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Warum wählen so viele AfD, Frau Menasse?

Die Schriftstellerin Eva Menasse warnt vor der AfD, versteht aber die Wut ihrer Wähler. Ein Gespräch über verödete Landstriche, nie verwundene Kränkungen und die Abgründe der digitalen Moderne.

Eva Menasse über die AfD: „Die wollen alles zerschlagen, was bisher gegolten hat“
© Stefan Winkler
Eva Menasse über die AfD: „Die wollen alles zerschlagen, was bisher gegolten hat“
Stefan Winkler
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Zum Treffen in der Brasserie des Münchner Literaturhauses kommt sie mit dem Trolley. Die Anreise mit dem Zug gestaltete sich so chaotisch, dass eine Freundin die mit Hunderten anderen Fahrgästen in einem Vorort der Isarmetropole Gestrandete mit dem Auto abholen musste. Die Schriftstellerin Eva Menasse wirkt abgehetzt und müde. Doch kaum sitzt sie, ist sie wie ausgewechselt, konzentriert, klar und hellsichtig. Mit Bedacht wählt sie ihre Worte, denen der melodisch-österreichische Klang nichts von der analytischen Schärfe nimmt.

Sie sind in Wien aufgewachsen, leben aber seit vielen Jahren in Berlin. Stellt sich da noch die Frage, wo Sie zu Hause sind?

EVA MENASSE: Doch, die Frage stellt sich, aber ich kann sie nicht beantworten. Vor Jahren wollte eine Journalistin von mir wissen, ob ich eher Deutsche oder Österreicherin bin. Als ich keine Antwort hatte, fragte sie mich, wo ich begraben werden will. Aber selbst das ist schwer zu sagen.

Bedauern Sie das?

Im Gegenteil. Es gibt mir das Gefühl, flexibel zu sein. Sie wissen vielleicht: Mein Vater musste vor den Nazis aus Österreich flüchten. Ich halte es für ganz gesund, wenn man sich nicht zu sehr an ein Land bindet.

In Ihrem neuen Roman „Alleinruhelage“ schreiben Sie über eine Frau und ein Haus, das für sie lange Zuhause war. Trotzdem trennt sie sich davon. Warum?

So ein Leben ist lang, und manchmal ist es wichtig, loszulassen, weil sich das Leben selbst ändert und man einen radikalen Neuanfang braucht.

Das Haus steht im ostdeutschen Kernland der AfD, in Vorpommern, das heute seinen Landtagtag wählt. Was ist das für ein Landstrich?

Es ist ein entvölkertes Land. Solche Gegenden gibt es überall in Europa, in Frankreich, England, Polen, ländliche Gebiete, fernab der Großstädte, die veröden, weil es dort keine Jobs mehr gibt und keine Lebensgrundlage. Wer kann, geht weg. Wer nicht kann, bleibt und ist voller Wut. Die Leute fühlen sich zurückgelassen und um ihr Leben betrogen.

Wählen sie deshalb AfD?

Nicht nur. In Österreich gibt es ja keine Entvölkerung dieses Ausmaßes. Trotzdem liegt die FPÖ seit einem Vierteljahrhundert stabil bei mindestens um die 20 Prozent! Über die Probleme der Regionen hinaus existiert noch eine generelle Unzufriedenheit, die andere Gründe hat als die unmittelbare Lebensrealität dieser Menschen.

Nämlich?

Die digitale Moderne hat Polarisierung, Hysterisierung und Irrationalisierung über uns gebracht, ein apokalyptisches Denken, das von den rechtsextremen Parteien nach Kräften angeheizt wird. Dabei möchte ich gar nicht sagen, dass es keine Gründe für Weltuntergangsstimmung gibt angesichts von Klimawandel und der immensen Schere zwischen arm und reich. Noch nie haben so wenige so viel des Gesamtvermögens der ganzen Welt besessen und damit so ungeheuerliche Dinge angestellt wie heute. Das alles ist uns global über den Kopf gewachsen. Aber die Leute wählen rechts auch dort, wo es ihnen gut geht. Weil diese Parteien die ganz einfachen Antworten geben und allen der Nerv fehlt, zu überlegen, dass alles viel komplexer ist.

Man hat den Osten in Stücke geschlagen und verscherbelt ohne Verständnis dafür, was für eine Katastrophe das für die Menschen war. Man hat den Osten allein gelassen, niemand hat das abgefangen.

Hat der starke Zuspruch zur AfD mit der Prägung vieler durch die autoritäre DDR zu tun?

Die DDR ist seit fast 40 Jahren Geschichte. Neue Generationen sind nachgewachsen. Die schweren Fehler, die nach der Wiedervereinigung begangen wurden, fallen da wohl viel mehr ins Gewicht.

Welche Fehler meinen Sie?

Man hat den Osten in Stücke geschlagen und verscherbelt ohne Verständnis dafür, was für eine Katastrophe das für die Menschen war. Man hat den Osten allein gelassen, niemand hat das abgefangen. Aus Westdeutschland ist die dritte Riege von Managern angerückt, die daheim keinen Fuß auf den Boden gekriegt hat. Und die haben hochmütig die DDR-Betriebe abgewickelt. Das hat unglaubliche Kränkungen geschaffen. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Staat, gehen dort zur Schule, heiraten, kriegen Kinder. Und dann, plötzlich, Sie sind Mitte vierzig, gibt es diesen Staat nicht mehr. Und alles soll schlecht gewesen sein, was da war. Es war auch vieles schlecht, nur Sie können ihr bisheriges Leben leider nicht an der Kasse umtauschen. Der Politologe Ivan Krastev hat das Lebensgefühl des gesamten ehemaligen Ostblocks so beschrieben: Man will dem Westen nacheifern, kriegt aber immer gesagt, dass nie gut genug ist, was man leistet.

Manche im Westen sagen sogar, im Osten seien sie untauglich für die Demokratie.

Solche Pauschalverdächtigungen sind dumm und machen nichts besser. Es gibt auch im Westen viele, die nicht zu verstehen scheinen, wofür Demokratie gut ist. Im Übrigen kommen viele der einflussreichsten AfD-Politiker aus dem Westen oder leben dort.

Verstehen Sie, dass viele Leute mit Trotz reagieren und sagen: Jetzt wähle ich die AfD erst recht?

Ich verstehe den Trotz und die Wut. Was ich nicht verstehe, ist, dass sie sich nicht im mindesten ansehen, was sie sich einhandeln mit dieser Partei. Ein Lehrer in Sachsen-Anhalt hat mit seinen Schülern durchgerechnet, dass das Wirtschaftsprogramm der AfD für Menschen erst ab 120.000 Euro Jahreseinkommen Vorteile bringt. Darunter schadet es ihnen. Das ist doch keine soziale Partei! Die Leute stimmen mit Wut in der Wahlzelle ab. Aber ihr eigenes Leben verschlechtert sich dadurch immer weiter. Das ist ein Paradox, aber leider auch nicht ungewöhnlich.

Inwiefern?

Schauen Sie in die USA oder nach Post-Brexit-Großbritannien! Die Armen werden immer ärmer und wählen trotzdem immer rechter. Warum die anderen Parteien so schlecht im Verteidigen unseres Gemeinsamen sind, ist mir unverständlich. Allein dass man die Migration zu so einem negativen Thema machen lässt! Deutschland würde binnen 24 Stunden kollabieren, wenn alle Menschen mit Migrationshintergrund ihre Arbeit niederlegen. Dieses Land beruht auf Einwanderung, in der Pflege, in der Bauwirtschaft, im medizinischen Bereich, im Niedriglohnsektor. Statt immer den Rechten und ihren Diffamierungen hinterherzuhampeln, muss man doch die positiven Geschichten erzählen. Wo sind sie?

Werden diese Erzählungen Gehör finden, solange islamistische Attentäter in Deutschland Angst und Schrecken säen?

Es gibt evidente Probleme, das leugnet doch eigentlich niemand. Es gibt Schwierigkeiten mit Integration und Kriminalität. Und natürlich muss man die Einwanderung viel besser kanalisieren. Wie Kanada muss man viel genauer festlegen, welche Menschen man einwandern lassen will – aber diese dann auch willkommen heißen. Und das hat außerdem rein gar nichts mit der Asylfrage zu tun. Asyl ist ein Menschenrecht. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die von der extremen Rechten gezielt vermischt werden. Doch wozu führt das? Ich kenne einen türkischen Internisten in Berlin, dem eine Oberarztstelle in Thüringen angeboten worden ist. Er hat gesagt, das tue ich meinen Kindern doch nicht an! Nur: wer wird in ein paar Jahren dort am OP-Tisch stehen?

Soll die AfD dort, wo sie gewinnt, regieren?

Wenn es passiert, wird es wahnsinnig gefährlich. Die wollen alles zerschlagen, was bisher gegolten hat.

Ist es nicht genauso gut möglich, dass sich die Partei – konfrontiert mit der Wirklichkeit des Regierens – rasch selbst entzaubert?

Sie meinen, so wie die FPÖ in den frühen 2000er-Jahren? Das Problem ist, dass diese rechten Parteien weltweit viel brutaler geworden sind. Sie haben gelernt, worauf es ankommt, wo man ansetzen muss, rechtlich, verfassungsmäßig und kulturpolitisch. In Ungarn sieht man, wie schwer es ist, die Orbanisierung zurückzudrehen. Wenn die einmal eine Zeit lang regieren, schaut das Land danach ganz anders aus.

Eine Frage noch: Würden Sie unter einer Kanzlerin Weidel in Deutschland bleiben?

Ich finde diese Gedankenspiele wohlfeil: Zu sagen, ja dann gehe ich halt. Solange man nicht an Leib und Leben bedroht ist, sollte man bleiben und die Stirn bieten.

Zur Person

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, begann als Journalistin bei „Profil“, schrieb für die FAZ und lebt seit 2003 als freie Schriftstellerin in Berlin. 2005 erschien ihr Debütroman „Vienna“, eine anekdotenreiche jüdisch-katholische Familiengeschichte. Es folgten unter anderem „Quasikristalle“ (2015), „Tiere für Fortgeschrittene“ (2017) und „Dunkelblum“ (2021). Dieser Tage erschien „Alleinruhelage“. Als streitbare Intellektuelle tritt Menasse seit vielen Jahren für eine offene Debattenkultur ein.

Eva Menasse, Alleinruhelage, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 224 Seiten, 24,95 Euro
Eva Menasse, Alleinruhelage, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 224 Seiten, 24,95 Euro

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