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Rapper Danger Dan: „Sonst wäre mir der Kopf geplatzt“

Sein Song „Keine Angst“ brachte dem Musiker Danger Dan eine Last-Minute-Ausladung aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ ein und eine hitzige Debatte über Kunstfreiheit und Gewaltaufrufe. Was ihm die Frauen in seinem Leben über Feminismus beigebracht haben. Und in welcher Frage Danger Dan ein Konservativer ist.

Rapper Danger Dan
© Bastian Bochinski
Rapper Danger Dan
Steffen Rüth

Haben Sie nach dem Sommer-Wirbel rund um „Keine Angst“ auch mal abschalten können?

Danger Dan: Nicht ganz, wenn ich ehrlich bin. Ich bin zwar einiges an Aufmerksamkeit gewohnt, aber so einen Wahnsinn wie diesmal hatte ich noch nie erlebt. Irgendwann konnte ich mir das nicht mehr alles angucken, sonst wäre mir der Kopf geplatzt. 

Zwei Monate sind vergangen seit Ihrer viel diskutierten Last-Minute-Ausladung aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“, weil der Song „Keine Angst“ nach Ansicht der ZDF-Geschäftsführung als Aufruf zu Gewalt und Selbstjustiz verstanden werden könnte. Hat das der Sache mehr geschadet oder eher genützt?

Sowohl als auch. Dass da eine große Diskussion losgetreten wurde, finde ich gut. Aber sie ist an mancher Stelle am Thema vorbeigeführt worden. Viel interessanter wäre die Frage gewesen, wie wir mit dem Rechtsruck und der damit einhergehenden rechten Gewalt umgehen. 

Haben Sie eigentlich mit dem Intendanten Norbert Himmler mal persönlich gesprochen?

Nein, nie. Er hat sich irgendwann öffentlich geäußert und gesagt, der eigentliche Fehler sei gewesen, mich überhaupt erst einzuladen. Das war aus meiner Sicht keine besonders vielversprechende Gesprächsgrundlage. 

Sie geben mit „Keine Angst“ den Leuten fast eine Anleitung, wie man den Widerstand gegen Nazis organisieren könnte. Setzt Ihr Publikum diese Anregungen um?

Auf jeden Fall. Bei einem Konzert haben mir Leute einen Aufkleber zugesteckt: „Keine Angst“ oben drauf, unten drunter „nazismelden.org“. Die haben tatsächlich eine Meldestelle für Neonazi-Umtriebe aufgemacht – und beziehen sich explizit auf das Lied. Es scheint also wirklich Leute zu inspirieren, aktiv zu werden. Ich glaube nicht, dass jeder sich traut, antifaschistischen Selbstschutz aufzubauen, aber es kann trotzdem Mut machen, sich zu überlegen: Was kann ich stattdessen tun? Es gibt sicher sogar eine Menge Richterinnen, Staatsanwälte und Polizistinnen da draußen, die keinen Bock auf Nazis haben. Auch denen kann das Lied helfen, im entscheidenden Moment nicht wegzusehen.

Haben Sie selbst Angst, was Ihre körperliche Unversehrtheit angeht?

Absolut. Aber das ist für mich keine neue Situation, ich kenne das seit Langem. Wichtig sind für mich zwei Dinge: Erstens, ich habe mich aus einer ziemlich privilegierten Ausgangsposition heraus in diese Lage gebracht – es gibt Leute, die haben diese Wahl nicht. Zweitens: Angst zu haben heißt nicht, sich davon lähmen zu lassen. Wer vor lauter Angst nichts tut, den hat die Angst besiegt. 

Aber wenn dir plötzlich drei Nazis gegenüberstehen?

Selbstschutz heißt ja nicht, drei Leute umzuhauen, sondern vor allem, gar nicht erst in so eine Situation zu geraten und Strategien zu entwickeln, um sie zu vermeiden. Das trainiere ich, seit ich 15 bin. Ich habe schon seit meiner Jugend Stress mit Nazis und im Laufe der Zeit ein paar Techniken gefunden, die mir dabei ganz gut helfen.

„Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen“ greift Rechtsextremismus und Frauenfeindlichkeit quasi in einem Abwasch an. Wie entsteht so ein Lied?

Das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht mehr genau. Bemerkenswert finde ich: Im Vergleich zum Kampf gegen Rechtsextremismus wird eine vergleichbare Debatte gegen patriarchale Gewalt höchstens halbherzig geführt. Dabei reden wir da über jahrhundertealte Strukturen, an deren Ende Frauen ermordet werden. Über 150 im Jahr, allein in Deutschland. Das hat System. 

Würden Sie sich selbst als Feministen bezeichnen?

Früher hätte ich jetzt einfach „Ja“ gesagt. Der Diskurs heute sagt eher: Als Mann kann man im engeren Sinn gar nicht feministisch sein, sondern höchstens profeministisch, weil ich in einer patriarchalen Gesellschaft sozialisiert wurde und selbst nicht behaupten kann, mit diesen Strukturen nichts zu tun zu haben. 

© Bastian Bochinski

„Keine Angst“ ist auch ein sehr intimes Album. Sie schreiben etwa in „Dass es hier so schön ist“ über Ihre Augenkrankheit. Sie singen, Sie leben seit der Diagnose intensiver, jeder Moment sei kostbarer geworden. Stimmt das wirklich?

Erstmal war die Diagnose niederschmetternd. Aber rückblickend hat sie eine gewisse Risikobereitschaft gefördert, die sich manchmal fast wie ein Vorteil anfühlt. Als ich von der Krankheit erfuhr, habe ich sofort meinen damaligen Job gekündigt, bin viel gereist, hab verschiedene Dinge ausprobiert. Dieses Irgendwann gab es plötzlich nicht mehr, sondern nur noch: Mach das jetzt, solange du dich noch frei bewegen kannst. 

Wissen Sie, wie der Verlauf bei Ihnen konkret aussehen wird?

Das ist schwer zu sagen. Statistisch sind die meisten Erkrankten mit dieser Diagnose mit Mitte 50 blind. Ich habe also noch ein paar Jahre, vielleicht auch mehr, bei mir verläuft es bisher recht positiv. 

Sie singen auch: „Wer sein Land liebt, der weiß nicht, was Liebe wirklich ist.“ Ein Seitenhieb auf die „Wir holen uns unser Deutschland zurück“-Fraktion?

Genau. Es gibt eigentlich keinen Grund, sich mit „Deutschland“ zu identifizieren, außer man hat sonst nichts, worauf man stolz sein kann. Dass wir hier geboren wurden und nicht zum Beispiel in Aleppo, ist reiner Zufall. Darauf kann man schwerlich stolz sein. 

Was empfehlen Sie den Leuten stattdessen, um ihr seelisches Loch zu stopfen?

(lacht) Sich einen Hund zu holen. Oder erstmal mit einem Meerschweinchen anzufangen.

In unserem letzten Interview hast du den jungen Danger Dan als „destruktiven Bengel“ bezeichnet.

(lacht): Ich finde den Begriff eigentlich immer noch sympathisch und aktuell.

Werden Sie selbst mit zunehmendem Alter eigentlich konservativer?

Das kann ich noch nicht so genau sagen. Ich merke aber, dass sich manche früheren Rollen für mich überholt haben – ich fühle mich inzwischen als Klavierspieler deutlich wohler als in der Rolle des Rappers, der ständig „Fickt die Uni“ schreit. Auf meinen Thermomix und meinen Dyson-Staubsauger kann ich dann aber doch nicht verzichten (lacht).

Zur Person

Danger Dan, geboren 1983 in Aachen, heißt eigentlich Daniel Pongratz. Er ist Mitglied der Antilopen Gang. Neben dem Hip-Hop machte er sich auch als Solokünstler einen Namen: 2021 erschien sein Klavieralbum „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, dessen gleichnamiger Song große Aufmerksamkeit erhielt. Seine Musik verbindet politische und gesellschaftliche Themen mit schwarzem Humor, Rap und Liedermacher-Tradition. Wegen seiner dezidiert linken und antifaschistischen Texte wird Danger Dan immer wieder kontrovers diskutiert.