Graz im Zeichen der Minimal Music
Das 24-stündige Minifestival „Graz spielt Steve Reich“ begeisterte an allen Ecken und Enden der Stadt.

Das Kulturkuratorium des Landes Steiermark hatte dem Projekt „geringere bzw. nicht ausreichende künstlerische Relevanz“ attestiert und es mit seiner Förderabsage im Juli ins Wanken gebracht. Günter und Raphael Meinhart vom Grazer Studio Percussion ließen sich von ihrem Großvorhaben, dem US-Komponisten Steve Reich einen 24-stündigen Aufführungsmarathon seiner Werke zum 90. Geburtstag zu schenken, dennoch nicht abbringen. Dank ihrer Unbeirrbarkeit und einer in letzter Minute ins Ziel gekommenen Crowdfunding-Aktion kam Graz doch noch in den Genuss eines ebenso einzigartigen wie hochklassigen Musikerlebnisses.
Gestartet wurde um Mitternacht mit dem ersten Schlag der Weikharduhr, die an diesem Tag zu jeder vollen Stunde statt der vertrauten Glockenmelodie des Big Ben Reichs markantes „Pattern“ über den Hauptplatz erschallen ließ. Zeitgleich konnten sich Nachtschwärmer in der Herz-Jesu-Kirche mit „Four Organs“ und anschließend „Violin Phase“, jeweils samt darauf basierenden Improvisationen von Organist und Klavierprofessor Manfred Tausch in die Klangwelt des berühmten Geburtstagskindes entführen lassen.
Ausverkaufte Konzerte
Im Laufe des Tages, an dem das Wetter zu hundert Prozent mitspielte, brachten vom Metahof-Park, der sich durch Gitarrist Martin Beyer in ein „Minimal Woodstock“ verwandelte, über den Griesplatz bis zum Ostbahnhof und zurück nach St. Leonhard über 90 Musikerinnen und Musiker, inklusive Publikum und Extremradsportler Lukas Kaufmann, praktisch die ganze Stadt zum Klingen. Offenbar dank spontaner Mundpropaganda schwoll der Besucherstrom im Laufe des Tages an. Viele der musikalischen Interventionen konnten gratis besucht werden. Aber auch der Ticketverkauf zog noch an und gegen Ende des Tages konnte Günter Meinhart stolz „Ausverkauft!“ vermelden.
Das musikalische Geschehen spitzte sich zunächst in der Kanonenbastei auf dem Schloßberg mit einer Doppelaufführung von Reichs Komposition „City Life“ zu. Für jeweils eine halbe Stunde überlagerten die Ensembles Studio Dan und Studio Percussion den Blick über das nächtliche Graz perfekt mit Steve Reichs musikalischem Stadtplan seiner Heimatstadt New York. Das abrupte Ende des Stücks ließ das Rauschen des Grazer Stadtlärms für ein paar Sekunden unter freiem Himmel allein stehen, bevor der Applaus einsetzte.

Danach eilte das Publikum weiter in die Leonhardstraße, wo sich in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität das Grande Finale des Tages abspielte. Zuerst rekonstruierte die Klangkünstlerin Isabella Forcinti Bausteine aus verschiedenen Reich-Werken zu einem 40-minütigen, sagenhaft dichten DJ-Set, das die Herangehensweise des Meisters der Phasenverschiebungen und Überlagerungen noch einmal auf die Spitze trieb.
Punktlandung mit Elektro Guzzi
Das ursprünglich 1973 in einem New Yorker Klaviergeschäft entstandene und Mitte der achtziger Jahre von Klavieren auf Marimbas umarrangierte „Six Pianos“ erfuhr anschließend im Mumuth eine fulminante Erweiterung. Unter der Leitung von Raphael Meinhart transformierten Mitglieder des Studio Percussion und einige Gäste, darunter Saxophonist Gerald Preinfalk und Body-Percussionist Johannes Bohun Reichs Stück in eine neue Dimension und brachten es so richtig zum Glänzen.
Den fast logischen Abschluss des Mini-Festivals zu Ehren Steve Reichs bildete die Wiener Live-Techno-Formation Elektro Guzzi, seit jeher dessen kompositorischen Ansätzen verpflichtet. Ihr schnörkelloses, extra für den Anlass adaptiertes Live-Set inklusive einem für das Trio ungewöhnlich ehrerbietigen Finale landete punktgenau um Mitternacht.
