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In diesen südweststeirischen Gebäuden steckt NS-„Erbgut“

Das Forschungsprojekt „Kontaminiertes Erbe“ nimmt Gebäude aus Leibnitz und Deutschlandsberg hinsichtlich ihrer NS-Geschichte genauer unter die Lupe.

Das Bezirksgericht Leibnitz anno 1929
© Stadtgemeinde Leibnitz
Das Bezirksgericht Leibnitz anno 1929
Julia Haslebner
Redakteurin Regionalredaktion Leibnitz & Deutschlandsberg

Hinter die Fassade zu blicken, macht nicht nur in zwischenmenschlicher Hinsicht oft Sinn. Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung hat mit seinem Forschungsprojekt „Kontaminiertes Erbe“ nun erstmals Gebäude in der Steiermark hinsichtlich ihrer Funktion und Bedeutung in der NS-Zeit erforscht. Darunter etwa auch die Bezirksgerichte Leibnitz und Deutschlandsberg.

Zeugenbefragungen vom Landgericht Graz

Letzteres ist seit 1899 am Hauptplatz 18 beheimatet und wurde seit 1938 als Amtsgericht bezeichnet. „Spannend ist vor allem, dass dort nicht nur die unterste Justiz, wie etwa Diebstähle, verhandelt wurden, sondern auch Vorverhandlungen und Zeugenbefragungen vom Landgericht Graz, das heutige Landesgericht für Strafsachen“, erklärt Markus Rieger-Roschitz. Der gebürtige Deutschlandsberger ist mittlerweile für das Steiermärkische Landesarchiv tätig und hat sich für das Forschungsprojekt die steirischen NS-Schauplätze näher angeschaut.

Das Bezirksgericht Deutschlandsberg 1930
© Sammlung Dr. Gerhard Fischer
Das Bezirksgericht Deutschlandsberg 1930

Das Deutschlandsberger Gericht diente als Polizeigefängnis für politische Häftlinge sowie als Strafvollzugsarrest. 1945 kam es außerdem dazu, dass der Amtsrichter der SS Schlüssel für eigene Zwecke ausgehändigt hat. So kam es zu den 18 SS-Häftlingen, die im selben Jahr auf die Hebalm transportiert und ermordet wurden.

Verlauste Inhaftierte

Auch in der Leibnitzer Kadagasse 8 befindet sich ein Schauplatz, der als Amtsgericht eine bedeutende Funktion innehatte: das Bezirksgericht. „Besonders auffällig war der Zustand der dort inhaftierten Personen: Sie waren zum Teil verlaust. Der Landrat (Bezirkshauptmann, Anm. d. Red.) hat das Gericht zudem für politische Inhaftierungen missbraucht, was zum Streit zwischen ihm und dem Amtsrichter führte“, führt Rieger-Roschitz aus.

Besonders auffällig war der Zustand der dort inhaftierten Personen: Sie waren zum Teil verlaust.

— Markus Rieger-Roschitz, Referent Steiermärkisches Landesarchiv

25 dort Inhaftierte verschleppte man 1945 aus dem Gericht, fünf von ihnen fand man später in einem Massengrab im Karwald bei St. Veit in der Südsteiermark, wo insgesamt 24 Leichname gefunden wurden. Aber nicht nur in den Bezirksgerichten spielte sich zu Kriegszeiten einiges ab.

„Die Südweststeiermark im NS-Regime“

Im Rahmen des ArchaeoRegio-Projektes „Die Südweststeiermark im NS-Regime“ wurden bereits NS-relevante Schauplätze in der Südweststeiermark in einer Karte zusammengefasst. Darunter auch das Schloss Laubegg in der südsteirischen Gemeinde Ragnitz, das 1938 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als „Gauschulungsburg“ genutzt wurde. Die politischen Leiter der NSDAP genossen hier ihre Ausbildung.

In der „Gebietsführerschule 1 Retzhof“ wurde die Hitlerjugend ausgebildet
© Timo Jesenicnik/Retzhof
In der „Gebietsführerschule 1 Retzhof“ wurde die Hitlerjugend ausgebildet

Ausbildungsort war mitunter auch das heutige Bildungshaus Schloss Retzhof, das als „Gebietsführerschule 1 Retzhof“ diente. Vor allem Gefolgschafts-, Unterbann- bzw. Stammführer sowie Fähnleinführer der Hitlerjugend wurden hier in einem dreiwöchigen Lehrgang ausgebildet.

Weitere Schauplätze

Zu den regionalen Zeitzeugen zählen aber auch das Wächterhaus in Aflenz an der Sulm, das zum Außenlager des KZ Mauthausen gehörte sowie das Schloss Lannach, in dem das Subkommando von Mauthausen seinen Sitz hatte. In Eibiswald erinnert etwa noch der Kloepferbrunnen an den Dichterarzt und NS-Anhänger .