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Zu eng getaktet – wird die Koralmbahn zum Bremsklotz im Bahnnetz?

Die Koralmbahn wird in Online-Foren für Verspätungen beschuldigt. Zahlen zeigen: Das stimmt zum Teil, aber es gibt auch andere Verlierer der neuen Bahnoffensive.

© ÖBB
Die Koralmbahn galt als ÖBB-Jahrhundertprojekt
Tobias Kurakin
Redakteur Steiermark-Ressort

In Online-Foren machte sich früh der Unmut breit, wie das ein Post auf reddit verdeutlicht. Kurz nach Eröffnung der Koralmbahn im Dezember 2025 landet dort ein Foto. Es zeigt eine Anzeigetafel am Bahnhof Wettmannstätten: Fünf verspätete Züge von Klagenfurt nach Graz, drei Zugausfälle. Der verärgerte Fahrgast betitelt das Bild ironisch mit: „Danke Koralmbahn.“ Der Vorwurf hinter dem Post – das machen weitere Kommentare klar: Das Jahrhundertprojekt der ÖBB, dessen Planung 1995 begonnen und letztlich unter großem Jubel 2025 eröffnet wurde, ist kein Turbo für die Eisenbahn, sondern ein Bremsklotz. Stimmt das?

Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der WU Wien, sagt: „Der Takt ist auf alle Fälle sportlich“. Überraschend ist es daher nicht, dass es immer wieder zu kleinen Problemen kommen würde. Enge Takte, viele Züge führen zwangsläufig dazu, dass auch kleine Verspätungen ins Gewicht fallen. Der Experte erklärt aber auch, dass den ÖBB wenig anderes übrig blieb. Denn: Eröffnet man eine neue Strecke, muss man rein aus strategischen Gründen viele Züge über die Gleise schicken. „Ansonsten mieten Konkurrenzunternehmen aus dem Ausland die Trassen und dann droht man den Wettbewerb zu Hause zu verlieren“. Der enge Takt ist somit zum einen wichtig für die Kundinnen und Kunden, zum anderen für das Unternehmen selbst.

Vereinzelte Züge fallen aus der Reihe

Trotzdem: Probleme bei Verbindungen gibt es immer wieder. Fahrgäste sagen: Die Koralmbahn sei schuld, der Takt sei zu ambitioniert, das Konzept nicht ausgereift. Insbesondere durch die Koralm würden Züge Minuten an Verspätung ansammeln. Daten von „Zugfinder“ zeigen tatsächlich: Der RJ 657 – jener Zug zwischen Klagenfurt Hauptbahnhof und Wien Flughafen um 7 Uhr morgens – ist unpünktlicher als andere Züge. Denn: Während die Pünktlichkeitsquote im Nahverkehr der ÖBB bei 81,6 Prozent liegt und im Fernverkehr bei 94,8 Prozent, liegt die Quote für den Railjet, der sich jeden Morgen via Koralmstrecke bis in die Bundeshauptstadt müht, bei 74 Prozent.

© ingo folie wien
Sebastian Kummer

Ist die Koralm also wirklich ein Bremsklotz? Nicht unbedingt. Andere Zahlen der ÖBB zeigen: Die Züge auf der Koralmstrecke sind weitestgehend im Soll, fallen im Vergleich durch häufigere Verspätungen auf. Eine Problemstelle für Fahrgäste gibt es dennoch. Beispielsweise der Bahnhof in Villach, der als Knotenpunkt fungiert. Fahrgäste, die beispielsweise von Graz nach Salzburg fahren, müssen in Kärntens zweitgrößter Stadt umsteigen, haben dafür aber aufgrund des engen Takts bisher nur fünf Minuten Zeit gehabt. Nicht immer ist das gut gegangen. Zahlen der ÖBB zeigen demnach, dass jeder fünfte Anschluss zwischen Koralmbahn-Fernverkehr und weiterführenden Zügen in Villach verpasst wurde. Besonders brisant: Die ÖBB werten einen Zug erst dann als verspätet, wenn er mehr als fünf Minuten nach fahrplanmäßigem Halt im Bahnhof auftaucht. Das heißt letztlich: Auch ein für die ÖBB pünktlicher Zug kann für Probleme sorgen.

Semmeringtunnel wird Bahnnetz verändern

Klar ist: Ein anderer Takt führt zu Veränderungen. Immer. Er kennt Gewinner und Verlierer. Erstere sind Fahrgäste aus Kärnten, die nun auch per Zug in die Steiermark kommen. Letztere sind unter anderem die Bürgerinnen und Bürger im obersteirischen Hönigsberg. Dort wurde der Bahnhof nämlich im Jahr 2022 mit Blick auf die Neuerungen auf der Strecke aufgelassen. Zwei Fernzüge, die pro Stunde über die Strecke rattern, bremsen schließlich den Nahverkehr aus.

Kummer erklärt: Ein kleiner Bahnhof sei ohnehin „das Unattriktivste“ für die ÖBB. Züge im Nahverkehr müssen abbremsen, stehen bleiben, weiterfahren. Das kostet mindestens drei Minuten. Nicht viel, aber zu viel, wenn der Takt ohnehin eng ist. Der Bahnhof musste weichen, weil man den Takt verdichtete. Kummer blickt in die Zukunft: „Richtig spannend wird es, wenn der Semmering-Basistunnel fertig wird“. Dann müssten sich die ÖBB überlegen, wie man die gewonnene Zeit kundenfreundlich nutze, aber die eigenen Kapazitäten nicht überbelastet. Schon jetzt dürfte klar sein: Es wird ein Spagat.