Kaiserenkel Karl Habsburg: „Nostalgie ist nicht meine Sache"
Karl Habsburg war unter den ersten Österreichern, die vor 30 Jahren ins EU-Parlament einzogen. Dort sitzt er schon lange nicht mehr. Für Europa brennt er aber immer noch. Ein Gespräch.

Wien an einem sonnigen Morgen im Oktober. Die Stadt erwacht noch aus dem Schlaf. Karl Habsburg ist längst auf den Beinen. Gutgelaunt erscheint der Kaiserenkel zum Treffen im Café Landtmann. Seitdem sein Lebensmittelpunkt nicht mehr in Salzburg liegt, pendelt der 65-Jährige zwischen Wien und der kriegsgeplagten Ukraine, wo er sich geschäftlich und humanitär engagiert. Das Oberhaupt des Hauses Habsburg-Lothringen hat einen dicht getakteten Tag. Gefrühstückt wird zwischen Frage und Antwort klassisch wienerisch: ein Einspänner und ein Kipferl.
Die Einstiegsfrage lautet nicht, wie Sie angesprochen werden wollen. Überrascht Sie das?
KARL HABSBURG: Hätten Sie mich danach gefragt, wäre ich nicht verwundert gewesen.
Warum wird Ihnen die Frage hierzulande immer noch gestellt?
In Österreich haben akademische und Beamtentitel eine lange Tradition und verleihen einen gewissen Status.
Sie sind aber nicht Hofrat.
Ja, mein Fall ist anders gelagert. Ich bin in Österreich als Karl Habsburg-Lothringen registriert. Das ist für mich ganz klar und steht auch in meinem Pass so drinnen. Ansonsten firmiere ich häufig als Karl von Habsburg.
Stört es Sie, dass Sie sich in Österreich nicht so nennen dürfen?
Das ist eine Konsequenz des Ersten Weltkriegs. Nach 1918 wollte man mit der Vergangenheit aufräumen, von der man gleichzeitig bis heute lebt.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie durch Wien spazieren und die Hofburg sehen, den Stephansdom, Schönbrunn?
Es bewegt mich genauso, wie es einen Touristen bewegt.
Im Ernst?
Naja, vielleicht blicke ich mit etwas mehr historischem Wissen darauf und im Bewusstsein, was meine Vorfahren geleistet haben. Aber ich habe nicht in dieser Zeit gelebt. Ich gehöre nur der Erkenntnisgeneration an.
Seit einem Monat sind in Kanada die verschollenen Habsburg-Juwelen ausgestellt. Sie waren schon dort. Wie war es?
Die Ausstellung gefällt mir sehr, vor allem der Teil, der sich mit meiner Großmutter Zita befasst, den Jahren der Verfolgung durch die Nazis, des Exils und der Zuflucht in Kanada. Am meisten berührt hat es mich, das Goldene Vlies zu sehen, das mein Großvater, Kaiser Karl, auf dem Totenbett in Madeira getragen hat.
Und die Juwelen, allen voran der Florentiner, was hat ihr Anblick in Ihnen ausgelöst?
Ich kann mit Juwelen prinzipiell wenig anfangen. Sie haben für mich in erster Linie historische Bedeutung. Aber es gibt schon ganz besondere Stücke. In Québec ist auch eine Uhr von Marie-Antoinette ausgestellt, die in einen Smaragd eingearbeitet ist. Die ist einfach nur schön.
Bedauern Sie, dass die Uhr nicht in Österreich zu sehen ist?
Ich bin froh, dass es die Schau überhaupt gibt, nachdem ich erst vor Kurzem von der Existenz dieser Objekte erfahren habe.
Viele bezweifeln das.
Wissen Sie, wie wurscht mir das ist? Ich weiß, es ist schwer verdaulich. Aber es ist nun einmal wirklich so. Das Witzige ist, dass es mir in der Familie alle sofort geglaubt haben. Vielleicht haben manche Leute mit ihren Familien da mehr Schwierigkeiten. Ich habe sie nicht, und ich bin froh darüber, dass das mit dem Schmuck so funktioniert hat, ja erkenne auch die Logik darin.
Sie betonen gern, dass Sie österreichischer Patriot sind. Gehört der Schatz nicht nach Wien?
Darauf habe ich keinen Einfluss. Die Objekte wurden in einen Trust eingebracht. Ja, ich bin österreichischer Patriot. Ich bin aber auch europäischer Patriot. Ich muss meinen Patriotismus nicht auf ein Land beschränken.
Was ist, wenn der von Kunstminister Andreas Babler eingesetzte Arbeitskreis zum Schluss kommt, dass die Juwelen kein Familienbesitz sind, sondern der Republik Österreich gehören?
Dann sollen sie doch in Kanada vor Gericht gehen. Dort wird man feststellen, was wir juristisch durchexerziert haben, und zwar dass wir im Recht sind.
Heimat, das kann eine Stadt sein, ein Land, ein Kontinent, der Ort, an dem man leben möchte. Für mich ist es Europa.
Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren fand in Österreich die erste Europawahl statt. Sie waren unter den Abgeordneten, die danach in die Straßburger Kammer einzogen. Wie war das damals?
Es waren fantastische Jahre, weil so vieles möglich war. Wir hatten mehr Freiheiten und man konnte auch als einzelner Abgeordneter sehr viel bewirken. Das lag daran, dass das Parlament viel kleiner war, kein gefühlter Riesenmoloch mit mehr als 700 Abgeordneten. Auch das Bedürfnis nach Europa war viel größer, als es heute der Fall ist. Man hat gespürt, wie der Kontinent sich aufgetan hat. Alle Staaten Mittelosteuropas wollten hereinkommen. Sie hatten unter dem sowjetischen Joch gelebt. Für die war Europa gleichbedeutend mit Freiheit und Sicherheit. Alles war emotional aufgeladen. Das ist heute anders. Leider. Die Erweiterung ist heute genauso notwendig wie damals.
Heute regiert Ernüchterung. Bedrückt Sie der Umschwung?
Ich bin Berufsoptimist.
Was stimmt Sie zuversichtlich?
Wir haben in den vergangenen 20 Jahren so viele weltumspannende Krisen erlebt wie selten zuvor. Wie Europa damit umgeht, ist beeindruckend. Und selbst wenn man die kritisch betrachtet, muss man anerkennen: Sie ist das erfolgreichste Friedensprojekt, das die Menschheit jemals auf die Beine gestellt hat, so erfolgreich, dass viele Staaten sich auch heute unserer Gemeinschaft anschließen wollen.
Das klingt gerade so, als ob alles eitel Wonne wäre.
Ich bin jemand, der die EU kritisiert, wenn er es für notwendig hält. Eines ihrer Hauptprobleme ist, dass sie sich nach außen nicht darstellen kann. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben immer noch keinen europäischen Verteidigungsminister, obwohl es offensichtlich ist, dass wir ihn dringender brauchen denn je.
Was ist Europa für Sie?
Ich habe vorhin gesagt, dass ich europäischer Patriot bin. Für mich ist das Schöne am Patriotismus, dass man auch in einem größeren Rahmen Patriot sein kann, also das glatte Gegenteil vom Nationalisten, der voll auf eine Nation und ihre vermeintliche Überlegenheit ausgerichtet ist. Für mich ist das Blödsinn. Heimat, das kann eine Stadt sein, ein Land, ein Kontinent, der Ort, an dem man leben möchte. Für mich ist das Europa.
Keine andere Dynastie betont das Europäische so sehr wie die Habsburger. Ist es auch ein wenig Kompensation für den politischen Bedeutungsverlust?
In der Ecke zu sitzen und über die guten alten Zeiten zu lamentieren, ist nicht mein Fall.
Was ist Ihr Fall?
Mein Anliegen ist es, Europa voranzubringen. Wenn ich da die Geschichte meiner Familie mit einbringen kann, ist das gut. Wenn nicht, dann eben nicht. Nostalgie ist nicht meine Sache. Sie ist schon meinem Vater nicht gelegen.
Wo lauert gegenwärtig die größte Gefahr für Europa?
Die größte Bedrohung geht zweifellos von Russland aus. Wir befinden uns längst in einem hybriden Krieg, ohne dem adäquat Rechnung zu tragen, politisch und militärisch.
Sie sind viel in der Ukraine unterwegs. Wird sie standhalten?
Davon bin ich zutiefst überzeugt. Ich bin aber Realist: Das Land steckt in riesigen Schwierigkeiten. Doch die Leute, die sagen, gebt 20 Prozent eures Territoriums ab, damit Ruhe ist, haben keine Ahnung, was im Donbas wirklich abgeht.
Was geht denn dort ab?
Es wird gefoltert, vergewaltigt, entführt. Ich betreibe eine Radiostation in der Ukraine. Die meisten meiner Mitarbeiter stammen aus dem Donbas. Was die russischen Besatzer dort anstellen, ist aus dem hitlerischen Gruselbuch herausgezogen.
Was, wenn die Ukraine fällt?
Das wäre ein Horrorszenario für Europa, denn der Krieg würde damit nicht enden.
Eine Frage noch: Soll Österreich der Nato beitreten?
Dass Österreich Teil einer größeren Sicherheitsarchitektur sein muss, steht außer Frage. Aber ich weiß nicht, ob das auch in Zukunft die Nato sein wird. Als Trump in seiner ersten Amtszeit den Europäern vor das Schienbein getreten und ihnen gesagt hat, tut mehr für eure Verteidigung, habe ich das noch als Weckruf begrüßt. Aber mittlerweile hat er ja jedes Maß verloren. Das Beste wäre, wenn Europa sich selbständig macht.
Zur Person
Karl Habsburg wurde 1961 als ältester Sohn von Otto und Regina Habsburg in Starnberg in Bayern geboren. Sein Vater war der letzte Kronprinz der Donaumonarchie, Großvater Karl der letzte Kaiser Österreichs. Von 1996 bis 1999 saß er für die ÖVP als Abgeordneter im Europaparlament. Habsburg ist Ehrenpräsident der Paneuropa-Bewegung Österreich und als Medienunternehmer in der Ukraine tätig. Seit dem Tod seines Vaters ist er Oberhaupt der weitverzweigten Familie.


