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Mögliche Pest-Tote in Russland: Was wir wissen und was nicht

Viele Unklarheiten gibt es nach zwei Todesfällen durch eine „Lungenentzündung unbekannten Ursprungs“ im Umfeld des Instituts zur Bekämpfung von Pestkrankheiten in Sibirien. Was derzeit (nicht) bekannt ist.

© AFP/Tatyana Makeyeva
Wegen zweier Todesfälle steht Irkutsk aktuell im Fokus der Weltöffentlichkeit

Todesfall nach einer Lungenentzündung unbestimmter Ursache - das weckt bei vielen Menschen ungute Erinnerungen an den Beginn der Corona-Pandemie. Nach dem Tod einer Mitarbeiterin eines Pest-Forschungszentrums in Sibirien gibt es zahlreiche Spekulationen. US-Präsident Donald Trump kündigte an, wegen des Falls mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren zu wollen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert mehr Informationen. Was ist über den Todesfall bekannt, was nicht? Und gibt es wirklich Grund zur Sorge?

Warum sorgt der Fall für so viel Aufsehen?

Wahrscheinlich wegen der Kombination aus historischer Symbolkraft der Pest, offiziellen Angaben Russlands, die angezweifelt werden, und Sorge vor einer möglichen Pandemie mit einem eigens gezüchteten tödlichen Erreger.

Die neuesten Entwicklungen

Was lässt sich zu diesen drei Punkten sagen?

Historische Symbolkraft: Die Pest ist im kollektiven Gedächtnis mit grauenhaften Epidemien verknüpft. Unbehandelte Lungenpest ist fast immer tödlich, Beulenpest im Großteil der Fälle. Die Pest suchte Europa über Jahrhunderte heim, als „Schwarzer Tod“ gilt der Seuchenzug im 14. Jahrhundert mit vielen Millionen Todesopfern. Eine der letzten großen Pestepidemien Westeuropas ereignete sich 1720 bis 1722 in Marseille. In anderen Teilen Europas kam es auch danach noch zu größeren und kleineren Ausbrüchen.

Seither haben sich aber die Lebensbedingungen und ein ganz entscheidender Punkt geändert: Beim Pesterreger handelt es sich um ein Bakterium - und Bakterien sind mit Antibiotika behandelbar.

Medizinischer Aspekt

Angaben Russlands: Die 28 Jahre alte Wissenschafterin am Institut für Pest-Bekämpfung in Irkutsk in Sibirien war am vergangenen Freitag im Krankenhaus der nahe gelegenen Stadt Schelechow gestorben. Spekuliert wurde, dass sie sich mit dem Erreger der Lungenpest infiziert haben könnte, womöglich bei einem Laborunfall.

In Irkutsk und Schelechow wurde Berichten zufolge wegen des Falls der Betrieb einzelner Kliniken und anderer Einrichtungen eingeschränkt, rund 200 mögliche Kontaktpersonen sollen in Quarantäne gekommen sein. Die für Seuchenbekämpfung zuständige Behörde dementierte anschließend sowohl Berichte zu einem Laborunfall als auch zu einer Pestinfektion. Als Todesursache wurde eine Lungenentzündung genannt - ohne Angabe zum Erreger.

Fachlich gilt das russische System der Seuchenbekämpfung als schnell, strikt und damit wirkungsvoll. Dass es viele Spekulationen um den Fall gibt, liegt auch daran, dass russische oder zuvor schon sowjetische Behörden Katastrophen oft geleugnet oder heruntergespielt haben - sei es die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder der Untergang des Atom-U-Bootes „Kursk“ im Jahr 2000. Das Vertrauen in offizielle Mitteilungen ist gering.

Pandemie-Sorge: Die USA stufen den Pesterreger Yersinia pestis als „Select Agent“ der Stufe 1 im Bereich Bioterrorismus ein, der höchsten Risikokategorie für Erreger, die eine schwerwiegende Gefahr für die öffentliche Gesundheit und Sicherheit darstellen können. Als Gründe nennt die US-Gesundheitsbehörde CDC die niedrige Infektionsdosis, die hohe Sterblichkeit unbehandelter Infektionen sowie die historische Verwendung zu diesem Zweck.

1346 soll demnach historischen Überlieferungen zufolge die mongolisch-tatarische Armee in Caffa - heute Feodossija auf der Halbinsel Krim - pestinfizierte Leichen über die Stadtmauer geschleudert und damit einen Ausbruch ausgelöst haben. Im Zweiten Weltkrieg habe eine japanische Einheit in China Millionen infizierter Flöhe ausgesetzt. Die daraus folgenden Ausbrüche führten demnach zu zahlreichen Erkrankungen und Todesfällen.

Aktuell ist eine Spekulation für den Fall in Russland, dass die verstorbene Frau an der Pest als derartige Biowaffe gearbeitet haben könnte. Er sehe derzeit keine belastbare Grundlage für die Annahme, dass der Vorfall mit der Entwicklung biologischer Kampfstoffe zusammenhänge, sagt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der deutschen Bundeswehr. „Dafür bräuchte man sehr viel weitergehende mikrobiologische, epidemiologische und forensische Befunde.“

Trump erklärte, nicht von einem Biowaffen-Zusammenhang auszugehen. Auf eine entsprechende Frage sagte er im Weißen Haus: „Nun, das glauben wir nicht.“

Ist denn ungewöhnlich, dass an einem Institut an der Pest geforscht wird?

Nein. Zahlreiche Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit der Pest, auch in Europa. Forschung zur Pest ist nötig, denn die Krankheit ist keineswegs verschwunden: Weltweit würden jährlich einige Hundert Fälle gemeldet, meist geografisch eng begrenzt, insbesondere in Madagaskar und der Demokratischen Republik Kongo, erklärt Malick Gibani vom Imperial College London. Es gebe viele Tierarten als Träger für das Bakterium, so dass stets das Risiko eines Übergangs auf Menschen bestehe.

In Sibirien kursiert der Erreger in verschiedenen Nagetieren sowie deren Flöhen. Dazu forscht das 1934 gegründete „Forschungsinstitut zur Bekämpfung der Pest in Sibirien und dem Fernen Osten“ in Irkutsk nach offiziellen Angaben. Auch in westlichen Teilen der USA komme Yersinia pestis bei Wildtieren vor, sagte Brendan Wren von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM). Menschen infizieren sich dort regelmäßig. Österreich gilt derzeit als pestfrei.

„Die Pest ist keine Krankheit der Vergangenheit“, betont auch Zania Stamataki von der University of Birmingham. „Diagnostik, Impfstoffentwicklung und die Überwachung von Antibiotika-Resistenzen erfordern Labore, in denen der lebende Erreger aufbewahrt und untersucht wird.“

Wird an der Pest als potenzieller Biowaffe geforscht?

Der US-Behörde CDC zufolge wurde in der Sowjetunion im Zuge des Kalten Krieges zwischen Ost- und Westblock am Pesterreger als Biowaffe geforscht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde das Programm zwar nach offiziellen Angaben Russlands eingestellt, die Sorge des Westens vor möglichen Fortsetzungen oder Neubelebungen verschwand jedoch nie ganz.

Das besorgniserregendste Szenario für einen bioterroristischen Angriff ist der CDC zufolge die Freisetzung von Yersinia pestis in die Luft - etwa über großen Städten. Auch die absichtliche Kontamination der Nahrungs- oder Wasserversorgung sei ein potenzielles Risiko.

Wieso gibt es eine Gefahr, obwohl Antibiotika einsetzbar sind?

Für gute Heilungsaussichten muss die durch Husten oder Niesen übertragbare Lungenpest möglichst sofort bei ersten Symptomen mit Antibiotika behandelt werden. Eine Gefahr stellen multiresistente Formen dar, bei denen gängige Mittel nicht mehr wirken - in der Sowjetunion sollen der CDC zufolge in den 1970er und 1980er Jahren solche Varianten geschaffen worden sein. Zu den vielen aktuell kursierenden unbelegten Spekulationen zählt, dass am Institut in Irkutsk womöglich mit solchen Stämmen des Pesterregers gearbeitet werde.

Antibiotika-Resistenzen würden die Behandlungsmöglichkeiten einschränken, erklärt Wölfel. Natürlich vorkommende Resistenzen seien bei Pestbakterien ausgesprochen selten.

Wie wahrscheinlich ist ein solcher Einsatz?

Nach Einschätzung von Experten gering. Ein resistenter Erreger wäre nicht automatisch ein besonders geeigneter oder zuverlässig einsetzbarer biologischer Kampfstoff, so Wölfel. „Biologische Kampfstoffe haben aus Sicht eines potenziellen Angreifers ein fundamentales Problem: Ihre Wirkung lässt sich nur sehr begrenzt kontrollieren.“

Nach einer Freisetzung lasse sich nicht zuverlässig festlegen, wer damit in Kontakt kommt und wer nicht. „Deshalb kann grundsätzlich auch eine Gefährdung der eigenen Kräfte, der eigenen Bevölkerung oder unbeteiligter Dritter entstehen.“ Diese Mischung aus hoher Gefährlichkeit und begrenzter Kontrollierbarkeit mache biologische Waffen zu einem außerordentlich problematischen und zu Recht international geächteten Instrument.

Bei dem möglichen Fall in Russland sei grundsätzlich zu bedenken, dass die Lungenpest nicht mit anderen Atemwegserkrankungen wie Influenza oder Covid-19 vergleichbar sei, die von einem hochansteckenden Virus verursacht werden. Eine ähnliche weltweite Ausbreitung sei keineswegs zu befürchten. „Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Pest erfordert in der Regel engen Kontakt“, erklärt Wölfel. Zudem lasse sie sich durch Isolations- und Quarantänemaßnahmen gut eindämmen.