„Wir halten einen historischen Geigerzähler an die Gebäude“ aus der NS-Zeit
Das Forschungsprojekt „Kontaminiertes Erbe“ geht der Geschichte von Gebäuden in der NS-Zeit auf den Grund. 21 steirische Objekte sind nun online abrufbar.

„Bei vielen Gebäuden wurde zum ersten Mal untersucht, was sich hinter der Fassade abgespielt hat“, erklärt Barbara Stelzl-Marx, was ein aktuelles Forschungsprojekt des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung so besonders macht. Im Auftrag der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) hat ein siebenköpfiges Team unter der Leitung von Stelzl-Marx die Geschichte von Gebäuden im Eigentum der BIG untersucht. „Wir haben einen historischen Geigerzähler an die Gebäude gehalten und geschaut, wo er ausschlägt“, erklärt die Wissenschafterin.
Die Ergebnisse des Pilotprojektes „Kontaminiertes Erbe“ lagen schon im Februar auf dem Tisch. Nun geht man daran, diese unter die Leute zu bringen. „Das passiert etwa mit einer Online-Landkarte, die auf unserer Homepage abrufbar ist“ (kontaminiertes-erbe-bik.lbg.ac.at), erklärt die Leiterin des Boltzmann Instituts. Informationstafeln an Gebäuden, Infomaterial und Veranstaltungen sollen laut BIG folgen.
Das Projekt ist ein Beitrag wider das Vergessen
— Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung
74 Objekte in Wien, Niederösterreich und der Steiermark
74 Objekte wurden in einem ersten Schritt wissenschaftlich akribisch durchleuchtet. Die Mehrzahl der Gebäude ist in Wien zu finden, ein zweiter Schwerpunkt lag auf der Steiermark. Welche Rolle 21 Amtsgebäude in Graz und den steirischen Bezirkshauptstädten bei der Ausübung von Terror, Gewalt, Ermordung und Unterdrückung gespielt haben, ist nun nachzulesen. Bisherige Lücken in der Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte konnten so geschlossen werden.
Das Oberlandesgericht Graz in der NS-Zeit
In Graz haben sich die Wissenschafter etwa in die Geschichte des Oberlandesgerichts am Marburger Kai vertieft. „Wie klar war, dass der Krieg aus ist, haben dort im Innenhof tagelang die Akten gebrannt, es ist aber trotzdem noch einiges übrig geblieben“, erzählt Stelzl-Marx. Belegt sind etwa Urteile wegen Hoch- und Landesverrats, die dort gefällt wurden. Mindestens 15 Personen wurden in den letzten Monaten der NS-Herrschaft zum Tod verurteilt. „Entschieden wurde im Haus auch über eine große Anzahl von Zwangssterilisationen“, ruft die Leiterin des Boltzmann Instituts in Erinnerung.
Steirische Bezirksgerichte im Fokus
Noch mehr als die Geschichte der Gebäude in der Landeshauptstadt und der dort tätigen Menschen lag bisher die Vergangenheit von öffentlichen Gebäuden in den Bezirkshauptstädten im Dunkeln. 14 wurden im Rahmen des Projekts „Kontaminiertes Erbe“ unter die Lupe genommen. Das Bezirksgericht Mürzzuschlag ist ebenso dabei wie das Bezirksgericht Deutschlandsberg. Letzteres übersiedelte 1899 zum Hauptplatz 18, wo es heute noch zu finden ist. Ab dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 wurde es auch als Polizeigefängnis für politische Häftlinge genutzt. Nur ein Blitzlicht aus der NS-Zeit: 18 Häftlinge wurden von dort in den letzten Kriegstagen 1945 unter einem Vorwand abtransportiert und auf Anweisung des NSDAP-Kreisleiters ermordet.

Im Auftrag der Bundesimmobiliengesellschaft
Warum überhaupt in den Untiefen der Geschichte graben? „Die Spuren des NS-Regimes sind auf den ersten Blick nicht sichtbar, aber sie sind eingebrannt in die Biographien, auch in jene von Gebäuden“, unterstreicht Stelzl-Marx. „Als BIG übernehmen wir umfassende Verantwortung für unsere Häuser. Das betrifft selbstverständlich bauliche Aspekte wie die gezielte Modernisierung und Dekarbonisierung unserer Bestandsgebäude. Gleichzeitig haben wir auch die große gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit der Geschichte unserer Häuser auseinanderzusetzen“, betonen die Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft Christine Dornaus und Gerald Beck.
Wir haben die große gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit der Geschichte unserer Häuser auseinanderzusetzen.
— Christine Dornaus und Gerald Beck, BIG-Geschäftsführung

Projekt soll weiter ausgerollt werden
Aktuell widmet man sich der Vermittlung der bisherigen Ergebnisse. Geplant ist laut BIG aber eine weitere Ausrollung des Projekts, in das auch Danielle Spera als Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats eingebunden ist. Objekte, in deren Vergangenheit man eintauchen kann, gibt es genug. Die BIG und ihre Tochter ARE sind für rund 2000 Gebäude in Österreich zuständig. Schulen und Unis gehören ebenso dazu wie Gerichtsgebäude, Justizanstalten, Ministerien, Büro- und Wohngebäude. Geschätzte 500 bis 600 davon wurden laut dem Ludwig Boltzmann Institut auch zur NS-Zeit bereits genutzt.