaptieren. Die demographische Entwicklung ist ein Thema. Bei den Baukosten sind noch nicht alle Details am Tisch.

In der Medizin und in der Struktur ist aufgrund des laufenden Fortschritts nichts in Stein gemeißelt. Das wird die Herausforderung sein.
— Erich Schaflinger, Kages-Chef
Es gibt noch Ungewissheiten, was die Bausubstanz in Rottenmann betrifft, und es wurde laut einem alten Gutachten infrage gestellt, ob das LKH Rottenmann überhaupt für so ein Projekt geeignet sei.
Die neueste Expertise sagt: Wir können etwas tun. Was die Bettenreduktion betrifft: Wir haben laufend Sitzungen in den Gremien, die für den RSG verantwortlich zeichnen. Die Frage, die wir uns stellen: Müssen wir beim Regionalen Strukturplan etwas ändern? Rottenmann ist eine sensible Geschichte, da hängt mehr dran, von den Kooperationen bis zur weiteren Bespielung von Bad Aussee. Wir werden es so umsetzen, dass es medizinisch und wirtschaftlich mit gutem Gewissen vertretbar ist.
Das bedeutet, es ist nicht in Stein gemeißelt, dass man bei 148 Betten in Rottenmann bleibt.
In der Medizin und in der Struktur ist aufgrund des laufenden Fortschritts nichts in Stein gemeißelt. Das wird die Herausforderung sein. Mein Zugang ist eine ehrliche Kommunikation: Was müssen wir tun, damit wir die Bevölkerung bestmöglich versorgen? Und wie setzen wir die Ressourcen und das Geld effizient ein? Wenn wir das nicht machen, dann wird es einen Crash geben. Ein Crash soll unsere Versorgung aber nicht diktieren, deshalb müssen wir vorausschauend agieren und das tun wir auch.
Wie weit wird man vor diesem Hintergrund den Regionalen Strukturplan für eine bessere Versorgung weiter verändern?
Wir starten mit der Umsetzung des bestehenden RSG-2030 – laufende Evaluierungen müssen möglich sein.
Die Uniklinik ist der Letztversorger in der Steiermark, mit einer hochspezialisierten Medizin. Wenn wir dort oder in der Kages einsparen und Strukturen ändern, dann würde ich das in Richtung jener Bereiche steuern, die nicht patientennah sind – also Verwaltung oder Wirtschaft.
— Erich Schaflinger, Kages-Chef
Derzeit sorgt eine Kages-Untersuchung für Unruhe unter den Ärzten, vor allem am Universitätsklinikum in Graz sollen an zentralen Stellen Ärzte-Dienstposten eingespart werden. Man regt sich über den Vergleich mit peripheren Krankenhäusern auf. Kann man das Leistungsportfolio noch aufrechterhalten, wenn man hier Ärzte abbaut?
Unser Ziel ist es, dass jede Krankenanstalt für ihre Aufgaben und ihr Leistungsangebot entsprechend mit Personal ausgestattet ist. Die Uniklinik ist der Letztversorger in der Steiermark, mit einer hochspezialisierten Medizin. Wenn wir dort oder in der Kages einsparen und Strukturen ändern, dann würde ich das in Richtung jener Bereiche steuern, die nicht patientennah sind – also Verwaltung oder Wirtschaft. An der Klinik werden sich einige Bereiche verschieben, etwa auf der Internen Abteilung, da wird gerade evaluiert – die Ergebnisse habe ich noch nicht. Aber klar ist auch: Wir stehen zur Universitätsklinik und als Zentrum, der Patient soll bestmöglich versorgt werden.
Das heißt: Das Leistungsportfolio der Uniklinik wird nicht angegriffen?
Wir greifen das Portfolio, so wie es jetzt ist, nicht an. Auch wenn Strukturen, wie an der Chirurgie, mit einem Kopf- oder Halszentrum, verändert werden. Aber das Portfolio bleibt. Selbst, wenn wir Strukturen anpassen müssen.
Das größte Problem für das wichtigste Spital der Steiermark ist die finanzielle Zusammenarbeit mit der MedUni Graz: Der Klinische Mehraufwand, den die Klinik von der MedUni erhält, wurde seit Jahren nicht valorisiert. Es gibt heute ein finanzielles Loch von 25 Millionen Euro. Und das Land muss Ärzte, die die MedUni aus den Bundesmitteln nicht mehr finanzieren kann, aus dem Landesbudget ersetzen. Wie werden Sie damit als neuer Kages-Chef umgehen?
Hierzu braucht es intensive Gespräche mit der Meduni-Rektorin, da weniger Geld vom Finanz- und Wirtschaftsministerium kommen wird. Es kann nur funktionieren, wenn wir uns zusammensetzen und gemeinsam eine Lösung finden. Es kann nicht sein, dass die Kages immer finanziell und mit Ärzten nachlegt.
Mit den Ministerien in Wien gibt es eine Reihe von Baustellen. Vom LKH-2040-Projekt angefangen, wo Wien die Gelder, die man versprochen hatte, dramatisch eingekürzt hat. Es scheint den Steirern im Gegensatz zu anderen Bundesländern an Durchschlagskraft in Wien zu fehlen.
Die budgetäre Situation in Bund und Land ist uns bekannt und betrifft viele Bereiche. Es gibt kein Geld, das betrifft ja nicht nur die Gesundheit, aber wir müssen verhandeln. Ein wesentlicher Punkt beim Bund ist ja: Wo ist noch Spielraum? Bei welcher Schmerzgrenze kommen wir ins Reden?
Ich greife überall hin. Es geht nicht anders. Mein Zugang ist einfach, ich schaue auf alle Bereiche, das betrifft das Klinikum genauso wie die Peripherie.
— Erich Schaflinger, Kages-Chef
Die Kages muss sparen, die Personalanspannung liegt bei einem Prozent. Wo kann man Personal einsparen, ohne dass die Versorgung geschwächt/reduziert wird. Oder muss man die Versorgung eindämpfen? Werden Sie auch die Kages-Zentrale selbst angreifen?
Ich greife überall hin. Es geht nicht anders. Mein Zugang ist einfach, ich schaue auf alle Bereiche, das betrifft das Klinikum genauso wie die Peripherie. Bei einem Prozent reden wir von 25 Millionen Euro bei einem Personalbudget von 1,7 Milliarden Euro. Bei der Patientenversorgung sparen wir nicht. Wir werden den RSG nachschärfen, wir müssen die Fallzahlen halten und steigern – die Qualität wollen wir durch laufende Ausbildungsprogramme für Ärzte und Pflege gewährleisten. Bei der Quantität muss ich ehrlich sagen: Wir werden sehen, was mit der Politik umsetzbar ist, wir sind eine 100-Prozent-Tochter des Landes. Unser Ziel ist es, alle Regionen mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen bestmöglich zu versorgen. Ob alle aktuellen Strukturen auch in Zukunft so beibehalten werden, kann ich heute nicht sagen.
Viele fürchten sich vor Sparprogrammen, Mitarbeiter genauso wie Patientinnen und Patienten. Ist die geplante Reduktion bei dem Anästhesiepflegepersonal eine Folge davon? Anästhesisten sagen, dadurch würden sich die Wartezeiten bei Patienten verlängern, weil es kein Sicherheitsnetz während Operationen gebe.
Das ist so nicht korrekt. Da geht es nicht um das Einsparen. Wir wollen einfach alle OP-Kapazitäten bespielen, und da sind wir abhängig von der Pflege, und die Kapazitäten haben wir in der Anästhesiepflege derzeit so nicht. Wir sehen in Ländern, dass auch andere Aufteilungsschlüssel durchaus möglich sind. Das würde dann so aussehen: Ich habe für vier OP-Tische dann drei statt vier Anästhesiepflegekräfte. Das ist kein Problem. Wenn ich große OP-Trakte habe, dann liegen die Säle nebeneinander. Differenziert zu betrachten ist es, wenn die OP-Säle weiter auseinanderliegen. Es gibt einfach nicht so viele Pflegekräfte, damit ich alles gleichzeitig bespielen kann, und das macht auch im internationalen Vergleich keinen Sinn. Fachlich fundierte diesbezügliche Ansätze haben wir von der Rektorin der Med Uni Graz, Andrea Kurz, erfahren, die als Anästhesistin international in mehreren Staaten als fachliche Leiterin verantwortlich gezeichnet hat.
Muss man die OP-Säle nicht sowieso länger bespielen?
Das muss die Zukunft sein.
So könnte man Wartezeiten abbauen, aber das erfordert längere Dienstzeiten – und dafür ist das Geld nicht da.
Es geht nicht nur ums Geld, es geht auch um die Struktur. Mit flexibleren Dienstmodellen zum Beispiel, wenn ich die Diensträder länger auslege. Eine Möglichkeit wäre 10- oder 12-Stunden-Tage einzuführen – und dafür nur vier Tage zu arbeiten. So vermeidet man Leerläufe.
Ich bin daran interessiert, dass wir miteinander kommunizieren. Ich will auch nichts zudecken. Aber ich möchte einen sachlichen, guten Diskurs haben. Wenn es das Signal gibt, dass wir nichts tun, stehe ich auf und gehe.
— Erich Schaflinger, Kages-Chef
In mehreren steirischen Regionen ist die Versorgung durch Kassenärzte nicht mehr gegeben: Wird die Kages auch die Projekte mit der ÖGK und dem Land fortführen oder ausbauen, damit diese Versorgung sichergestellt wird?
Wir werden nicht umhinkommen, diese Versorgung bestmöglich abzudecken. Es wird Regionen geben, da wird man in einzelnen Fachbereichen keinen Kassenarzt finden. Unser Bestreben ist eine gute abgestufte Versorgung zwischen den Trägern.
Wir reden immer ums Geld: Würde eine Ambulanzgebühr helfen die Spitalsambulanzen zu entlasten?
Ich kann mir ein Anreizsystem vorstellen, es ist aber Aufgabe der Politik, dieses zu definieren.
Es gibt intensive Diskussionen, das Gesundheitswesen im Bund zu zentralisieren und die Länder zu entmachten. Ist es sinnvoll, die Versorgung beim Bund anzusiedeln?
In dem jetzigen System ist es nicht sinnvoll, weil es viel zu viele Player gibt. Von den Kassen bis zu den Spitalsträgern. Die Kompetenz sollte bei den Ländern bleiben, wir sollten auch noch etwas gestalten können.
Wird in Ihrer neuen Rolle das Spannungsfeld Politik vs. Medizin noch stärker durchschlagen?
Ich bin daran interessiert, dass wir miteinander kommunizieren. Ich will auch nichts zudecken. Aber ich möchte einen sachlichen, guten Diskurs haben. Wenn es das Signal gibt, dass wir nichts tun, stehe ich auf und gehe. Ich sehe mich als Berater der Politik, der offen kommuniziert. Eine Vision ist, dass wir die Politik überzeugen, dass wir etwas tun und ändern müssen. Wir haben weder Zeit noch Geld. Wenn wir uns das Landesbudget anschauen, dann ist die Situation ohnehin klar.