Alleinerziehende in Armut: „Alltag ist ein Überleben, aber kein Leben“
Die Steiermark will mit dem neuen Sozialunterstützungsgesetz bis Jahresende 5,5 Millionen Euro einsparen. Wen die Einsparungen am meisten treffen: Alleinerziehende und kranke Menschen.

Miete zahlen und gleichzeitig einen gefüllten Kühlschrank haben mag für die einen selbstverständlich klingen. Für zahlreiche Steirerinnen und Steirer gilt diese Existenzgrundlage inzwischen als purer Luxus. Ein Alltag voller Ängste, die die Weststeirerin Janine B. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) nur allzu gut kennt. „Ich musste meinen Vermieter bitten, mir Mietrückstand zu gewähren, damit ich Essen für meine Kinder kaufen kann.“ Zwischen zwölf und drei Jahren sind die vier Kinder der alleinerziehenden Weststeirerin. Damit gehört die 36-Jährige zu einer der Personengruppen, die in der Steiermark besonders stark von Armut betroffen sind, ebenso wie kranke oder dauerhaft eingeschränkte Personen.
Das neue Sozialunterstützungsgesetz hat die Situation der Weststeirerin massiv verschärft. „Im Moment ist der Alltag ein Überleben, aber kein Leben.“ Die Angst, dass essenzielle Geräte wie Auto oder Waschmaschine kaputtgehen, begleitet die Vierfachmama täglich. 5,5 Millionen Euro plant Soziallandesrat Hannes Amesbauer bis Jahresende mit der Reform einzusparen – „wer seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, muss mit spürbaren Konsequenzen rechnen“, zog er im September 2026 eine erste Bilanz. Für Janine B. wie ein Schlag ins Gesicht. „Ich gehe jeden Tag arbeiten und leiste meinen Beitrag, so wie alle anderen auch, und trotzdem reicht es am Ende nicht“, schwingt die Verzweiflung mit.
Monatelanger Kampf um Hilfe
2025 kam die 36-Jährige noch gut über die Runden, erinnert sie sich. „Wir hatten insgesamt knapp 800 Euro übrig, um Dinge wie Tank, Essen und Schulbedarf zu bezahlen.“ Kein Platz für große Sprünge, und doch machbar zum Leben, so die Steirerin. Mit dem neuen Sozialunterstützungsgesetz ist die finanzielle Hilfe auf 120€ geschrumpft, auch, weil das älteste Kind inzwischen beim Kindsvater lebt und nun mit drei statt vier Kindern gerechnet wird.

Monatelang bekam die Weststeirerin überhaupt keine Unterstützung seitens des Landes – der Grund: ein Behördenfehler. „Als ich nach der Trennung umgezogen bin, blieben zwei Kinder aufgrund ihres Schulsprengels in der alten Gemeinde gemeldet, haben aber wie die anderen beiden bei mir gewohnt. Obwohl die Gemeinde so lieb war, das extra am Meldezettel zu vermerken, wurde das auf der BH nicht berücksichtigt oder ,übersehen‘“. Die Folge: Statt Unterstützung für vier Kinder gab es erst lediglich finanzielle Hilfe für zwei. Zwischen Jänner und Juni 2026 wurde die Unterstützung kurzfristig vollständig eingestellt. „Weil sich angeblich immer etwas verzögert hat“, erinnert sich die 36-Jährige an die Odyssee.
7,55 Euro Rezeptgebühr: Auf einmal unleistbar
Ende September bekam die Vierfachmama schließlich wieder Sozialunterstützung ausgezahlt, inklusive der Zahlungen, die sie in den ersten Monaten des Jahres hätte erhalten sollen. „Ich war so erleichtert, weil ich meine angesammelten Schulden begleichen konnte. Ohne private Unterstützung wäre es davor nicht mehr gegangen.“ Ein Alptraum für die Mutter. „Wenn man seinen Kindern nicht einmal ein Eis kaufen kann, bricht einem das Herz.“
Das Schicksal der Weststeirerin ist nur eines von vielen, weiß Lukas Theiler von der Beratungsstelle für Existenzsicherung (BEX) der Caritas. 3500 Menschen hat die BEX alleine im heurigen Jahr beraten. „Die Armut zieht sich inzwischen durch alle Altersgruppen und soziale Schichten, weil die Kosten für Lebensgrundlagen so in die Höhe geschossen sind.“ Erst kürzlich sei ein 60-jähriger Mann in die Beratungsstelle gekommen. 7,55 Euro Rezeptgebühr für ein wichtiges Medikament: Unleistbar.
Die Armut zieht sich inzwischen durch alle Altersgruppen und soziale Schichten
— Lukas Theiler, Beratungsstelle für Existenzsicherung
Am Beispiel der 36-jährigen Weststeirerin werden die Einbußen mit einem Rechenbeispiel noch einmal deutlicher, zeigt Theiler auf. Bekam eine Alleinerziehende mit drei Kindern Anfang 2026 ohne Wohnkostenpauschale noch 2583 Euro, sind es seit der Reform im März 2026 nur noch 2080 Euro – „das sind 503 Euro weniger zum Leben“, so Theiler.