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Auf der Suche nach den letzten Deutschsprachigen in Slowenien

Politiker in der Steiermark und Kärnten wollen die deutschsprachige Minderheit in Slowenien schützen. Doch: Wo spricht man eigentlich noch Deutsch?

Deutsch spricht im „Deutschen Dorf“ niemand mehr
© Dieter Kulmer
Deutsch spricht im „Deutschen Dorf“ niemand mehr
Thomas Cik
Leiter Kärnten-Ressort

Wo, wenn nicht hier, wird man sie finden: Jene Deutschsprachigen in Slowenien, von denen in politischen Reden – gerade zu dieser Jahreszeit – immer wieder die Rede ist. Erst vor wenigen Wochen forderte der steirische Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) die verfassungsmäßige Anerkennung dieser Gruppe als Minderheit durch die Republik Slowenien, sein Kärntner Amtskollege Daniel Fellner (SPÖ) schloss sich dem an. Und zumindest laut Ortsschild müsste diese Gruppe genau hier leben: „Nemška Vas“ steht auf einem gelben Ortsschild im tiefsten Osten Sloweniens. Das deutsche Dorf. Wenn man aber die Passanten nach den Deutschsprachigen fragt, bekommt man nur ein höfliches Lächeln und ein anschließendes Kopfschütteln. „Da hätten Sie vor dem Zweiten Weltkrieg kommen müssen. Seither gibt es hier keinen Menschen mehr, der Deutsch spricht“, erzählt eine Frau.

Dabei hatte die deutsche Sprache in diesem Teil Europas eine lange Tradition. Vor 700 Jahren begannen die Grafen von Ortenburg, Menschen aus Kärnten und Osttirol hier anzusiedeln. Die Herrschaft wechselte mehrmals, Sprache und Kultur aber blieben und aus dem einstigen Urwald wurde die Gottschee. Eine Sprachinsel, die über die Jahrhunderte Bestand hatte – bis sich im Zuge des Balkanfeldzugs 1941 das nationalsozialistische Deutsche Reich und das faschistische Italien das heutige Slowenien aufteilten. Innerhalb weniger Monate verließen 95 Prozent der deutschsprachigen Menschen die Gegend. Nur 600 von ihnen blieben. „Ein paar wenige gibt es noch, die die Sprache hier sprechen, aber nur daheim in ihren Häusern im Hügelland“, sagt Branko Jurejevčič, Pfarrer von Kočevje, wie der Ort Gottschee heute genannt wird.

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Branko Jurejevčič, Pfarrer von Kočevje, predigt zwischen deutschen Inschriften, beherrscht die Sprache selbst aber nicht
Branko Jurejevčič, Pfarrer von Kočevje, predigt zwischen deutschen Inschriften, beherrscht die Sprache selbst aber nicht © Dieter Kulmer

In seiner Kirche sind die Spuren der einst dominierenden Sprache noch sichtbar. Die Aufschriften im Altarraum sind Deutsch, selbst eine Fahne zu Ehren aller Heiligen, die erst 2003 gestiftet wurde, ist zweisprachig. „Aber nicht einmal mehr bei den Begräbnissen wird nach einem ‚Vater unser‘ verlangt“, sagt der Zwei-Meter-Mann entschuldigend.

Grabstein für die Kultur

Jedes Jahr kommen Nachfahren der einst Umgesiedelten in das Dorf, beten in seiner Kirche und in einer kleinen Filiale am Stadtrand. Auf einer Marmortafel an der dortigen Kirchenwand wurde die Geschichte der Gottscheer tabellarisch niedergeschrieben. Sie endet mit der Jahreszahl 1942 und dem Satz: „Die deutschen Bewohner von Gottschee werden umgesiedelt. Womit die deutsche Sprachinsel zu bestehen aufhört.“

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Die Geschichte der Gottscheer wurde hier dargestellt
Die Geschichte der Gottscheer wurde hier dargestellt © Dieter Kulmer

40 Autominuten entfernt liegt Rudolfswerth – wobei heute niemand mehr diesen Namen verwendet, man sagt Novo Mesto. Im Schulzentrum wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Daran, dass Kinder und Jugendliche die Sprache wählten, weil ihre Großeltern oder Eltern sie beherrschen, also Teil dieser deutschsprachigen Minderheit sind, kann sich Sebastijan Brežnjak nicht erinnern. „Seit einigen Jahren wird sie aber noch weniger nachgefragt. Die Jugendlichen wollen Englisch sprechen – es hilft ihnen bei ChatGPT oder Google. Das sind die Punkte, die ihnen wichtiger sind“, erklärt der Lehrer die Sprachwahl der Jugend.

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 Sebastijan Brežnjak ist Lehrer am Schulzentrum Novo Mesto
 Sebastijan Brežnjak ist Lehrer am Schulzentrum Novo Mesto © Dieter Kulmer

Das Verschwinden der Sprache

Der Niedergang des Deutschen in Slowenien hat nicht nur mit der Umsiedelung der Gottscheer zu tun. In vielen Fällen führten auch Ehen über Volksgruppengrenzen hinweg dazu, dass man sich von der Muttersprache entfremdete. Ein weiterer Punkt war die Repression nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenngleich es auch unter den Deutschsprachigen eine ganze Reihe von Partisanen gab, wurde die Sprache nach 1945 mit dem Verweis auf die Nazis abgelehnt.

Einer, der Slowene ist und tatsächlich täglich Deutsch spricht, ist Gorazd Šifrer. Wobei der Jurist aus Marburg – „oder Maribor, ich verwende da beide Formen“ – auch wieder einschränkt: „Deutsch spreche ich hauptsächlich in meinem Beruf als Notar, gut 40 Prozent meiner Klienten kommen aus Österreich oder Deutschland.“ Das Deutsche als Alltagssprache erlebe er hingegen selten. „Es gibt bei uns rund um Maribor tatsächlich viele Menschen, die die Sprache beherrschen, die Alltagssprache ist sie aber nur bei wenigen.“

Gorazd Šifrer ist Vertreter der deutschsprachigen Slowenen
© Privat
Gorazd Šifrer ist Vertreter der deutschsprachigen Slowenen

Wir hörten in der Jugend lieber Ö3 als irgendwelche serbischen Sender.

— Gorazd Šifrer, Slowene mit deutschen Wurzeln

Die Geschichten der Deutschen ähneln sich in vielen Fällen. „Meine Familie ist um 1500 aus Augsburg in Krain eingewandert und dann eben weitergesiedelt. Lange Zeit schrieben wir uns auch mit Sch und zwei F“, erzählt Šifrer. Dass er in der Aussprache zwar hart klingt, in der Wortwahl aber hochpräzise ist, hat seine Gründe. „Meine Mutter leitete das Germanistik-Institut an der Universität Marburg.“ Überhaupt stammen viele Deutschsprachige aus Akademikerfamilien, „in denen konnte sich die Sprache halten. Und dann gab es ja auch noch Ö3, das wir in unserer Jugend lieber hörten als irgendwelche serbischen Sender.“ Mittlerweile engagiert er sich in Kulturvereinen dafür, dass Štajrer und Steirer wieder zueinanderfinden.

Keine Einigkeit in Vereinen

Sieben anerkannte Kulturvereine der deutschsprachigen Volksgruppe gibt es in Slowenien. Wenn Präsident Alexander Van der Bellen einen Staatsbesuch absolvierte, blieb er auch immer an ihren Kulturhäusern stehen - allerdings ohne Medienvertreter. Denn Einigkeit herrscht über die einzelnen Vereine hinaus nicht. Wie sehr nähert man sich der FPÖ an, die ihr Thema zumindest medial immer laut trommelt? Wie sehr den anderen Parteien? Oder sucht man - wie Šifrer - mit dem habsburgischen St. Georgs-Orden gleich einen völlig anderen Partner in der Interessenspolitik? Hinzu kommt: Es fehlt den Vereinen an Geld und Nachwuchs. Wohl auch ein Grund, warum man es seit Sloweniens Unabhängigkeit nie schaffte, sich in Laibach mit einer Stimme Gehör zu verschaffen.

Wie groß ist die Minderheit?

Die offiziellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2002. Da gaben 499 Menschen in Slowenien an, „deutsch“ zu sein, weitere 181 gaben an, „österreichisch“ zu sein. Schätzungen gehen von 2000 bis 5000 Personen in Slowenien aus, die auf deutschsprachige Wurzeln verweisen können. Ein geschlossenes Siedlungsgebiet der Deutschsprachigen liegt jedoch nicht mehr vor. Ungarn und Italiener sind dagegen als autochtone Minderheiten anerkannt. Der Europarat kritisierte 2020 den Staat Slowenien dafür, dass man in den Bereichen Schule und Medien zu wenig für den Erhalt der Sprache leiste.

Wie sieht er die Forderung nach einer gesetzlichen Anerkennung als Minderheit? Italiener und Ungarn haben in Slowenien diesen Status - samt eines Sitzes im Parlament und eigenen Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Šifrer wird auch hier präzise: „Man kann das umsetzen, einfordern würde ich es aber nicht.“ Er selbst sieht sich als Slowene mit Wurzeln in der deutschsprachigen Kultur. „Eigentlich hoffe ich ja seit Jahrzehnten, dass wir diese Brücke überschreiten. Wir haben in dieser Region so viele Gemeinsamkeiten: Kultur, Architektur, den Wein. Das ist immer noch lebendig, das konnte keine Politik beiseite schaffen, dafür sollten wir eigentlich kämpfen.“