Welthospiztag: „Man schaut gern weg, aber Tod trifft uns alle“
Am 10. Oktober ist Welthospiztag. Im Grazer Himmelshafen treffen mit der Endlichkeit des Lebens und Obdachlosigkeit gesellschaftliche Tabuthemen aufeinander.

Ein zweijähriger Bub wuselt zwischen Bett und Zimmertür hin- und her und vertieft sich danach ins Spiel mit seinen Mini-Autos. Immer wieder wandert der Blick zu seinen Eltern, um sich zu vergewissern, dass sie noch hier sind. Kein unbegründetes Verhalten, denn dass sein Vater in seinem Stuhl sitzt und seine Geschichte schildert, ist ein Wunder. Am Papier müsste Hovhannes Mnatsakanyan tot sein. Der 43-Jährige hat Hautkrebs im Endstadium, seit Mai 2026 lebt der gebürtige Armenier im Himmelshafen-Hospiz der Elisabethinen in Graz – dort, wo jene unterkommen, die keine Versicherung haben und am Rande der Gesellschaft ums Überleben kämpfen.
„Als er zu uns gekommen ist, haben ihm die Ärzte nur noch wenige Tage gegeben“, erzählt Pflegeleitung Martina Schmid. „Doch anstatt weiter abzubauen, ist er bei uns auf einmal aufgeblüht.“ Menschen, die sich ihm annehmen, die Anwesenheit seiner Familie, weniger sprachliche Barrieren – zusätzlich zur palliativen Chemotherapie, die der Symptomlinderung dient, sieht Schmid darin den Grund, warum der junge Vater immer noch sein Kind im Arm halten kann, und am 8. Oktober seinen Geburtstag feiern durfte. „Ich bin mir auch sicher, dass er es bis Weihnachten schafft“, so Schmid.

„Dem Tod ist noch nie jemand ausgekommen“
Geschichten wie diese sind es, was die Pflegeleitung antreibt und Hospizarbeit so wichtig macht, sagt sie – passend zum Welthospiztag am 10. Oktober. Vor allem, weil im Himmelshafen gleich mehrere Tabuthemen aufeinandertreffen: Obdach- und Wohnungslosigkeit; und der Tod. „Da schauen wir als Gesellschaft gerne weg, auch wenn es vor unserer Haustür passiert. Und Tod trifft uns alle irgendwann, dem ist noch nie jemand ausgekommen“, sagt Schmid nüchtern.
Sie kam ganz verängstigt an und hat sich nicht einmal getraut, alleine auf die Toilette zu gehen. Jetzt läuft sie voller Elan durch die Gänge.
— Martina Schmied, Pflegeleitung Himmelshafen
Der Unterschied zum klassischen Hospiz ist im Himmelshafen allerdings markant, der Verarbeitungsprozess sei ein vollkommen anderer. „Wir werden ganz anders sozialisiert, meistens geht einem Hospizaufenthalt eine lange Zeit in medizinischer Behandlung voraus, das ist bei unseren Bewohnerinnen und Bewohnern nicht so.“ Wem es an Finanzen oder an einer Versicherung fehlt, wird im besten Fall im Himmelshafen aufgefangen, doch auch hier sind die Kapazitäten begrenzt. Zwei Hospizbetten stehen der Organisation zur Verfügung.
Himmelshafen Hospiz & Care
Die Einrichtung wird primär durch Spenden finanziert, 120.000 Euro an Spendengeldern werden im Jahr benötigt, um die Kosten für den Betrieb zu decken.
Neben den Hospizbetten stehen der Einrichtung sechs Care-Betten für Menschen zur Verfügung, die vorübergehende Betreuung nach Unfällen oder Operationen brauchen.

Von Angst zu neuem Lebensmut
Im Zimmer neben Mnatsakanyan lebt Soronics Gáborné. Die 69-Jährige kam ebenfalls mit einer Krebserkrankung ins Hospiz, in wenigen Wochen ist die Ungarin in den Räumlichkeiten regelrecht aufgeblüht, sagt sie selbst. „Das ist hier wie meine Familie“, teilt sie ihre Gefühle und rührt 24-Stunden-Betreuerin Gabrielle Latyak damit zu Tränen. „Sie kam ganz verängstigt an und hat sich nicht einmal getraut, alleine auf die Toilette zu gehen. Jetzt läuft sie voller Elan durch die Gänge“, freut sich Schmid – das schönste Kompliment für die Arbeit des Teams, wie sie betont.
Todkrank sind sowohl die Ungarin, als auch ihr Zimmernachbar immer noch. „Das kann man auch nicht schönreden.“ Wie lange ihnen bleibt, weiß niemand. „Aber auch diese Menschen haben verdient, diesen letzten Abschnitt in Würde und in Geborgenheit zu durchleben“, sagt Schmid.